05:18 01 Dezember 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    231098
    Abonnieren

    Heino Wiese, ehemaliger SPD-Politiker und jetziger Unternehmensberater, ist der neue Honorarkonsul der Russischen Föderation für Niedersachsen.

    Wiese, der sich seit Jahren intensiv um die deutsch-russischen Beziehungen bemüht, sieht die Ernennung zum Honorarkonsul durchaus aus Anerkennung seiner Bemühungen. Er hat vielen großen deutschen und europäischen Unternehmen geholfen, auf dem russischen Markt Fuß zu fassen.

    In seiner Funktion als Honorarkonsul geht es Wiese aber nicht nur um die wirtschaftlichen Beziehungen. Wie schon bei seiner Arbeit im Deutsch-Russischen Forum, wo Wiese Vorstandsmitglied ist, möchte er für mehr Verständnis für Russland werben. In seinem Bundesland will er sich bei den politischen Entscheidungsträgern, mit denen er bestens vernetzt ist, zum Beispiel für mehr Jugendaustausch zwischen Deutschland und Russland und auch für mehr Russisch-Unterricht an niedersächsischen Schulen einsetzen. Allein in Niedersachsen gibt es Dutzende russischsprachiger Vereine,  die gern mit dem Honorarkonsul zusammenarbeiten wollen.

    Herr Wiese, Sie sind Unternehmensberater. In der Politik kriselt es mächtig zwischen Deutschland und Russland. Wie sieht es in der Wirtschaft aus?

    Im Moment kriselt es noch in der russischen Wirtschaft. Allerdings gibt es viele, auch deutsche Unternehmer, die sagen, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um in Russland zu investieren. Insgesamt kann man sagen, die deutsche Wirtschaft ist Russland relativ treu geblieben und hat sich nicht den politischen Sanktionen angeschlossen — außer, wenn sie es mussten. Der Großteil der in Russland tätigen deutschen Unternehmen wünscht sich, dass die Sanktionen jetzt endlich aufhören.

    Und in der Politik? Sie haben Kontakt zu großen Politkern wie Sigmar Gabriel oder Gerhard Schröder. Im Moment wird offiziell ganz schön hart geschossen gegen Russland. Wie ist die Stimmung hinter den Kulissen?

    Die Frage ist immer, was darfst du sagen? Heutzutage wird eine falsche Meinung zu dem Thema schnell als Verrat an der europäischen oder bundesdeutschen Linie gesehen. Man muss sich halt diplomatisch verhalten, solange man in Verantwortung ist. Man kann nicht frei agieren. Die großen ehemaligen Politiker wie Gerhard Schröder, Helmut Kohl oder Henry Kissinger brauchen das zum Glück nicht. Alle diese großen Männer äußern, dass man ein anderes Verhältnis zu Russland braucht, dass man stärker auf Kooperation setzen muss, um die Konflikte in dieser Welt gemeinsam lösen zu können.

    In den deutschen Medien kommt Russland fast durchgehend schlecht weg. Sehen Sie hier den journalistischen Leitsatz der Objektivität noch gegeben?

    Es gibt durchaus Pressefreiheit bei uns. Aber es gibt auch Seilschaften, die eine bestimmte Mainstream-Argumentation entwickelt haben und damit den Ton angeben. Aber zum Glück gibt es auch in den großen Zeitungen rühmliche Ausnahmen, die eine differenziertere Meinung zum Thema haben. Aber wenn ich abends das heute journal anmache, sehe ich diese Mainstream-Argumentation, der ich nicht folgen kann.

    Sie sind Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums, das sich für die deutsch-russischen Beziehungen einsetzt.  Nächste Woche wird Sigmar Gabriel auf der Festveranstaltung des Vereins auftreten. Sehen Sie das als ein gutes Zeichen?

    Ja, ich glaube, dass das ein gutes Zeichen ist. Sigmar Gabriel hat ja letztes Jahr auch Moskau besucht und dort entsprechende Gespräche geführt. Er hat sich mehrfach dafür ausgesprochen, die Sanktionen schrittweise zurückzunehmen. Er argumentiert, in dem Moment, wo eine Leistung auf der einen Seite erfolgt, sollte man das auch honorieren. So ist das in der Regel. Allerdings ist er mit diesem Standpunkt noch relativ allein. Die Kanzlerin macht dies ja von der Erfüllung aller Bedingungen von Minsk II abhängig und ist nicht für eine schrittweise Annäherung. Das halte ich für falsch.

    Nun kann man Russland ja nicht wegradieren von der Landkarte oder eine Mauer drum rum bauen. Das dürfte auch schwerfallen bei dem größten Land der Erde. Gehört Russland zu Europa?

    Selbst wenn ich Menschen mit asiatischen Gesichtszügen, die übrigens auch noch Buddhisten sind, in Ulan-Ude, hinterm Baikalsee frage, ob Russland zu Europa gehört, sagen sie: Ja klar, was denn sonst. Die Kultur innerhalb des gesamten russischen Staates ist pro-europäisch ausgerichtet. Und alle, die versuchen, da einen Keil zwischen zu treiben, machen einen großen Fehler.

    Was hätte denn Europa für ein Potential gemeinsam mit Russland? Es muss ja nicht gleich als Mitglied der EU sein.

    Wirtschaftlich ist es ja klar, dass in dem Moment, wo sich das Land mit den größten Rohstoffreserven zusammentut mit Hochtechnologie-Ländern, dies natürlich eine ungeheure Macht ist, die sich daraus entwickelt. Davor haben manch andere Angst. Wir haben nur eine Chance, mitzuspielen im Kreis der Entscheider dieser Welt, wenn wir uns mit Russland in irgendeiner Form assoziieren. Und dafür gab es hinreichend Ansätze und Vorschläge. Ich erinnere nur an die großartige Putin-Rede 2001 im Bundestag, als er von dem Wirtschaftsraum Wladiwostok bis Lissabon sprach. Und ich glaube daran, dass wir das irgendwann erreichen werden.

    Interview: Armin Siebert

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Deutsch-russischer Handel 2015 um fast ein Viertel eingebrochen
    Deutsche Wirtschaft sucht Kontakt mit Moskau
    Trotz Sanktionen: Beziehungen mit Berlin weiterhin intensiv - Botschafter Grinin
    Deutschlands Außenamt: Keine Alternative für Dialog mit Russland
    Tags:
    Wirtschaft, Sigmar Gabriel, Heino Wiese, Niedersachsen, Russland, Deutschland