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    Türkischer Theologe: Ankara fischt in islamistisch-faschistischen Gewässern

    © AFP 2019 / Bulent Kilic
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    Mit ihrer Ankündigung, die neue türkische Verfassung auf eine religiöse Grundlage zu stellen, treiben türkische Regierungsmitglieder ein gefährliches Doppelspiel, wie der türkische Theologe Hayri Kırbaşoğlu im Gespräch mit Sputniknews erklärte.

    Die Erklärung des türkischen Parlamentspräsidenten und AKP-Mitglieds Ismail Haraman, die neue Verfassung der Türkei solle ihren säkularen Charakter ablegen, sorgte für heftige gesellschaftliche Debatten und provozierte eine Lawine an oppositioneller Kritik. Der Fraktionsvorsitzende der türkischen Regierungspartei AKP, Naci Bostancı, erklärte daraufhin, der Verzicht auf das säkulare Wesen der Verfassung „steht nicht auf der Agenda“. Der türkische Premier Davutoğlu betonte, der säkulare Staatscharakter werde in der neuen türkischen Verfassung erhalten bleiben.

    Die Erklärung des Parlamentspräsidenten sei ein Versuch, die Agenda zu bestimmen, und vor allem ein taktisches Manöver, so der türkische Theologe Hayri Kırbaşoğlu: „Ismail Haraman gehört dem engsten Kreis des Präsidenten Erdoğan an. Zu dessen Vertrauten zählen unter anderem der ehemalige Präsident des Landes, Abdullah Gül, und der türkische Ex-Vize-Premier Bülent Arınç. In der Vergangenheit unterhielten diese enge Verbindungen zur Nationalunion türkischer Studenten, einer Organisation, die sich durch Tendenzen hin zu Gottesstaat und Einführung der Scharia in allen Bereichen des öffentlichen Lebens auszeichnete. Ihre Rhetorik hinsichtlich der Abschaffung des Laizismus hat sich inzwischen in ein taktisches Manöver mit dem Ziel des Agenda-Settings verwandelt“, so Kırbaşoğlu.

    Dabei habe, so der Theologe, das Modell einer islamisierten Gesellschaftsordnung, wie es mehrere Mitglieder der türkischen Regierung es vertreten würden, keine Zukunft: „Diese Menschen haben ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit. Sie glauben, alle Türken seien Muslime und legten den Islam auf gleiche Weise aus. Doch das ist ein Trugbild. Es gibt eine breite Gesellschaftsschicht, die sich nicht mit dem Islam identifiziert“, sagt Kırbaşoğlu.

    Man müsse sich schließlich dessen bewusst sein, dass eine Verfassung im Grund einen Konsens erklärt, der zwischen verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen erreicht worden sei. Sie sei eine Erklärung dafür, dass die verschiedenen Identitäten innerhalb eines Staates gemeinsam leben wollten, betont der Experte.

    Hinzu kommt, dass „die heutige Regierung kaum wirklich weiß, was der Islam ist“, sagt Kırbaşoğlu. „Ihrem Verständnis nach ist der Islam ein Diktaturprojekt mit einem Hauch Islamofaschismus.“

    Die AKP lasse sich von scholastischen Grundsätzen leiten. Dadurch versuche die Regierungspartei, sich an der Machtspitze zu halten. Diese Politik sei jedoch sehr gefährlich: „Angesichts der Willkür und Menschrechtsverletzungen, die heute in der Türkei zu beobachten sind, rückt die Frage nach der Einführung der Scharia in den Hintergrund“, unterstreicht der Theologe.

    Doch: „Wenn die Verfassung auf religiöser Grundlage stünde, könnten die Machthaber jeden, der sie kritisiert, des Verfassungsbruchs und der Gottlosigkeit beschuldigen“, bilanziert der türkische Experte.

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    Tags:
    Faschismus, Islam, Hayri Kırbaşoğlu, Naci Bostancı, Bülent Arınç, Ismail Haraman, Türkei