04:27 01 Dezember 2020
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    Eingefrorener Donbass-Konflikt (2016) (142)
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    Die österreichische Journalistin Jutta Sommerbauer, die für die Zeitung „Die Presse“ arbeitet, war mehrmals im Kampfgebiet in der Ukraine. Ihre Eindrücke von diesem Konflikt hat sie jetzt in Buchform geschildert. Ihr Buch „Die Ukraine im Krieg. Hinter den Frontlinien eines europäischen Konflikts“ ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen.

    Frau Sommerbauer, wie schwierig ist es für einen Journalisten überhaupt in die sogenannte ATO(Anti-Terror-Operation)-Zone zu gelangen und wie frei kann man als Journalist in den selbsternannten Volksrepubliken arbeiten?

    Das wird immer schwieriger, denn es wird einfach immer bürokratischer, und zwar einerseits auf der ukrainischen Seite, wo man sich eine Pressekarte zulegen muss und auch ein Permit braucht, um die Checkpoints zu kreuzen, aber auch auf der Donezker und Lugansker Seite, wo ebenso Akkreditierungen notwendig sind und wo auch seit Sommer 2015 die Überprüfung zugenommen hat. Bevor man fährt, hat man mit solch einem Papierkram zu tun und daher kann man auch nicht spontan hinfahren, sondern muss das relativ gut vorbereiten.

    Und dann fährt man ganz entspannt mit dem Auto über die Grenze?

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    © Sputnik / Valery Melnikov

    Es gibt unterschiedliche Wege, um in das Donezker Gebiet zu kommen. Ich persönlich habe das bisher so gemacht, dass ich entweder mit öffentlichen Bussen unterwegs war – mit so kleinen gelben Bussen, mit denen auch die Lokalbevölkerung fährt – oder aber mit einem Taxifahrer. Und dann lässt man sich vom Taxifahrer durch diese Kontrollpunkte bringen. Mittlerweile hat dort auch die Kontrolle zugenommen, die Wartezeiten haben zugenommen. Und gerade dann, wenn diese Checkpoints länger geschlossen waren, weil es zu Gefechten kam, bilden sich sehr lange Schlangen, Menschen warten da mitunter einen Tag, aber auch zwei oder drei Tage, um diese Kontrolle zu passieren. Das ist natürlich aufwendig. Aber als Journalist hat man es da leichter, weil man bevorzugt durchgelassen wird.

    Wie hat man Sie in den Volksrepubliken behandelt? Wie war Ihr Kontakt mit den sogenannten Separatisten?

    Man nimmt da natürlich vorher Kontakt auf. Ohne Akkreditierung ist Arbeiten dort nicht möglich. Und einige meiner Kollegen haben auch in letzter Zeit keine Akkreditierung mehr bekommen, da wird jetzt genauer geschaut. Ich hatte diesmal das Glück, eine zu bekommen, und habe mich dort auch vorgestellt und bekannt gemacht. Man muss sagen, dass bei offiziellen Kontakten schon eine gewisse Bereitschaft besteht, auch einem Journalisten zu helfen. Das heißt, man kann durchaus auch Kontakte von diesen Behörden bekommen, also zum Beispiel zu Ministern und Behördenvertretern. Und wenn man es mal reingeschafft hat, gibt es schon auch eine Bereitschaft dazu, zu helfen.

    Wie war ihr Eindruck von Donezk als Stadt?

    Das kommt sehr darauf an, wo man sich aufhält: Im Zentrum sind natürlich nach wie vor viele Ladenfronten vernagelt, viele Läden haben geschlossen, aber es gibt auch ein paar neue Restaurants. Sobald es ein bisschen ruhiger wird, kehren die Menschen zurück oder versuchen zurückzukehren.

    Im Zentrum von Donezk ist der Alltag mehr oder weniger normal. Wenn Sie hingegen in die Außenbezirke, also in den Westen oder in den Norden in Richtung Flughafen und Bahnhof fahren – dort sieht das ganz anders aus. Dort wirken die Stadtteile wie Geisterdörfer, dort gibt es viel Zerstörung und dort sind nur noch einzelne Menschen anzutreffen. Vor allem Ältere oder besonders Arme, die es sich einfach nicht leisten können, wegzugehen. Oder aber auch Menschen, die ihr Eigentum weiter bewachen wollen. Aber das ist natürlich auch ein großes Sicherheitsrisiko, denn es kommt da immer wieder zu Treffern.

    Nun leben in den selbsternannten Volksrepubliken drei Millionen Menschen. Sind das alles Terroristen? Das Gebiet und die Militäraktion der Ukrainer nennt sich ja Anti-Terror-Operation.

    Das ist natürlich ein Euphemismus für den Krieg, der geführt wird – das ist schon klar. Natürlich können drei Millionen keine Terroristen sein, sondern die meisten davon sind einfach Zivilisten, die irgendwie versuchen zu überleben in dieser Situation. Genauso wenig wie auf der anderen Seite alles Faschisten und Nationalisten sind, wie die Donezker Führung das oft darstellt. Das ist eine Auswirkung dieses Krieges – dieser Aufbau von Stereotypen oder von Feindbildern.

    Was bewegt denn die einfachen Menschen in den Volksrepubliken, dort zu bleiben? Das sind ja nicht alles Militärs oder politisch motivierte Personen?

    Nein, natürlich nicht. Die Universitäten und die Schulen sind auch geöffnet. Es sind natürlich weniger Kinder und Studenten dort, aber es kommen natürlich auch immer welche zurück. Es sind oft ganz simple Dinge, etwa familiäre Bindungen – es wollen nicht alle ihre Heimatstadt verlassen. Manche sehen auch eine Zukunft in diesen Republiken. Manche haben ältere Menschen zu betreuen und können deswegen nicht wegfahren. Andere unterstützen vielleicht auch diese Führung. Da sind sicher die Gründe, dort zu bleiben, auch vielfältig.

    Meinen Sie, der Ukraine kann es gelingen, diese Menschen, die sie bombardiert haben, überhaupt irgendwann für sich zurückzugewinnen?

    Das ist eine Aufgabe und eine Herausforderung, die man sicher sieht, die aber mit der Fortdauer des Konflikts immer schwieriger wird. Die Realitäten entwickeln sich auseinander. Und ich denke, solange der Konflikt in dieser Phase ist, dass er eigentlich noch aktiv ist, dass noch von beiden Seiten geschossen wird, ist das eine schwer zu erfüllende Aufgabe. Dazu müsste sich erstmal dieser Konflikt einstellen; dazu müssten dann weitere, deeskalierende Maßnahmen erfüllt werden — damit man dann darüber sprechen könnte, wie man diese Region wieder näher an die Ukraine bindet, mit welchen Mitteln.

    Der Ukraine-Konflikt ist etwas aus den Medien verschwunden. Ist der Krieg vorbei?

    Nein, der Krieg ist noch nicht vorbei. Wir hören jeden Tag von Beschuss auf beiden Seiten. Es werden zwar derzeit keine großen Schlachten geschlagen. Aber es gibt nach wie vor einige Brennpunkte an dieser mehr als 500 Kilometer langen Frontlinie, wo einfach die Positionen der beiden Kriegsparteien sehr nahe aneinander stehen, was immer wieder zu Gefechten und zu Eskalationen führt.

    Wie ist Ihre Prognose, wird es ruhig bleiben? Was wären mögliche Szenarien, um diesen Konflikt zu lösen? Würden Sie bereits von einem eingefrorenen Konflikt sprechen?

    Es ist eine sonderbare Lage zwischen Krieg und Frieden, würde ich sagen, derzeit. Jeden Tag wird dieser Waffenstillstand gebrochen, und da von einem eingefrorenen Konflikt zu sprechen, halte ich für verfrüht. Prognosen sind in diesem Krieg etwas sehr Schwieriges. Mir scheint, dass zum jetzigen Zeitpunkt die Kampfhandlungen noch nicht vorüber sind, man noch nicht bereit ist, die Waffen wirklich ruhen zu lassen und bis zu einer politischen Konfliktbeilegung ein noch sehr langer Weg vor uns liegt.

    Interview: Armin Siebert

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    Eingefrorener Donbass-Konflikt (2016) (142)

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    Die Ukraine im Krieg. Hinter den Frontlinien eines europäischen Konflikts (Buch), Lugansk, Donezk, Ukraine