09:12 06 Dezember 2019
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    Sicherheitskräfte nach Explosion in Kabul

    Zeuge des Anschlags in Kabul: „Taliban beginnen Frühjahrsoffensive“

    © REUTERS / Mohammad Ismail
    Politik
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    Alexei Yusupov, Leiter der Kabuler Vertretung der Friedrich-Ebert-Stiftung, hat den großen Anschlag am Dienstag in der afghanischen Hauptstadt faktisch als Augenzeuge miterlebt. Im Sputnik-Interview geht er auf den unruhigen Alltag in Kabul ein und wagt eine Prognose für Afghanistans Zukunft.

    Herr Yusupov, heute Morgen gab es im Zentrum erneut einen schweren Bombenanschlag. Können Sie kurz schildern, was Sie und Ihre Mitarbeiter davon mitbekommen haben?

    Ja, guten Tag aus Kabul. Hier gab es tatsächlich heute, um wenige Minuten nach Acht, einen sehr massiven Anschlag, zurzeit kann man auch mit Sicherheit sagen — den schwerwiegendsten seit August letzten Jahres, als eine LKW-Bombe in einer Wohngegend explodiert ist. Die Druckwelle war enorm, auch in kilometerweiten Entfernung sind einige Windschutzscheiben und Fenster kaputt gegangen. Offensichtlich handelt es sich wieder um eine truck bomb oder LKW-Bombe, die am Gebäude, wie wir jetzt wissen, des Direktorats 10 explodiert ist. Das Direktorat 10 ist so etwas wie das deutsche BKA, also eine Unterabteilung des nationalen Sicherheitsdienstes, die für den Schutz von hochrangigen Politikern und Angehörigen der Regierung verantwortlich ist. Wenn sich die Zahlen bestätigen, handelt es sich um mehr als 300 Verwundete und wahrscheinlich Dutzende Tote.

    Und was haben Sie direkt selber mitbekommen, vielleicht auch im Vorfeld? War das irgendwie absehbar, dass das passieren könnte?

    Direkt im Vorfeld bekommt man nichts mit, aber wir haben mit so einem Anschlag gerechnet. Denn am 12. April haben die Taliban ihre Frühjahrsoffensive offiziell bekannt gegeben, den Beginn davon. Wir hatten tatsächlich mehrere ruhige Wochen und Monate. Das äußert sich auch immer, das merkt man am Stadtbild: Es war eine relativ ruhige Stimmung. Es gibt aber nichts unmittelbar davor, das passiert immer plötzlich. Man spürt die Druckwelle, man hört die Explosion, die Fenster beben, die Scheiben zittern und dann – wir sind hier in einer relativ nahe gelegenen Gegend zum Anschlagsort, sodass man am Anfang gar nicht genau nachvollziehen kann, wo das genau passiert. Und wenn es sich um eine so große Explosion handelt, dann herrscht am Anfang eine große Verwirrung, denn die meisten nehmen dann an, dass es unmittelbar in der Nähe passiert sei.

    Wie reagiert man auf sowas? Es handelt sich dann um 20-30-40 Minuten, bis die Lage klar wird und in dieser Zeit sind die Leute natürlich angespannt, jeder versucht seine Familie anzurufen, festzustellen, was passiert ist, ob die Kinder in Ordnung sind, ob jemand da gerade vor Ort war. Und nach ein paar Stunden zeichnet sich ein klareres Bild der Lage.

    Wie gehen denn die Menschen vor Ort damit um, die ganz normale Bevölkerung? Ist da eine große Verunsicherung oder ist da fast schon so eine Art Gewöhnung eingetreten?

    Nun, es gibt beides. Denn es ist natürlich nicht der erste Anschlag, der hier passiert. Vor allem im letzten Sommer hatten wir Phasen, wo fast alle zwei Wochen sich etwas Derartiges ereignet hat. Gleichzeitig werden sie immer schlimmer. Wie ich eingangs sagte: Das mag einer der schlimmsten Anschläge bisher gewesen sein.

    Klar, die erklärte Strategie der Taliban ist Bekämpfung der Regierung der nationalen Einheit. Also, die üblichen Ziele sind in der Regel eben Banken, Ministerien, Polizeistationen, Basen, also etwas, was unmittelbar mit der Regierung zu tun hat, die nach Ansicht der Taliban ja nur aus Marionetten besteht. Das Problem ist dabei, man kann natürlich in einer so dicht besiedelten Stadt wie Kabul kein militärisches Ziel, kein Regierungsziel treffen, ohne die Zivilbevölkerung auch in Mitleidenschaft zu ziehen. Und genau das wird auch heute der Fall gewesen sein.

    Kabul hat fast sechs Millionen Einwohner und die Anschläge ereignen sich an Plätzen, die eben auch öffentlich sind. Es gibt in der Stadtmitte auch den sogenannten Ring of Steel, also den Eisenring. So wird die Stadtmitte bezeichnet, die besonders gut kontrolliert werden soll, aber Anschläge passieren auch da drin. Es gibt kein besonders hohes Vertrauen in die afghanische Polizei und auch in ihre Fähigkeit, diese Anschläge zu unterbinden. Manchmal fehlt das Personal, manchmal ist Korruption im Spiel, aber es gibt kein Sicherheitsgefühl hier.

    Würden Sie sagen, dass die Sicherheitskräfte überfordert sind?

    Die Sicherheitskräfte sind und waren im letzten Jahr definitiv gefordert. Es war das erste Jahr, in dem afghanische Sicherheitskräfte, also die nationale Armee, die nationale Polizei, aber auch die lokalen Polizeiverbände und Milizen die gesamte Verantwortung für die Lage in Afghanistan tragen mussten. Zuvor war es ja vor allem die internationale Koalition unter dem ISAF-Mandat. Und das letzte Jahr war dementsprechend das verlustreichste Jahr, wenn wir uns die zivilen Opfer anschauen. Die UN-Unterstützungsmission hat in ihrem Bericht festgestellt, dass mit über 11.000 Opfern und Geschädigten, von denen, wie ich glaube, über dreieinhalb Tausend Tote, das letzte Jahr das schlimmste war in den letzten 8-10 Jahren der afghanischen Mission und für Afghanistan insgesamt. Und wenn wir auf die Zahlen aus den ersten drei Monaten dieses Jahres schauen, wird es noch schlimmer.

    Die Taliban haben nach der Ankündigung der Frühjahrsoffensive in mehr als zehn Provinzen angefangen, unterschiedliche Angriffe durchzuführen. Dieses Jahr wird aber das entscheidende sein, denn in diesem Jahr wird sich zeigen, ob die afghanische nationale Armee und seine Polizei der Herausforderung gewachsen sind.

    Können Sie eine Prognose abgeben für dieses Jahr als politischer Beobachter vor Ort? Wird man es schaffen oder nicht?

    Wenn ich das könnte, wäre ich wahrscheinlich einer der wenigen, die sich trauen, eine handfeste Prognose abzugeben. Die Prognose ist letztlich, dass es in diesem Jahr vermutlich Weichen geben wird, die uns vieles sagen werden über die nächsten fünf bis zehn Jahre. Die Transition, die 2014 angefangen hat mit der politischen Übergabe an die Regierung nach der Präsidentschaftswahl, diese militärische Verantwortungsübergabe und auch mit dieser Wirtschaftstransition, denn die Hilfsgelder sind zwar unter Vorbehalt noch da, aber werden auf lange Sicht auch wahrscheinlich runtergehen. Es gibt viele internationale Krisen, Afghanistan kann nicht mehr der Hauptempfänger von den internationalen Hilfen sein.

    Die Prognose kann also nur sein, dass alles, was in diesem Jahr von der Regierung wie von den internationalen Partnern und Unterstützern getätigt und gemacht wird, genau durch diese Brille betrachtet werden muss.

    Es geht hier nicht mehr darum, sich sauber rauszuziehen und das Kapitel Afghanistan abzuschließen, das ist klar, es steht sehr viel infrage, es ist sehr viel unsicher und die Verluste, die man eventuell erleiden könnte, wenn man nicht mehr auf Afghanistan genau guckt, sind enorm. Deswegen will ich keine definitive, keine ermutigende, aber auch keine viel zu pessimistische Prognose geben.

    Interview: Ilona Pfeffer

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    Tags:
    Taliban, Alexei Yusupov, Afghanistan