13:20 25 September 2018
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    Brüsseler Ethnologe: Es wäre falsch, alle Muslime zu beschuldigen

    © AFP 2018 / Lex van Lieshout / ANP
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    Nach den Terroranschlägen in Brüssel: Wohin mit Molenbeek und der gesamten moslemischen Gemeinschaft? Sind sie eine potentielle Terror-Brutstätte? Ein Gespräch mit Dirk Jakobs, Professor an der Universität Brüssel und Spezialist auf dem Gebiet der politischen Partizipation von ethnischen Minderheiten, Integration und Bildungssoziologie.

    Herr Jacobs, Sie leben selbst in Brüssel. Wie haben Sie die Terroranschläge erlebt?

    Im Augenblick der Attacke war mein erster Gedanke, ob alle Freunde und Verwandte in Sicherheit sind. Die Metro-Linie, auf der die Attacke stattgefunden hat, ist immer stark ausgelastet, also war dies der erste Reflex den jeder in Brüssel hatte.

    Sie sind Direktor der Group of Reseach on Ethnic Relations, Migration and Equality an der Freien Universität Brüssel. Wie können Ihre Forschungsergebnisse helfen, islamischen Radikalismus zu verstehen?

    Nun, die Verantwortung für diese terroristischen Anschläge liegt vollständig bei den Dschihadisten selbst. Aber trotz dieser offensichtlichen Tatsache sollten wir uns natürlich Fragen stellen wie:  Wie war dies überhaupt möglich? Wie ist der Kontext? Der Versuch, dies zu erklären, ist nicht der Versuch, es zu entschuldigen oder zu legitimieren. Sondern es ist der Versuch, zu verstehen, wie so etwas passieren konnte — und verschiedene Faktoren haben hier eine Rolle gespielt. In Belgien haben wir in einigen Wohnbezirken den salafistischen Anwerbern zu viel Raum gelassen. Wir haben uns nicht genug um einen belgisch-muslimischen Gegendiskurs bemüht. Salafistische Prediger haben eine radikale Grundlage geschaffen auf der noch radikalere extreme Gruppierungen versuchen Leute für den Dschihad zu rekrutieren. Heute hörten wir bei den Ermittlungen, dass belgische Agenten versäumt haben potentielle syrische Kämpfer und Rückkehrer zu überwachen. Da gibt es sicherlich Probleme auf dieser Ebene.

    Und auf einem tieferen, breiteren soziologischen Kontext muss man sehen, dass Brüssel die dritt-reichste Stadt Europas ist — gleichzeitig lebt ein Viertel der Bevölkerung in armen Wohngegenden — hauptsächlich Leute mit nicht-europäischem Migrationshintergrund. In vielen Vierteln um den Kanal herum gibt es arme Gegenden, wo es Probleme mit der Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt gibt, und dies ist fruchtbarer Grund dafür, dass Jugendliche, die sich manchmal auch von der Gesellschaft abgelehnt fühlen, potentielle Ziele für dschihadi Anwerber werden.

    Bereits seit den Anschlägen von Paris im November letzten Jahres wurden Defizite in der belgischen Integrationspolitik in den Medien veröffentlicht. Vor allem die Situation in  dem Brüsseler Vorort Molenbeek. Haben Sie seitdem Entwicklungen oder Verbesserungen wahrnehmen können?

    Es ist natürlich sehr schwierig, solch eine Situation in einer so kurzen Zeit zu ändern. Die Realität, wie wir sie jetzt erleben, ist ein Ergebnis aus Strukturen und Entwicklungen, welche schon seit über zwei Jahrzehnten Wurzeln geschlagen haben, mit Armutsgebieten in bestimmten Vierteln, mit der Ausbreitung von bestimmten Arten von radikalem Islam in gewissen Kreisen. Das alles geht schon seit einiger Zeit so. Wo wir Fortschritte machen, ist die Diskussion um lokal ansässige Imame.

    Es soll sichergestellt werden, dass die muslimische Mainstream-Community einen guten Blick auf die Realität in der belgischen Gesellschaft hat. Aber dies sind Dinge, die man nicht so kurzfristig ändern kann. Wenn man sich die tiefergehenden Probleme ansieht, gibt es Probleme bei der Bildung, es gibt unglücklicherweise eine starke soziale und ethnische Segregation in unserem Bildungssystem und eine Anzahl an Schulen, welche nicht ordentlich arbeiten.  28 Prozent unserer Jugendlichen beenden ihre höhere  Schulbildung ohne Abschluss. Diese Muster gehen alle über zwei Jahrzehnte zurück, aber wir sind jetzt mit den Konsequenzen konfrontiert. Es gibt eine Zersplitterung in unseren Städten, die nicht nur charakteristisch für Brüssel ist, sondern eine Menge europäischer Städte sind mit diesen Herausforderungen konfrontiert. Aber im Fall von Brüssel haben wir tatsächlich eine schwierige Situation der sozialen Segmentierung und Zweiteilung.

    Sie haben eben den Punkt „lokale Imame“ angesprochen. Dazu würde ich gerne auf ein verwandtes Thema eingehen. Hier würde ich gerne die große Moschee in Brüssel ansprechen, welche von den Saudis finanziert und betrieben wird. Dies kam durch einen Deal zwischen Belgien und Saudi-Arabien in den Siebzigern zustande. Welche Rolle spielt die große Moschee in Brüssel, wenn wir über Integrationsprobleme sprechen?

    In Belgien gibt es ein spezielles System, es gibt nicht wie in Frankreich die vollständige Trennung zwischen Staat und Kirche, sondern die sogenannte Auffassung der anerkannten  Religion. Das sind Katholizismus, Protestantismus, das Judentum und auch der Islam. Es ist eine neue Praxis, die bedeutet, dass Prediger, wie zum Beispiel Priester, Rabbis oder auch Imame vom Staat bezahlt werden, wenn sie anerkannt worden sind, und auch die Infrastruktur wird durch den Staat subventioniert. Der Islam wurde in den frühen Siebzigern, als Deal mit Saudi-Arabien, anerkannt und daraufhin wurden die Schlüssel der großen Moschee in Brüssel tatsächlich an Saudi-Arabien übergeben.

    Also anstatt das System der anerkannten Religion wirklich durchzusetzen und dadurch sicher zu stellen, dass es lokal ansässige und staatlich unterstützte Imame gibt, hatte man sich dazu entschieden, diese Regeln beim Islam nicht anzuwenden. Man zog also Zusammenarbeiten mit Ländern wie Marokko oder der Türkei vor und ließ auch Platz für Saudi-Arabien, um aktiv zu werden. Es wäre jetzt falsch zu sagen, dass die große Moschee von Brüssel und die Beziehung mit Saudi-Arabien das Problem wären, aber was ein Thema war und ist, ist die Präsenz von saudi-arabisch-beeinflusstem Wahabismus und salafistischer Ideologie vor Ort in den Stadtteilen. Das wurde schon für eine zu lange Zeit von uns erlaubt.

    Welche Rolle spielt der Konflikt zwischen Wallonen und Flamen in Belgien? Könnte es sein, dass andere Probleme dadurch in den Hintergrund gespielt wurden?

    Ich würde nicht so weit gehen und die internen Streitigkeiten und Strömungen in Belgien beschuldigen. Es stimmt, dass wenn wir jetzt Probleme auf dem sozio-ökonomischen und dem Identitätslevel haben, dann ist das die Konsequenz davon, das wir seit zwei Jahrzehnten internem politischem Gezänk, auch zwischen sprachlichen Gemeinschaften, Prioritäten eingeräumt haben, anstelle zu versuchen eine ordentliche, fehlerfreie und globale Vision für Brüssel — der Hauptstadt von Belgien, aber auch der Hauptstadt von Europa — für die kommenden Jahre zu entwickeln.

    Als letzte Frage noch einmal: Was sollte nun als erstes unternommen werden um Gemeinden wie Molenbeek wieder auf einen besseren Weg zu bringen?

    Man sollte nun den Diskurs und die Analysen genau hinbekommen. Wir müssen nach nationaler Einheit streben. Das ist nun das Dringlichste, denke ich. Es ist falsch, wie es nun einige Politiker versuchen zu tun, die gesamte muslimische Gemeinschaft oder die Bewohner Molenbeeks zu beschuldigen. Wenn Kommentare gemacht werden, wie dass die gesamte Einwohnerschaft von der Existenz der terroristischen Zelle gewusst hätten, das ist total irrwitzig. Die muslimische Bevölkerung von Brüssel ist ganz genauso in Trauer und verärgert und unzufrieden mit der Situation, wie alle anderen belgischen Bürger, und wir brauchen ihre Unterstützung, um das Phänomen des radikalen Islams aufzuspüren und zu bekämpfen, welcher eine Minderheit in der muslimischen Gemeinschaft ist, aber eine Realität, der wir gemeinsam begegnen müssen. Und dann hilft es überhaupt nicht, wenn man Gruppierungen, die genauso Opfer sind, wie der Rest der Bevölkerung, beschuldigt.

    Eine weitere unmittelbare Maßnahme, die ergriffen werden sollte, ist die Überwachung und Kontrolle der Syrien-Kämpfer vor Ort und wiederkehrend.  Die Regierung hat nun entschieden, die Armee auf den Straßen zu positionieren — und wenn ich das negativ ausdrücken würde, war dies mehr um Superiorität zu zeigen. Man hätte viel mehr Einsatz näher an den Gemeinden bringen sollen, um dort sicher zu stellen, dass es eine ernst gemeinte Kontrolle der wiederkehrenden Syrien-Kämpfer gibt, und dass den Familien geholfen wird, wenn es Meldungen über Probleme mit Radikalisierung gibt. Man muss Unterstützungsrufe ernst nehmen und helfen —  dies war offensichtlich nicht immer der Fall und nicht immer garantiert.       

    Interview: Bolle Selke

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    Tags:
    Islamfeindlichkeit, Terroranschläge von Brüssel, EU, Dirk Jakobs, Molenbeek