13:16 09 April 2020
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    Genschers ehemaliger Redenschreiber: “Er war ein großer Europäer”

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    Der ehemalige Botschafter Frank Elbe war langjähriger Redenschreiber und Büroleiter von Hans-Dietrich Genscher. Im Sputnik-Interview erinnert sich der Diplomat an seinen früheren Chef, der am Freitag im Alter von 89 Jahren starb.

    Herr Elbe, wir alle sind schockiert vom Tod von Hans-Dietrich Genscher. Allerdings kannten wir ihn nur aus den Nachrichten, Sie kannten ihn persönlich. Wie war Ihr Verhältnis zu Herrn Genscher? 

    Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (Archiv)
    © AFP 2020 / Marcel Van Hoorn / ANP
    Mein Verhältnis zu Hans-Dietrich Genscher war ein sehr enges Verhältnis — politisch, wie auch persönlich. Ich habe ihn eine wichtige Zeit meines eigenen Lebens begleiten können und mit ihm die historischen Veränderungen in Europa erlebt. Ich war auf nahezu allen wichtigen Stationen im Prozess der deutschen Wiedervereinigung und bei den schwierigen Verhandlungen der 2+4 mit dabei. Ich war mit ihm gemeinsam in Prag, als er den DDR-Flüchtlingen verkündete, dass ihre Ausreise bevorstehen würde. Das waren große Momente und es waren auch komplizierte Zeiten – das schweißt natürlich zusammen.

    Hatten Sie auch nach der aktiven Zeit noch Kontakt zu Herrn Genscher?

    Ja natürlich, sehr engen Kontakt sogar. Ich habe ihn häufig besucht, ich war noch vor einer Woche bei ihm. Wir haben uns ausgetauscht und dann erreichte uns dort die Nachricht vom Ableben von Guido Westerwelle.

    Wie schätzen Sie die Bedeutung von Genscher für Deutschland ein?

    Ich glaube, er war ein großer Europäer. Sein Engagement für Europa — nicht nur für die fortschreitende Integration innerhalb der europäischen Union, sondern auch für die Gestaltung der Beziehung zu unseren Partnern im Osten – war unverzichtbar für die Entwicklung Europas.  Das ist ja auch letztlich Europa als Ganzem zugutegekommen.

    Herr Genscher war in aller Welt hoch geschätzt. Was zeichnete ihn als Diplomaten aus?

    Er konnte sehr leise sprechen und er verstand es immer, den richtigen Ton zu finden. Er hatte sehr viel Empathie, sehr viel Einfühlsamkeit. Ich glaube, er war für alle Seiten – das mag die deutsche Presse wohl gelegentlich anders gesehen haben – doch eine berechenbare Größe. Es gibt eine Bezeichnung für ihn, dass er die Verkörperung einer vertrauensbildenden Maßnahme war. Ich glaube, das waren seine großen Stärken.

    Genscher war ja oft Vermittler zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion. Wie war sein Verhältnis zu den damaligen Außenministern, als es um die Wiedervereinigung ging?

    Ich persönlich glaube, weil ich das ja aus allernächster Nähe miterlebt habe, dass der Prozess der 2+4-Verhandlungen nicht so schnell und so reibungslos abgeschlossen worden wäre, wenn es nicht das enge Verhältnis zwischen James Baker auf der amerikanischen Seite und Eduard Schewardnadse auf der sowjetischen Seite mit Hans-Dietrich Genscher gegeben hätte.

    Sie hatten Prag erwähnt – das war ja auch in gewisser Weise eine Weichenstellung, wo es gekippt ist in Richtung Wiedervereinigung. Wie hatte die sowjetische Seite reagiert, in Form von Eduard Schewardnadse beispielsweise?

    Es war ganz interessant. Als wir abends in Prag ankamen, kamen wir ja gerade zurück aus New York.  Und in New York war die Generalversammlung der Vereinten Nationen und alle Außenminister waren dort. Mich rief Staatssekretär Lautenschlager an aus dem Außenministerium und sagte, dass die Situation sich zuspitze in Prag, weil die Zunahme von Flüchtlingen – er sprach von 4000 – dazu führe, dass die Statik des alten Barockgebäudes das nicht aushalten würde. Außerdem sei zu befürchten, dass Epidemien ausbrechen würden. Ich unterrichtete sofort Herrn Genscher. Er sagte mir: Stellen Sie doch bitte ein Gespräch mit Herrn Schewardnadse her. Das habe ich dann auch gemacht, mit dem Ergebnis, dass dieser Termin innerhalb von 20 Minuten zustande kam. Dann sind wir mit einem Polizeiwagen, der vor unser Hotel fuhr, zu Herrn Schewardnadse gefahren. Der stand schon vor seiner Mission in New York und bat uns rein.

    Genscher erklärte ihm die Lage und Schewardnadse stellte eine einzige Frage: Wie viele Kinder sind unter den Flüchtlingen? Genscher sagte: etwa 1000. Dann sagte Schewardnadse: Herr Kollege, ich werde nach Moskau berichten. In den folgenden 2-3 Tagen zeichnete sich dann eine Lösung ab, die Zuglösung – dass die Flüchtlinge noch einmal mit Zügen durch die DDR nach Hof fahren würden. Und so ist die persönliche Beziehung Genschers zu Eduard Schewardnadse sicherlich ein tragendes Element geworden für die Entwicklung der deutschen Frage.

    In Moskau saß damals Michail Gorbatschow. Hat er Genscher vertraut?

    Ja, die beiden konnten recht gut miteinander. Es war nicht immer leicht. Es gibt ja den berühmten Wutanfall von Gorbatschow als Reaktion auf den 10-Punkte-Plan des damaligen Bundeskanzlers Kohl. Genscher hatte versucht, das in der richtigen Perspektive darzustellen, dann sagte Gorbatschow zu ihm: Herr Genscher, hören Sie auf, wir wissen, dass Sie ein guter Anwalt sind! Das zeigt aber im Grunde genommen auch die Nähe dieser beiden Personen. Genscher hat sich nach seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Amt auch sehr bemüht, dass die Frau von Präsident Gorbatschow ärztlich behandelt werden konnte in einer Münsteraner Klinik. Auf diese Art und Weise bestand auch ein sehr enges und nahezu intimes Verhältnis zwischen den Familien Gorbatschow und Genscher.

    Wie wichtig sind solche Vertrauensverhältnisse, ja manchmal sogar Freundschaften in der Politik? Oder geht es am Ende doch nur um knallharte Machtinteressen?

    Ich glaube, dass alles, was in der Politik passiert, letztlich persönlich ist. Es geht nicht immer nur um Interessen. Interessen können dominant sein, aber Interessen können auch verändert werden durch persönliches Engagement. Die Schaffung von Vertrauen unter Personen ist essentiell. Ich glaube, es gibt keine Diplomatie ohne solide Männerfreundschaften.

    Wenn Sie sich zurück lehnen, die Augen schließen und an Herrn Genscher denken, was fällt Ihnen spontan ein?

    Spontan fällt mir ein, dass er jemand war, der ungeheuer rezeptiv sein konnte gegenüber Ideen, die auch etwas neuartig waren, und der dann auch geduldig zuhören konnte. Er war begierig, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich zu orientieren, neue Gedanken zu hören. Das war in der Zusammenarbeit für mich eine ungemeine Bereicherung.

    Sie verrieten mir im Vorgespräch, dass der russische Botschafter Grinin Herrn Genscher noch vor zwei Wochen besucht hat. Wie hat Genscher die Russlandkrise der Jetztzeit gesehen?

    Er war sehr, sehr unglücklich. Diese Krise war in den letzten Wochen und Monaten häufiger Gegenstand unserer persönlichen Gespräche. Genschers Lebenswerk hängt ja damit zusammen, das zu realisieren, was sich übrigens mal die NATO vorgenommen hatte, nämlich eine dauerhafte und gerechte Friedensordnung für Europa zu schaffen. Wir schienen dieses Ziel ja auch erreicht zu haben durch die Charta von Paris, die ja verabschiedet wurde kurz nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, und in der im Grunde genommen eine Partnerschaft angelegt worden ist. Es ist durch die Entwicklung der letzten Jahre irgendwie vergessen worden, dass wir uns das vorgenommen hatten. Dieses Ziel schien dann in den letzten beiden Jahren in immer größere Entfernung gerückt worden zu sein und das hat Herrn Genscher sehr, sehr bedrückt.  

    In den Medien hat man sich teilweise angemaßt, die Stimmen der großen Diplomaten, wie Bahr, wie auch Helmut Schmidt oder jetzt Hans-Dietrich Genscher fast zu belächeln, im Sinne von: Ja, die hatten ihre Zeit gehabt, aber jetzt können sie nicht mehr mitreden. Wurde die Stimme Genschers wenigstens noch in der Politik gehört, haben sich Leute bei ihm Ratschläge geholt?

    Natürlich hat Genscher immer noch einen erheblichen Einfluss in der Politik gehabt. Was Sie über diejenigen sagen, die ihn belächelt haben, die werden sich noch wundern, wie schnell und wie weitreichend wir wieder auf eine vernünftige Lösung in den Beziehungen zu Russland zusteuern werden. Europa kann nicht existieren ohne eine vernünftige Kooperation mit Russland. Ich glaube, dass die Zeichen für eine Lösung auf der Basis von Minsk 2 gar nicht so schlecht stehen.

    Was meinen Sie, wird das Vermächtnis sein von Herrn Genscher?

    Gerade in einer Situation, wo wir sowohl, was die europäische Integration angeht, als auch in den Beziehungen zu Russland, in einem ungeheuren Maße gefordert sind, ist sein Vermächtnis hochaktuell. Wir müssen uns zurückbesinnen auf das, wofür Genscher einstand. Sein Bemühen um den diplomatischen Aufbau einer Europäischen Union und um die Aussöhnung mit den osteuropäischen Staaten und insbesondere mit Russland, wird nachwirken. Das ist von der Logik der Inhalte so zwingend, dass ich glaube, dass Genschers Wirken auch Bestand haben wird.

    Interview: Armin Siebert

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