22:46 22 Oktober 2018
SNA Radio
    Rousseffs Amtsenthebung: Feurige Leidenschaft brasilianischer Politik

    Was der US-gelenkte Rechtsruck in Lateinamerika für Russland bedeutet

    © REUTERS / Ricardo Moraes
    Politik
    Zum Kurzlink
    10816

    Um „untreue“ Staaten in Lateinamerika zu schwächen, haben die USA dort zu einem Rechtsruck beigetragen. Nun haben sie offenbar mehr Zeit und Möglichkeiten, um auch den postsowjetischen Raum und Russland stärker ins Visier zu nehmen. Zu diesem Schluss gelangt ein russischer Politik-Experte.

    Dmitri Jewstafjew, Professor der Moskauer Higher School of Economics, schreibt in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung „Iswestija“: „Nachdem die USA nicht ohne Schwierigkeiten das ewige ‚Bolivien-Projekt‘ abgehakt haben, geben sie die Kontrolle über die politische Situation in ihrem neuen ‚Hinterhof‘ offenbar kaum aus der Hand.“ In Washingtons Vorgehen sieht Jewstafjew einige Besonderheiten.

    „Erstens behalten die USA zwar ihr Potenzial zu globalen politischen und wirtschaftlichen Manipulationen, doch ihre organisatorischen Ressourcen reichen für zeitgleich verlaufende, groß angelegte Aktivitäten in höchstens zwei Regionen aus. Parallel zur Schwächung ‚linker‘ Regimes in Lateinamerika konnten die USA nur noch in ‚atlantischer Richtung‘ aktiv vorgehen, wo sie ebenfalls die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Institutionen kontrollieren (beispielsweise die Nato)“, schreibt das Blatt. Dabei hätten sie sowohl den ‚Arabischen Frühling‘ als auch Projekte zu einer stärkeren Kontrolle über postsowjetische Staaten abbauen müssen. Die antichinesischen Manöver der USA beschränkten sich derweil hauptsächlich auf  Manipulationen am Finanzmarkt und eine intensivere Propaganda. Auch mit Russland habe Washington zunächst höflich reden müssen – im Gegensatz zu jenen beispiellosen Drohungen und politischen Druck-Maßnahmen aus dem Jahr 2014, schreibt Jewstafjew. 

    Zweitens seien die USA nicht mehr in der Lage, politische Systeme „aus dem Handgelenk zu schütteln“, nicht einmal in Lateinamerika. Die Operation zur Neutralisierung des Linksrucks in der Region habe mindestens anderthalb Jahre gedauert. Dabei sei ihr Erfolg nicht zuletzt dem katastrophalen Rohstoff-Preisverfall zu verdanken, hieß es. 

    „Drittens konnten sich die USA weder einen direkten Interventionismus noch Militärputsche in Lateinamerika leisten. Sie waren gezwungen, sich auf die Zivilgesellschaft zu stützen, obwohl ihnen Optionen zur Verfügung standen (wenigstens in Argentinien, Venezuela und Bolivien), um einen weiteren ‚Putsch der Generäle‘ zu konstruieren“, so der Experte. Die USA mussten auf fremde Kräfte in diesen Ländern vor Ort zurückgreifen, aber auch auf jene wirtschaftlichen und sozialen Interessen, die sich gegen ‚linke Regimes‘ richteten. Washington verzichtete auf das einstige Modell, das während der Blütezeit der Farbrevolutionen Anwendung gefunden hatte.

    Der Verfall der ‚bolivianischen Alternative‘ sei, viertens, nicht nur darauf zurückzuführen, dass die USA die untreuen Regimes zum Sturz bringen wollten. „Sowohl die Abstimmung in Argentinien als auch die Massenkundgebungen in Brasilien und Venezuela spiegelten reale Trends der öffentlichen Meinung wider“, lautet der Experten-Kommentar. Es sei weder Venezuela noch Brasilien gelungen, ihre Rohstoff-Gewinne zu nutzen, um eine neue Qualität der Wirtschaft zu erzielen.

    Fünftens habe Washington den Anti-Korruptions-Kampf als wichtiges Mittel gegen unerwünschte Staaten instrumentalisiert. Aspekte dieses Kampfes in konkreten Ländern seien mit globalen Faktoren zu einem einheitlichen politischen Prozess geworden: „Zwar haben sich die USA dabei die Funktionen von Staatsanwalt und Richter angemaßt, doch es wird in nächster Zeit kaum jemandem gelingen, diese vom Anti-Korruptions-Status zu entheben.“

    Generell bedeute das Scheitern der ‚bolivianischen Alternative‘ außerdem, dass es kaum einem Land gelinge, im Rahmen eines US-zentristichen Politik- und Wirtschaftssystems sich selbst unter „würdigen Bedingungen“ treu zu bleiben: „Die USA werden mit niemandem über ‚Bedingungen‘ verhandeln, denn sie sind derzeit zu schwach dafür. Was die USA brauchen, sind bedingungs- und ideenlose Verbündete.“

    Zu möglichen Konsequenzen für Russland schreibt Jewstafjew: „Da das Problem untreuer Regimes in Lateinamerika für die USA nun nicht mehr so akut ist wie bisher, können die US-Amerikaner nun genug organisatorische und politische Ressourcen freisetzen, um stärker den postsowjetischen Raum ins Visier zu nehmen (…) Die ‚Atempause‘ für die russische Elite ist bald zu Ende.“ 

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Tauwetter zwischen USA und Venezuela: Maduro nennt Treffen mit Obama "herzlich"
    Tauwetter mit USA: Experte warnt Kuba vor Putschgefahr
    Obamas Kuba-Reise – eine nicht gerade kostspielige PR-Aktion
    Tags:
    Dmitri Jewstafjew, Lateinamerika, Russland, USA