04:55 27 März 2017
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    Türkische Gemeinde in Deutschland: "AfD ist Fremdkörper für unsere Demokratie“

    © AFP 2017/ John Macdougall
    Politik
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    Die AfD hat dem Islam den Kampf angesagt: Auf ihrem kommenden Parteitag will die AfD einen strikten Anti-Islam-Kurs zu ihrem Programm machen. Diese Ankündigung ist in weiten Teilen der Gesellschaft auf Kritik gestoßen. So auch bei dem Bundesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu. Ein Interview.

    Herr Sofuoglu, die AfD-Politikerin Beatrix von Storch ist sich sicher, der Islam sei eine politische Ideologie, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei. Was möchten Sie Frau Storch auf diese Feststellung hin antworten?

    Die AfD ist es, die mit dem Grundgesetz nicht konform ist, weil Religionsfreiheit in unserem Grundgesetz nach Artikel 4 fest verankert ist. Deswegen ist das, was die AfD macht, nichts anderes als Populismus.

    Was empfinden Sie, wenn die AfD den Islam sogar als einen „Fremdkörper“ in Deutschland bezeichnet, der „hier keine Heimat finden“ könne?

    Ich denke, es gibt einen ganz guten Spruch: "Angriff ist die beste Verteidigung". Und ein Fremdkörper ist die rechtsradikale Politik der AfD. Davon hat Deutschland in der Vergangenheit sehr viel gehabt und die AfD ist ein Fremdkörper für unsere Demokratie, für unseren demokratischen Konsens. Deswegen versucht die AfD, diese Situation zu nutzen, in der die Menschen natürlich sehr empfindlich auf die Flüchtlingsfrage und auf Veränderungsprozesse reagieren, um mit ihrer rechtspopulistischen und islamfeindlichen Politik die Menschen zu beeinflussen.

    Wie sieht Ihrer Meinung nach die Realität aus? Dass der Islam in Deutschland angekommen ist, das ist ja unumstritten, aber wie funktioniert denn nun das Zusammenleben?

    Es gibt in jedem Zusammenleben Probleme. Es gibt Konflikte und gerade weil es diese Konflikte gibt, darf man nicht den einen oder anderen ausschließen. Es gibt Handlungsbedarf in vielen Bereichen des Zusammenlebens, das muss auf jeden Fall angegangen werden. Aber das kann nicht so angegangen werden, indem man eine Gruppe als Fremdkörper bezeichnet, sie ausschließt und möglichst sogar aus Deutschland verbannen will.

    Wo würden Sie aus Sicht der türkischen Gemeinde in Deutschland sagen, dass noch Verbesserungsbedarf im Zusammenleben der Religionen hierzulande besteht, auch Verbesserungsbedarf seitens des Islams?

    Es gibt ja schon eine islamische Diskussion über das Grundgesetz, Grundwerte, über die Vereinbarung der Religion mit dem westlichen Leben. Diese Diskussion muss auf jeden Fall fortgesetzt werden und offen diskutiert werden, auch in der islamischen Diskussion.

    Es muss aber von der anderen Seite, von der Politik, mehr Verständnis für den Islam in Deutschland aufgebracht werden. Die Muslime sind anders und sie leben ihre Religion anders, aber diese Andersartigkeit ist mit der Verfassung vereinbar. Nicht, dass man bei jedem Konflikt sofort die Peitsche zeigt und sagt: "Die gehören nicht dazu!" Aber es gibt Handlungsbedarf auf beiden Seiten.

    Nun gibt es ja den berühmt-berüchtigten "besorgten Bürger", von dem in den Medien immer wieder die Rede ist, der sich seine Gedanken vor allem in der Flüchtlingskrise macht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es auch innerhalb der türkischen Gemeinde durchaus Besorgnis gibt über die aktuellen Entwicklungen?

    Nun, es gibt besorgte Bürger in Deutschland in jeder Hinsicht. Doch die Leute, die sich besorgt fühlen und auf die Straße gehen und gegen andere hetzen, sind aus meiner Sicht keine besorgten Bürger, sondern es sind Anstifter. Besorgte Bürger sind die, die einfach zuhause  oder in ihren Flüchtlingsheimen warten — mit der Spannung, dass eventuell in irgendeiner Nacht irgendwelche Nazis kommen und diese Unterkünfte anzünden.

    Oder besorgte Bürger sind natürlich auch die, die jetzt in den letzten 10-15 Jahren immer noch darauf warten, was mit dem NSU passiert ist, warum man den Tätern noch immer nicht auf die Spur gekommen ist. So sieht man auch, dass innerhalb des Staats sehr viele Fehler gemacht worden sind. Also besorgte Bürger gibt es, denke ich, auf beiden Seiten.

    Wie besorgt schauen Sie in dem Zusammenhang auf die Umfragewerte der AfD, die zurzeit in den Umfragen immer weitere Höhen erklimmt?

    Es ist besorgniserregend, auf jeden Fall. Es ist auch ein neues Phänomen in Deutschland. Ich denke, das radikale Gedankengut, das es bei rund 20 Prozent der Deutschen sowieso gibt, hat mit der AfD nun eine neue politische Heimat gefunden. Wir haben jetzt ähnliche Verhältnisse wie in Frankreich mit Marine Le Pen, wie in anderen europäischen Ländern.

    Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat die AfD mit der NSDAP zur Hitler-Zeit verglichen. Würden Sie sich dem anschließen — oder würden Sie eher einen anderen Vergleich wählen?

    Wir wissen, was Deutschland durch die Religionsfeindlichkeit in der Vergangenheit erlebt hat. Religionsfeindlichkeit führt zu vielen Konflikten, die man nicht vorhersehen kann. Und es kann ein Land ganz schnell aus dem Gleichgewicht bringen. Deswegen muss man mit bestimmten Vergleichen vorsichtig sein, aber natürlich auch die Entwicklung sehr, sehr genau im Auge behalten.

    Interview: Marcel Joppa

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    Tags:
    Islam, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Gökay Sofuoglu, Beatrix von Storch, Deutschland