08:38 25 November 2017
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    „Böse Russen“: Doppelmoral des Westens gegenüber Moskau - Experte

    © Sputnik/ Vladimir Sergeev
    Politik
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    Die Ukrainekrise hat zu einem Tiefpunkt des Umgangs des Westens mit Russland geführt. Der Historiker und Russland-Experte Christian Osthold schreibt in einem Artikel für focus.de von einer Doppelmoral des Westens und einer alten Tradition des Misstrauens in Bezug auf Russland. Sputnik hat bei Herrn Osthold nachgefragt, was er damit meint.

    Herr Osthold, vergangene Woche wurde ein bemerkenswerter Artikel von Ihnen auf focus.de veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen darauf?

    Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Wenn man die Kommentare zur Kenntnis nimmt, die sich bei Focus gehäuft haben, dann stellt man fest, dass ein Großteil der Leserschaft der Meinung ist, dass Russland in der medialen Berichterstattung der Mainstreampresse in Deutschland viel zu einseitig, viel zu tendenziös und letztendlich viel zu negativ wegkommt. 

    Wer im Moment auch nur ein positives Wort über Russland sagt, wird oft aggressiv angegriffen. Wie erklären Sie sich das?

    Ich glaube grundsätzlich, dass die Sichtweise des Westens in Bezug auf Russland immer noch eine ist, die geprägt ist durch die politische Gesamtsituation im Kalten Krieg. Russland ist ja damals quasi der natürliche Feind des Westens gewesen. Natürlich spielt auch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts eine Rolle, denn die deutsche Teilung ist etwas, was eben auch auf die Politik Moskaus zurückgeführt wird. Das heißt, das ganze Thema Russland ist negativ besetzt und daran hat sich leider auch nach Ende des Kalten Krieges wenig geändert. 

    Aktuell gibt es auch eine Art Kontaktsperre. Die meisten Menschen in Deutschland haben kaum Möglichkeiten, etwas über Russland zu erfahren außer dem, was in den Medien kolportiert wird. Es gibt wenig Austauschprogramme, es gibt für Deutsche kaum Möglichkeiten, mit Leuten aus Russland in Kontakt zu kommen. Ich glaube, dass diese Gesamtlage dazu führt, dass viele Menschen in Deutschland darauf angewiesen sind, Medienberichte zu konsumieren, wenn sie sich mit Russland beschäftigen wollen. Mittlerweile ist es so weit fortgeschritten, dass es extrem einseitig ist, dass es teilweise sehr moralisierend ist. Das merken die Menschen und ich glaube, dass viele einfach keine Lust mehr haben, das so hinzunehmen. 

    Sie sagten, Russland oder damals die Sowjetunion wurde auch für die Teilung Deutschlands verantwortlich gemacht, aber dann auch wiederum für die Wiedervereinigung, woran die Sowjetunion einen entscheidenden Anteil hatte. Warum wird aus Russland jetzt wieder das „Reich des Bösen“ gemacht?

    Das liegt daran, dass die russische Politik seit dem Jahr 2000 wieder den Anspruch hat, Russland zu einer Großmacht werden zu lassen und langfristig natürlich auch den alten Weltmachtstatus wiederzuerlangen. In den 90er Jahren, als man Russland gar nicht mehr richtig als Großmacht wahrnehmen konnte, schien eine eher gemäßigte Russlandkritik salonfähig zu sein. Nachdem Wladimir Putin Präsident geworden war, hatte man kurzzeitig möglicherweise die Hoffnung, ein Russland vorzufinden, was sich Europa annähert und die europäischen Interessen, auch die Interessen der NATO auf dem europäischen Kontinent, nicht tangiert. 

    Das hat sich letztlich nicht bewahrheitet. Wir sehen, dass Russland dabei ist, die alten Einflusssphären wieder zu gewinnen. Die Ukrainekrise ist ein ganz schönes Beispiel. Damals hatte man ja dem neuen Russland zugesichert, dass sich die NATO eben nicht auf die Warschauer-Pakt-Staaten ausdehnen würde. An solche Übereinkünfte hält man sich nicht und Russland will das nicht auf sich sitzen lassen. Zu Recht. 

    In Ihrem Artikel sprechen Sie von einer Doppelmoral. Was meinen Sie damit?

    Wir haben zwei einander gegenüberliegende Machtblöcke – Russland auf der einen Seite und die NATO unter der Federführung der USA auf der anderen. Was ich kritisiere, ist im Grunde Folgendes: Sofern der Westblock unter der Federführung der USA etwas macht, nehmen Sie z.B. den Irakkrieg, dann stelle ich fest, dass sich Amerika als Staat offensichtlich nicht dafür verantworten muss. Amerika wird nicht sanktioniert, Amerika wird nicht in irgendeiner Weise infrage gestellt, was seine Reputation und seine Führungsrolle im Westblock angeht. 

    Wenn man jetzt schaut, was Russland gemacht hat: Russland hat die Krim besetzt. Dafür muss Russland vor den moralischen Staatsanwalt, Russland wird als Bedrohung für den Frieden dargestellt, Russland wird als Land dargestellt, das das Völkerrecht mit Füßen tritt. Ich finde, gerade so etwas wie das Völkerrecht ist ein Maßstab, den man verbindlich an alle anlegen sollte. Ich kann keinen völkerrechtlichen Maßstab erkennen, wenn ich mir den Irakkrieg anschaue – ein Feldzug, der nachweislich auf Lügen basierte und noch nicht einmal durch ein UN-Mandat gedeckt war. Das ist der Punkt. Wenn es gelänge, da gleichen Maßstab anzusetzen, dann würde die ganze Debatte viel sachlicher verlaufen. Ich finde, Außenpolitik muss sachlich beurteilt werden, denn sie folgt im Idealfall einfach nüchternen Interessen und nicht irgendwelchen moralischen Ansprüchen. Das sind keine Kategorien, nach denen jemals Außenpolitik betrieben worden ist oder funktioniert hat, und das wird sich auch nicht ändern. 

    Geopolitisch und wirtschaftlich hat sich Europa eng an die Weltmacht USA gebunden. Historisch und  selbst geografisch und kulturell betrachtet würde eine Verbindung Europas mit Russland nicht mehr Sinn machen?  

    Ja, das glaube ich auch. Ich glaube, dass man von Anfang an besser bedient gewesen wäre, wenn man der alten Bismarck’schen Bündnispolitik gefolgt wäre, die besagt hat: Russland darf nicht unser Feind sein, wir müssen bestenfalls als ehrlicher Makler auftreten. Leider kann ich im Moment nicht erkennen, dass Deutschland eine wirklich eigene Russlandpolitik betreibt. Mir scheint vielmehr, dass sich Deutschland hier den Verpflichtungen der NATO und in diesem Sinne auch den Interesse der USA verschreibt. Es ist natürlich wünschenswert, dass sich das ändert. 

    Der amerikanische Präsident Barack Obama hat Russland als Regionalmacht bezeichnet.  Wie würden Sie die Stellung Russlands in der Welt einschätzen?  

    Russland hat heute natürlich immer noch großen Einfluss in der Welt. Das liegt daran, dass die Sowjetunion, deren größter Rechtsnachfolger Russland ist, eine Weltmacht gewesen ist. Politisch gesehen ist Russland dagegen immer noch an der Schwelle zu einer Großmacht und ich finde, als solche muss man Russland auch behandeln.

    Russland ist das größte Land der Erde und hat großes militärisches Gewicht. Politisch natürlich auch: Russland hat immer noch großen Einfluss auf die Staaten in seiner Umgebung. Ich finde, man kann Russland nicht behandeln, als wäre es ein kleiner, unbedeutender Staat, der keine Rolle spielt. Ich glaube, das ist ein großes Problem für die bilateralen Beziehungen zwischen dem Westen und Russland. Russland fühlt sich nicht ernst genommen. Man sollte Russland jedoch ernst nehmen. Wladimir Putin scheint ein Politiker zu sein, der genau das ändern will. 

    Auf der einen Seite ist die Politik das wichtigste, aber aus Ihrem Artikel meine ich auch herauslesen zu können, dass Sie ein Interesse daran haben, dass die Völker und die Menschen sich wieder annähern, dass man den Russen nicht mehr als den hochbewaffneten großen Feind sieht. Wie kann man den Menschen vermitteln, dass die Russen nicht die „bösen Russen“ sind?

    Ich glaube, man muss auch hier historische Beispiele bemühen. Wenn heute noch jemand daherkäme und glaubte, Deutschland sei intolerant, weltverschlossen und kaltherzig gegenüber den Bedürfnissen Anderer, weil er gerade die Geschichte des Nationalsozialismus studiert hat, dann wäre das falsch. Deutschland hat eine Geschichte  davor und danach und man kann heute sehen, dass Deutschland wirklich genau das Gegenteil ist. 

    Und mit Russland ist es ebenso. Natürlich war die Sowjetunion unser natürlicher Konkurrent oder sogar Feind, aber das ist vorbei. Ich persönlich sehe mich als Historiker und auch als Person einer anderen Generation angehörig. Einer Generation, die eben nicht mehr verhaftet sein muss in den Denkschemata des Kalten Krieges. Ich finde, man sollte sehen, dass in Russland heute schon eine ganz andere politische Mentalität in Ansätzen zu erkennen ist. Diese Mentalität wird sich sicherlich auch weiter fortsetzen, denn in den nächsten 20-30 Jahren werden in Russland ganz andere Kader da sein, als heute. Ich hoffe, dass diese jungen Menschen, die in einer globalisierten Welt aufgewachsen sind, bereit dazu sind, mit einem veränderten Europa ins Gespräch zu kommen. Meines Erachtens ist offener Kontakt am besten. Man muss miteinander reden, sich miteinander vernetzen. 

    Und was am wichtigsten ist, die Position des anderen vor allem unter dem Aspekt vitaler Interessenpolitik, und eben nicht durch das Prisma moralischer Wertevorstellungen, betrachten. Denn erst dann wird die Erkenntnis möglich, dass die Politik des Gegenübers vorderhand womöglich gar nichts mit Totalitarismus, sondern mit der Wahrung eigener Interessen zu tun hat. 

    Das heißt, die Leute müssen miteinander in Kontakt kommen. Und das geht sicherlich nicht, wenn einseitig Sanktionen verhängt werden und wenn einseitig behauptet wird, der Gesprächspartner sei von Grund auf intolerant oder ein Feind des Weltfriedens. 

    Interview: Armin Siebert 

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    Tags:
    Irak-Krieg, Ukraine-Krise, Doppelmoral, Bedrohung, Christian Osthold, Otto von Bismarck, Barack Obama, Westen, Deutschland, USA, Russland
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