15:24 29 März 2020
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    Die neueste Runde der Normandie-Gespräche der vier Außenminister ist am Mittwoch so gut wie ergebnislos zu Ende gegangen – das stellten sowohl die Teilnehmer selbst, als auch die Medien fest. Nichts Aufregendes also? Von wegen. Wie Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer vor Ort erfuhr, geht es auch bei ergebnislosen Events überaus turbulent zu.

    Mittwoch, 11. Mai, 9:45: Ich stehe vor dem gut bewachten Eingang zur Villa Borsig in Berlin Tegel, wo an diesem heißen, sonnigen Frühlingstag die Außenminister der Ukraine, Russlands, Frankreichs und Deutschlands im Rahmen der sogenannten Normandie-Gespräche über die Zukunft der Ukraine beraten werden. Der Einlass für die akkreditierten Journalisten soll erst um 10 Uhr beginnen und so nutze ich die verbleibende Zeit, um mich etwas umzusehen. Der Parkplatz ist bereits voll mit Journalisten aus allen vier Teilnehmerländern: Einträchtig steht der Kleinbus der Deutschen Welle neben dem Wagen vom Russischen Fernsehen. Die russischen Kollegen proben bereits ihre Stand-Ups, während die Herren von der ARD sich runter zum Seeufer begeben haben, um ein paar hübsche Panoramabilder einzufangen.

    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig

    Nach und nach verlagert sich der internationale Journalistenpulk in Richtung Eingangstor. Ich bemerke, dass die russische Presse mit Abstand am zahlreichsten erschienen ist. Wir werfen hoffnungsvolle Blicke durch die von Polizisten bewachte Tür, zu der ab und zu ein Wagen hereingelassen wird.

    10:05: Unser Journalistengrüppchen drängt sich samt Equipment in einem kleinen Raum, wo die Sicherheitskontrolle durchgeführt wird. Ich versuche, den großen Stativen auszuweichen, die die Kollegen auf den Schultern tragend unbedarft durch die Luft schwingen.

    10:10: Unser Trupp setzt sich geschlossen in Bewegung durch den Park. Ein Rotfuchs beobachtet uns mit der Gelassenheit eines Kenners. Staunend betrachten wir unterwegs den prachtvollen Park. Eine ukrainische Kollegin freut sich wie ein Kind, dass die Bänder, an denen ihre zwei Presseausweise an ihrem Hals baumeln, blau und gelb sind. „Unsere Nationalfarben!“ sagt sie.

    10:20: Mittlerweile haben wir uns im Pressegebäude eingefunden. Zur großen Freude der Korrespondenten gibt es ein Buffet mit Kaffee, Tee, Mineralwasser, Obst, Keksen und Brezeln. Während einige ihre Laptops und Telefone auspacken, stürzt sich die Mehrheit auf die Gratis-Snacks. Ich ergattere eine Butterbrezel.

    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig

    10:35: Plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe: Einzelne Korrespondenten greifen ihre Ausrüstung und rennen los. Mit der halben Brezel zwischen den Zähnen greife ich ebenfalls nach meiner Ausrüstung und sprinte hinterher. Im Laufen höre ich jemanden sagen, die russische Delegation komme gleich. Ich lege noch einen Zahn zu.

    11:00: Nachdem der Journalistenpulk erst aufgehalten und dann auch wieder zurück gescheucht wurde, höre ich Beschwerden der Kollegen, warum man nicht die Anfahrt der russischen Delegation filmen durfte. Plötzlich fährt eine Kolonne von Diplomatenautos vorbei und die Kollegin aus der Ukraine ruft „Das ist Steinmeier!“. Die Kameras klicken in Serie.

    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig

    11:17: Am Vordereingang der Villa Borsig angekommen, erklettere ich eine kleine Mauer, um einen Blick auf Frank-Walter Steinmeier zu erhaschen.

    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig

     Nach einer kurzen Begrüßung beginnt der deutsche Außenminister dann auch zügig mit seinem Eröffnungsstatement. Wie zu erwarten, legt er besonderes Augenmerk auf die Notwendigkeit, sich auf die Durchführung von Kommunalwahlen in der östlichen Ukraine zu verständigen.

    „Zum letzten Mal haben sich die vier Außenminister der Ukraine, Russlands, Frankreichs und Deutschlands vor zwei Monaten in Paris getroffen. Das Wetter war schlecht und die Gespräche waren es  auch. Ich habe nach dem Gespräch zum Ausdruck gebracht, dass wir mit dem Gesprächsverlauf nicht zufrieden sein können“, erklärte Steinmeier. „Es stehen die Lokalwahlen natürlich im Vordergrund. Ich hoffe, dass wir heute etwas vorankommen und ein Verfahren verabreden werden, wie wir uns dem Entstehen eines Lokalwahlgesetzes und der Vorbereitung von Lokalwahlen einschließlich der Gewährleistung der Sicherheit bei der Durchführung der Lokalwahlen nähern.“

    11:22: Nach dem Statement wird verkündet, man könne zur Rückseite der Villa gehen, wenn man das „Familienfoto“ von Steinmeier, Ayrault, Lawrow und Klimkin machen wolle. Wieder sprinten alle los. Ich drängele mich in die vorderste Reihe, um diesmal einen besseren Blick zu haben. Jedoch lässt man uns erneut in der prallen Sonne warten. Es heißt, der französische Außenminister sei noch nicht da.

    11:50: Das Warten hat ein Ende, die Außenminister treten aus der Tür und lächeln in die Kameras. Lawrow steht neben Klimkin, es folgen Ayrault und Steinmeier. Modisch gibt es diesmal keine Überraschungen, alle tragen dunkle Anzüge und weiße Hemden. Nach 1-2 Minuten winkt Steinmeier noch einmal freundlich zur Journalistenschar und die Außenminister ziehen sich zurück.

    Die Außenminister von Russland, der Ukraine, Frankreich und Deutschland beim Normandie-Treffen in Berlin
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Die Außenminister von Russland, der Ukraine, Frankreich und Deutschland beim Normandie-Treffen in Berlin

    12:00: Jetzt bleibt nur noch warten. Einige Kollegen geben am Laptop und Telefon erste Eindrücke an ihre Redakteure durch, bei den meisten setzt allerdings Entspannung ein. Im Park werden Selfies geschossen und nach und nach zieht es auch die entschlossensten Korrespondenten auf die sonnige Wiese, wo deutsche, russische, ukrainische und französische Journalisten einträchtig ein Picknick abhalten.

    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig

    Weniger sonnenbegeisterte Kollegen schlafen auf den Fluren des Pressehauses. Über facebook bekomme ich ein Statement von der Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, mit, die erzählt, Steinmeier und Lawrow seien sogar zu kleinen Scherzen aufgelegt. Lawrow: Ich dachte, wir würden hier zur Sache reden und nicht für die Kameras. Steinmeier: Das dachte ich auch…bis die russische Presse kam.

    14:00: Man hört nichts über den Verlauf der Gespräche und die Brezeln am Buffet sind auch alle. Jemand streut das Gerücht, wir würden um 15 Uhr eh alle rausgeschmissen werden, ob es nun ein Abschlussstatement gibt oder nicht. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, die Ergebnisse der Verhandlungen doch noch live mitzubekommen.

    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig

    14:30: Das Picknick auf der Wiese wird eilig abgebrochen, alle sprinten erneut los, gleich soll es die Schlussstatements geben. Es stellt sich heraus, dass Steinmeier und Lawrow zur gleichen Zeit am Vorder- bzw. Hinterausgang der Villa reden werden. Ich entschließe mich für Lawrow und beziehe Position, diesmal auf einem kleinen Journalistenpodest.  Als Lawrow heraustritt, ist er kaum zwei Meter von mir entfernt. Ernst und gefasst erläutert er der versammelten Presse, zu welchen Ergebnissen man nach den fast dreistündigen Gesprächen gekommen ist.

    Russlands Außenminister Sergej Lawrow beim Normandie-Treffen in Berlin
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Russlands Außenminister Sergej Lawrow beim Normandie-Treffen in Berlin

    Lawrow resümiert zunächst die erzielten Fortschritte, was die gemeinsame Strategie in puncto Sicherheit in der Ukraine angeht. „Wir sprachen über die Notwendigkeit, die Schusswechsel einzustellen, eine Sicherheitszone einzurichten, der OSZE-Mission vollen Zugang in alle Gebiete zu gewähren. Die OSZE sollte Zugang zur russisch-ukrainischen Grenze bekommen“.

    Bei dem strittigen Thema der Wahlen in der Ostukraine findet der russische Außenminister deutliche Worte:  „Die ukrainische Seite will eine bewaffnete Mission. Sie argumentiert, dass ohne diese kein freier Wahlkampf möglich sei, sagt er. Von russischer Seite teile man die Bedenken nicht und halte dieses Argument für eine haltlose Ausrede. In der ukrainischen Position sehe er eine Hinhaltetaktik, die verhindere, dass das Wahlgesetz für die Kommunalwahlen im Donbass auf den Weg gebracht werden kann. „Alles, was mit den Wahlen zu tun hat, sollte direkt zwischen Kiew, Donezk und Lugansk verhandelt werden“, resümiert Lawrow.  

    Nachdem der Pressetermin mit Lawrow vorüber ist, kann ich noch ein paar Fotos von dem französischen Außenminister machen, als er weitgehend unbeobachtet in seinen Wagen steigt.

    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig

    Danach bieten die Organisatoren an, auch das Statement des ukrainischen Botschafters Klimkin anzuhören, der sich mittlerweile am Hintereingang der Villa eingefunden hat. Wir laufen erneut um das Gebäude. Dieses Mal ist es wesentlich einfacher für mich, einen guten Platz zu ergattern und ich kann in Ruhe fotografieren und mitschneiden.

    Ukrainischer Außenminister Pawel Klimkin beim Normandie-Treffen in Berlin
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Ukrainischer Außenminister Pawel Klimkin beim Normandie-Treffen in Berlin
    Vierer-Treffen in Villa Borsig
    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Vierer-Treffen in Villa Borsig

    Klimkin spricht auf Englisch zur Presse, danach noch einmal auf Ukrainisch. Gleich bei seinen ersten Worten ist der versammelten Presse klar, dass nicht viel Substanzielles als Bilanz der Verhandlungen zu erwarten ist. Es sei für ihn ein emotionaler Tag, da es der Geburtstag von Nadeschda Sawtschenko sei… Anders als seine Kollegen redet Klimkin gern ausführlich über einen möglichen Gefangenenaustausch zwischen der Ukraine und Russland, die Verstärkung der Grenzkontrollen und eine Polizeimission der OSZE. Zum Schluss kommt er dann doch kurz auf den politischen Prozess zu sprechen. Für ihn sei die Herstellung der Sicherheit in der Ostukraine vorrangig, erst danach könne die Rede von Wahlen sein. Mir fällt auf, dass der ukrainische Außenminister in puncto Wahlen das genaue Gegenteil dessen sagt, was nur Minuten zuvor Lawrow gesagt hatte. Nach Ansicht des ukrainischen Außenministers sei es Russland, das mit seinen Bedingungen den politischen Prozess aufhalte. 

    Frank-Walter Steinmeier lässt abschließend verlauten, es sei wichtig gewesen, das Treffen abzuhalten, seine Bilanz sei jedoch „bestenfalls gemischt“.

    Das strittige Thema der geplanten Lokalwahlen fasst der deutsche Außenminister so zusammen:

    „Bei der wichtigen Frage der Lokalwahlen selbst ist es ganz offensichtlich besonders schwierig, Fortschritte zu erzielen. Das ist bedauerlich, aber angesichts der Bedeutung der Wahlen, der Vorgeschichte monatelanger Beratungen in der Kontaktgruppe ohne jedes Ergebnis und der vielen schwierigen verfassungsrechtlichen, politischen und technischen Fragen auch nicht überraschend.“

    16:30: Nach einem langen Tag in der Villa Borsig, an dem womöglich die Weichen für die Zukunft der Ukraine wenn nicht endgültig gestellt, so doch vielleicht um einige Millimeter bewegt wurden, packe ich meine Ausrüstung zusammen und mache mich auf den Rückweg durch den Wald. Ich mache mir Gedanken darüber, ob dieser Tag wirklich zu einem baldigen Frieden in der Ukraine beigetragen hat. Vielleicht doch?

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