08:58 19 Juni 2019
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    Streit um G8: „Russland braucht sich nicht in westliche Hierarchie einzubetten“

    © AFP 2019 / Peter Muhly
    Politik
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    Russlands hypothetische Rückkehr in den Klub der führenden Industrienationen, die mittlerweile thematisiert wird, braucht niemand – weder Moskau selbst noch die westlichen Länder. Diesen Standpunkt vertritt der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow.

    Lukjanow schreibt in einem Kommentar für die Agentur Ria Novosti: „Dass die Frage nach einer Wiederherstellung der G8-Gruppe überhaupt aufgeworfen wurde, zeugt von einer neuen Atmosphäre in der Welt. Die akute Ablehnung gegen Russland durch den Westen, die seit der Ukraine-Krise begonnen hat, wird allmählich von dem Verständnis abgelöst, dass die Kanäle von Kooperation und Kommunikation wiederaufgebaut werden müssten.“

    Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte kürzlich Russlands Rückkehr in die G8-Gruppe nicht ausgeschlossen. Er sagte: „Ich würde mir wünschen, dass G7 nicht das dauerhafte Format bleibt, sondern dass wir Bedingungen schaffen, um zu G8 zurückzukehren.“

    Doch in der Praxis wäre ein G8-Wiederaufbau nach Ansicht von Lukjanow „äußerst wenig wahrscheinlich und vor allem nicht nötig“. Der Experte argumentiert: „Die G8-Gruppe repräsentierte eine bestimmte Epoche, als Russland wirklich versuchte, sich in den sogenannten Extended West zu integrieren. Dies hat aber nicht geklappt.“

    „Dass wir uns in die westliche Gemeinschaft nicht einbetten lassen, wurde vor einer ziemlich langen Zeit klar. Meinungsverschiedenheiten und diplomatische Kollisionen zwischen Russland und dem Westen begannen längst vor der Ukraine-Krise. Diese markierte bloß den Höhepunkt unserer Differenzen und zog einen Schlussstrich unter unsere bisherigen Beziehungen“, so Lukjanow.

    Er schreibt weiter: „Als Russland in den 1990er Jahren in die G8-Gruppe aufgenommen wurde, schien diese Mitgliedschaft eine zukunftsträchtige strategische Entscheidung zu sein. Doch die damals imaginierte Zukunft blieb aus und ist wahrscheinlich nicht mehr zu erwarten: Es gibt offenbar keinen Trend zu einer Ausbreitung des westlichen Modells auf den Rest der Welt. Dementsprechend wäre eine G8-Wiederherstellung derzeit sinnlos.“

    Ohne Russland habe die G7-Gruppe nun ihr einstiges einheitliches und verständliches Format zurück, und zwar als Klub westlicher Länder. Warum Russland dazu gehört habe, sei eigentlich nicht ganz klar, so der Kommentar.

    Aber auch Russland brauche keine G8-Mitgliedschaft: „Es steht mittlerweile fest, dass dieser Klub nie zu einer ‚Weltregierung‘ wird, wie einst gedacht. Zwar handelt es sich dabei um mächtige Länder, die die Situation weltweit wesentlich beeinflussen, doch über das Schicksal der Welt entscheiden sie nicht. Wenn wir hypothetisch von einem Gremium globalen Ausmaßes sprechen, so wäre es nicht die G7- und nicht die G8-, sondern die G20-Gruppe. Diese wird sich weiter entwickeln, denn sie ist repräsentativ und deshalb legitimer. Ihr gehören jene Länder an, die sozusagen Aktienpakete im globalen Verwaltungssystem besitzen.“

    Zum G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau kamen die Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industrienationen nach Bayern.
    © REUTERS / Michael Kappeler/Pool

    „Russland sollte eben in der G20-Gruppe bleiben, aber auch mit den anderen BRICS-Mitgliedern sowie mit den westlichen Ländern aktiv zusammenarbeiten. Das wäre aussichtsreich. Der Versuch, den Köder eines G8-Wiederaufbaus zu instrumentalisieren, um auf Russland einzuwirken, ist sinnlos. Welche Rolle soll Russland dort spielen? Das versteht keiner“, meint Lukjanow.

    Er schreibt zum Schluss: „Aus meiner Sicht braucht Russland sich weder um eine Rückkehr in die G8-Gruppe zu bemühen noch dieses Ziel in seinen strategischen Plänen zu verankern. Das bedeutet nicht, dass unser Land den Westen befeinden soll. Das System der Beziehungen muss aber geändert werden. Russland braucht nicht zu versuchen, sich in die westliche Hierarchie einzubetten.“

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    Tags:
    G7, G8, Fjodor Lukjanow, Frank-Walter Steinmeier, Russland