04:48 25 September 2018
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    AfD-Anhänger demonstrieren in Berlin (Archivfoto)

    „Arroganz der Macht“ - AfD-Kandidat in Mansfeld-Südharz: „Die Leute wollen mitreden“

    © AFP 2018 / John Macdougall
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    In Wiesbaden tritt ein hoher BKA-Beamter für die AfD an, im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt kandidiert der Justizvollzugsbeamte Jens Diederichs als Direktkandidat für diese Partei. Er kritisiert, dass der Staat an der falschen Stelle, nämlich bei Polizei und Justiz, spart und bekommt für diesen Standpunkt durchaus Zuspruch.

    Herr Diederichs, Wie erklären Sie sich, dass die AfD gerade in Ostdeutschland und vor allem in Sachsen-Anhalt so erfolgreich ist?

    Ob das nun ein speziell sachsen-anhaltinisches Phänomen ist, bezweifle ich. Ich denke, das ist allgemein in Ostdeutschland ein Thema. Die Menschen, die hier leben, haben die Wende live erlebt, und die wollten was verändern in der Wende. Jetzt ist ihnen wieder so, weil sie spüren, dass die Politik, an Ihnen vorbei regiert.

    Was erwarten und wünschen sich die Menschen in Ihrem Wahlkreis von der AfD?

    Sie erwarten ganz einfach mehr Bürgerbeteiligung, dass sie nicht nur alle vier Jahre ihre Kreuze machen dürfen und dann sind sie wieder außen vor, ob das nun auf Bundes- oder auf Kommunalebene ist. Das bewegt die Leute mehr. Wenn man sich umschaut in Europa, dann sieht man, in anderen Ländern werden die Leute gefragt. Großbritannien will jetzt abstimmen über den Verbleib in der EU. In der Schweiz gab es jetzt eine Volksabstimmung zum Ausländerrecht. Hier in Deutschland passiert so etwas einfach nicht, damals bei der Euro-Einführung nicht oder jetzt bei den Russland-Sanktionen.

    Sie waren früher in der SPD. Woher kam Ihr Sinneswandel, dann zur AfD zu wechseln?

    Ja, ich war in der SPD. Damals dachte ich, die SPD ist eine Volkspartei, die Partei für den kleinen Mann. Aber nach einiger Zeit musste ich feststellen, dass die Parteiführung, nicht auf kommunaler Ebene, sondern eher auf Bundesebene, dass diese Parteiführung es nicht interessiert, was die Parteimitglieder an der Basis denken. Und wenn ich dann den Bundesvorsitzenden sehe, den Herrn Gabriel, der sehr zum Wohle der Wirtschaft handelt und die Bundesrepublik mit zum größten Waffenexporteur gemacht hat, da habe ich mich dann nicht mehr wohlgefühlt in der SPD.

    Wie erklären Sie sich diese zunehmende Diskrepanz zwischen dem, was das Volk denkt und will, und dem, was in der Politik ausgehandelt wird?

    Für mich gibt es da eine ganz einfache Erklärung — das ist die Arroganz der Macht. So auch zum Beispiel bei der Russland-Problematik. Die Leute haben mitbekommen, dass gerade der US-amerikanische Machtapparat und auch die Wirtschaft versucht hier Fuß fassen wollen. Und da stört natürlich der Russe. Und deshalb versucht man alles, um die Russen hier wegzuschieben, und man nimmt auch deshalb Umstürze in Kauf, wie beispielsweise in der Ukraine. Und dass da auf dem Rücken der kleinen Leute große Politik gemacht wird, das gefällt den Menschen hier einfach nicht.

    Herr Diederichs, Sie haben einen interessanten Lebenslauf: Berufssoldat in der DDR, später Justizvollzugsbeamter in der BRD. Was würden Sie in den Bereichen Justiz, Polizei und Armee ändern?
    Bei der Armee würde ich sofort die Wehrpflicht wieder einführen. Man sieht ja, dass die Bundeswehr ein Problem hat und keinen Nachwuchs findet. Ein Staat, der seine Armee abschafft, der schafft sich zum Schluss selbst ab. Ein Volk von rund 80 Mio. Einwohnern hat eine Bundeswehr von 120 000 Mann. Die Bundewehr das sind quasi nur noch Hobbykrieger.

    Bei der Polizei in Sachsen-Anhalt sehe ich vor allem die Überalterung. Die normalen Streifenbeamten werden ausgepowert bei Fußball-Einsätzen oder bei der Bewachung von Flüchtlingsheimen. Es wird auch überall gestrichen. Der Wasserkopf bei der Polizei, da wird nichts gestrichen. Aber die Aufgaben werden ja mehr. Wenn in einem Landkreis nur noch 2-3 Streifenwagen im Einsatz sind, da wissen die Gauner doch Bescheid. Wenn ich am Punkt A am Ende eines Landkreises ein Ding drehe, um die Polizei aufmerksam zu machen als Ablenkungsmanöver, dann kann ich am anderen Ende des Landkreises in Ruhe mein Ding durchziehen, weil ich genau weiß, da kommt gar keiner — denn es ist ja keiner mehr da.

    Dasselbe sehe ich auch im Bereich der Justiz. Vom Justizvollzug werden die Leute einfach verheizt, wir haben einen sehr hohen Krankenstand. Und das ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass gerade hier in Sachsen-Anhalt lange Zeit nicht ausgebildet wurde. Im Gegenteil, man hat mehr Anstalten geschlossen und das Personal wurde auf andere Einrichtungen verteilt, um die Personaldecke zu halten. Aber jetzt kann man keine Anstalt mehr schließen. Wir hatten im letzten Jahr 1200 offene Haftbefehle.. Wenn die Polizei ganz fleißig ist und von heute auf morgen alle vollstrecken würde, dann hätten wir keine Plätze mehr.

    Und von der Flüchtlingskrise ist auch noch nichts zu spüren in Sachsen-Anhalt?

    Ja, sicherlich kriegen wir das hier mit. Es wird ja der AfD immer unterstellt, dass wir gegen Flüchtlinge sind. Dem ist nicht so. Aber die Menschen hier sehen die Ungerechtigkeit dabei. Jahrelang wurde immer gespart, gespart und nun mit einem Mal ist plötzlich Geld da. Und das erzeugt Unmut und auch Wut und Ärger, wenn man sieht, dass Häuser teilweise komplett saniert werden, damit die Zuwanderer dort wohnen können. Aber unsere Schulen, für die eigenen Kinder, werden nicht saniert. Und da braucht man sich nicht zu wundern, dass die eigenen Leute irgendwann politikverdrossen werden und sagen, jetzt wollen wir mitreden.

    Bemerken Sie eine gewisse Sympathie für die AfD bei Polizisten und Justizvollzugsbeamten?

    Ja klar. Wenn ich mich mit meinen Kollegen unterhalte, höre ich oft: „Mensch, das machst du gut“ oder: „Ich wünsch dir viel Erfolg“. Da bekomme ich viel Zuspruch.

    SPD-Chef Sigmar Gabriel bezeichnet dagegen die AfD als klar verfassungsfeindlich.

    Ja, das glaube ich, dass er uns so bezeichnet. Er hat ja sonst keine anderen Argumente mehr…

    Interview: Armin Siebert

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    Partei Alternative für Deutschland (AfD), Bundeswehr, Jens Diederichs, Mansfeld-Südharz, Sachsen-Anhalt, Deutschland