06:47 25 November 2020
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    Die „neue Herangehensweise“ an die Beilegung des Problems „nördlicher Territorien“, von der Japans Premierminister Shinzo Abe nach dem jüngsten Treffen mit Präsident Wladimir Putin sprach, kann bedeuten, dass Japan das Problem als gelöst sieht.

    Diese Meinung äußerte Prof. Dr. Izuro Nakamura von der Universität Tsukuba, ein Politologe und Autor zahlreicher Bücher über die Politik, Gesellschaft und Religion Russlands, gegenüber der Nachrichtenagentur Sputnik. Als „nördliche Territorien“ bezeichnet Japan die vier Südkurilen-Inseln, auf die Tokio Anspruch erhebt.

     „Ich meine, dass sich die japanisch-russischen Beziehungen jetzt an einem recht kritischen Punkt befinden. In Japan nimmt man die Worte über die ‚neue Herangehensweise‘ als neue Methode zur Regelung des (Territorial-)Problems wahr, indessen können sie aber Japans Verzicht auf seine Forderungen bedeuten. Das Wesen der Frage ist jetzt schwer zu verstehen. Das Problem ist, ob die ‚neue Herangehensweise‘ die Anerkennung der Tatsache bedeutet, dass die Frage vom Tisch ist, oder ob es eine ‚neue Herangehensweise‘ ist, um die Regelung des Territorialproblems weiter voranzutreiben“, meint der Experte.

    Seiner Auffassung nach kann diese „neue Herangehensweise“ auch Japans Kompromissbereitschaft in der Territorialfrage oder aber das Akzeptieren des Status quo bedeuten. Der Experte sieht die einzige Lösung darin, dass Japan zugibt, dass die Frage abgeschlossen sei. „Hier entsteht allerdings ein anderes Problem“, meint Prof. Nakamura. „Wenn diese Frage vom Tisch ist, dann haben der japanische Premier und der russische Präsident nichts mehr zu erörtern. Bisher gab es intensive Treffen, weil es die Territorialfrage gab. Ein Paradox.“

    Nakamura meint, dass „eine neue Etappe in den Beziehungen der beiden Länder begonnen hat, aber bisher schwer zu deuten ist, was sich hinter dem Begriff ‚Neue Herangehensweise‘ verbirgt“. „Bei diesem Treffen gab es ein Gespräch unter vier Augen zwischen Putin und Abe, bei dem  allein die Dolmetscher zugegen waren. Und außer Putin und Abe weiß niemand, worüber sie gesprochen haben“, meint der Politologe. Aus dieser Sicht deutet er auch die Worte des Kremlsprechers Dmitri Peskow, dass das Gespräch zur Territorialfrage „konstruktiv“ gewesen sei.

    „Russland spricht von konstruktiven Beziehungen zu Japan, Premier Abe spricht von einer ‚neuen Herangehensweise‘, beide Seiten sprechen von der Zukunft der japanisch-russischen Beziehungen, aber sie vereinbaren, zu verbergen, dass die  Erörterung der Territorialfrage abgeschlossen ist. Das Interesse der öffentlichen Meinung wird auf die Zukunft gelenkt, tatsächlich aber wird die Territorialfrage geschlossen“, ist der Experte überzeugt.

    Grund für „neue Herangehensweise“ – möglicher Machtantritt von Trump

    Nakamura meint, der Grund für diese Entscheidung Japans sei die reale Perspektive, dass Donald Trump in den USA an die Macht kommen könne. Der Präsidentenkandidat habe eindeutig zu verstehen gegeben, dass der Sicherheitsvertrag mit Japan in Richtung einer geringeren Last für die USA bei der Gewährleistung der Sicherheit Japans revidiert werden könne, so dass Japan selbst mehr für die eigene Sicherheit werde sorgen müssen.

    „Für Japan wäre Trump der Clinton vorzuziehen, da Abe klüger als Trump ist und seine eigene Politik leichter betreiben könnte. Sollte Trump an die Macht gelangen, so wäre ein gewisses Bündnis Amerikas, Russlands und Japans vor Bedrohungen von Seiten Chinas und Nordkoreas möglich. Und Abe braucht um jeden Preis Putins Unterstützung. Gerade deshalb war Abe nach Sotschi geflogen, obwohl ihm Obama davon abgeraten hatte. Eben weil für ihn gute Beziehungen zu Putin wichtiger sind“, meint der Politologe.

    Er betonte, dass es seiner Auffassung nach auch für Russland besser sei, „wenn während des jüngsten Treffens die Territorialfrage  als abgeschlossen anerkannt  worden wäre“. Außerdem gelangte der Experte zu dem Schluss, dass das Verteidigungsministertreffen der Länder des Verbandes Südostasiatischer Nationen (ASEAN) während der Internationalen Sicherheitskonferenz in Moskau, aber auch das bevorstehende Treffen des russischen Verteidigungsministers mit seinen Amtskollegen aus den ASEAN-Ländern in Sotschi berufen seien, den Einfluss Russlands in Asien zu festigen, damit es ein eindämmender Faktor in Bezug auf China werden könne.

    Gerade in diesem Kontext nimmt Prof. Nakamura die Modernisierungspläne der russischen Streitkräfte auf den umstrittenen Südkurilen-Inseln Kunaschir, Schikotan, Iturup und Habomai wahr. „Von Norden her – die militärische Ausstattung der Inseln, von Süden her – die Bildung eines Militärblocks mit ASEAN. Auf diese Weise bemüht sich Russland eine Situation zur Eindämmung Chinas zu schaffen. Sich vorzustellen, dass Putin in einer solchen Situation die Inseln Japan übergeben kann, ist völlig unmöglich“, merkt der japanische Politologe Nakamura an.

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    Tags:
    Shinzo Abe, Kurilen, Japan, Russland