09:55 09 Dezember 2019
SNA Radio
    Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan

    Kein begeisterter Empfang für Erdogan: „Die USA nutzen die Türkei zynisch aus“

    © REUTERS / Murad Sezer
    Politik
    Zum Kurzlink
    62207
    Abonnieren

    Obwohl die USA auf die Türkei nicht verzichten können, irritiert deren Vorgehen immer mehr die Amerikaner. Das meinen russische Experten im Hinblick darauf, dass Recep Tayyip Erdogan bei seinem Amerika-Besuch ohne besondere Begeisterung empfangen wird: Barack Obama plant vorerst kein Treffen mit ihm.

    Der türkische Präsident Recep Erdogan
    © Sputnik / Sergey Guneev
    Stanislaw Tarassow, Nahost-Experte des in Moskau ansässigen International Institute of the Newly Established States, sagte der russischen Onlinezeitung vz.ru, zwischen Obama und Erdogan krisele es seit dem türkischen Wahlkampf 2014: „Damals unterdrückte Erdogan demokratische Freiheiten und stellte übermäßige ambitionierte Forderungen an die Amerikaner. Es gab türkische Erklärungen, wonach Washington der Türkei schulde, weil es sie ins Abenteuer namens ‚Arabischer Frühling‘ involviert habe (…) Damals trumpfte Erdogan damit auf, dass er angeblich direkte Kontakte mit Wladimir Putin und mit der chinesischen Führung habe.“   

    Doch der Abschuss einer russischen Su-24 durch die Türkei Ende November 2015 beeinflusste laut Tarassow die Situation – nicht zugunsten der türkischen Führung: „Die Türken wollten Moskau und Washington gegeneinander ausspielen – vor allem in Sachen Syrien. Darauf zielte jener provokative Abschuss ab. Doch die Türken verfehlten ihr Ziel. Im Gegenteil: Die USA und Russland begannen damit, auf eine Regelung in Syrien koordiniert hinzuarbeiten, während die Türkei im Abseits landete.“

    Tarassow sieht noch einen Grund für den Zwist zwischen Ankara und Washington: „Die Türken versuchten, die Amerikaner an der Nase herumzuführen. Washington zwang die Türkei zum Einstieg in den Kampf gegen den IS. Die Türken stiegen zwar ein, ihr Schlag richtet sich aber hauptsächlich gegen die Kurden, während die USA die Kurden unterstützen.“

    Aschdar Kurtow, Politik-Experte des Russischen Instituts für strategische Studien, sagte gegenüber vz.ru allerdings, eine grundsätzliche Änderung der US-Politik gegenüber Ankara bleibe vorerst aus: „Obamas Verzicht auf ein Treffen mit Erdogan könnte etwa mit rein technischen Fragen oder mit dem Protokoll zusammenhängen. Hätten die USA eine Geste gegenüber Ankara machen wollen, so hätten sie in einer Erklärung die türkische Politik verurteilt oder den US-Botschafter aus Ankara zurückbeordert oder eine antitürkische Resolution im UN-Sicherheitsrat vorbereitet. So etwas bleibt vorerst aus. Zwar ist Erdogans Vorgehen für Obama nicht immer passend, doch ich sehe keine ernstzunehmenden fundamentalen Widersprüche.“ 

    Kurtow sagte weiter, angesichts der aktuellen Lage im Nahen Osten könne die US-Regierung auf die Türkei nicht völlig verzichten, obwohl sich Erdogan und die türkische Elite „von der Kette losgerissen“ hätten (das ist ein russisches Idiom mit der  Bedeutung „Selbstbeherrschung verlieren, toben, unzurechnungsfähig werden“): „Sie irritieren absolut alle in und außerhalb der Region. Andererseits nutzen die USA in ihrem geopolitischen Interesse die Türkei zynisch aus. Menschen mit einem unausgeglichenen Charakter werden ja oft zu Marionetten für einen Puppenspieler. Das gilt zweifelsohne auch für Erdogan.“ 

    Für Erdogan Zutritt verboten!
    © Sputnik / Vitaliy Podvitskiy

    „Die Türkei nimmt eine maßgeblich wichtige geostrategische Lage in der Welt ein. Das ist die vorderste Linie der Nato im Nahen Osten. Es wäre nicht zweckmäßig, darauf zu verzichten. Außerdem hat die Türkei eine kampffähige Armee, die US-Militärtechnik kauft. Türkische Offiziere studieren im Westen. Mit dem türkischen Spitzenvertreter sieht es allerdings anders aus: Auf Erdogan könnten die USA durchaus verzichten und zu seiner Pensionierung beitragen“, so Kurtow.

    Erdogan will ab Ende März mehrere Tage lang in den USA weilen, um insbesondere am Atomgipfel in Washington teilzunehmen. Nach Angaben des „Wall Street Journal“ plant der US-Präsident dabei kein persönliches Treffen mit dem türkischen Politiker. Ein ranghoher Beamter des Weißen Hauses bestätigte gegenüber der russischen Agentur Ria Novosti, ein Treffen mit Erdogan stehe vorerst nicht auf dem Plan.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Verwandelt sich Türkei in zweites Syrien? – US-Medien
    US-Beauftragter: Türkische Grenze für ausländische IS-Freiwillige sperren
    Erdoğan treibt Türkei in die Katastrophe – US-Journalistin
    Wegen Türkei-Kritik: Ankaras OB rät dem US-Botschafter zur Ausreise aus dem Land
    Tags:
    Stanislaw Tarassow, Barack Obama, Recep Tayyip Erdogan, USA, Türkei