01:01 23 Oktober 2018
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    Gedenken der Opfer des Völkermords an den Armeniern 1915 (Archivbild)

    Bundestag nimmt Stellung zu Völkermord an Armeniern – Was wird mit EU-Türkei-Deal?

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    Armenien-Resolution: Völkermord – ja oder nein? (48)
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    Mehrfach war der Antrag verschoben worden, auch aus Rücksicht auf Ankara: Nun will der Bundestag am Anfang Juni die Vertreibung der Armenier vor mehr als 100 Jahren als Völkermord verurteilen.

    Trotz türkischen Protests scheint es als wolle der Bundestag die Vertreibung der Armenier durch das Osmanische Reich als Völkermord einstufen. Am 2. Juni wird der Antrag von Union, SPD und Grünen «Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten vor 101 Jahren» beraten, wie aus der Homepage des Parlaments hervorgeht. Bei den Massakern an den Armeniern 1915 kamen Schätzungen zufolge zwischen 800 000 und 1,5 Millionen Angehörige der christlichen Minderheit im Osmanischen Reich ums Leben. Die Türkei hat das bedauert, bestreitet aber, dass es sich um Völkermord gehandelt habe.

    Doktor Raffi Kantian, Vorsitzender der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, legt gerade auf eine deutsche Resolution besonderen Wert. Immerhin war das Deutsche Kaiserreich im ersten Weltkrieg, zur Zeit des Genozids, verbündet mit dem Osmanischen Reich, welches den Völkermord begangen hatte:

    "Eine Anerkennung seitens der Bundesrepublik Deutschland ist insofern ganz besonders wichtig, weil das deutsche Kaiserreich natürlich eine ganz besondere Stellung damals inne hatte, und es ist insofern wichtig, dass ein solcher Nachfolgestaat das, was damals passiert, als das bezeichnet, was es war, nämlich als Völkermord." so Kantian im Gespräch mit Sputnik-Korrespondent Bolle Selke. Der in Istanbul geborene Publizist erläutert:

    "Die Nichtanerkennung insbesondere durch die Türkei ist eine enorme psychische Belastung für die betroffenen Armenier. Es ist halt nicht angenehm, immer zu hören zu bekommen, das wären alles armenische Lügenmärchen, was man zeitweilig über weite Strecken gemacht hat."

    Für Kantian ist die Resolution allerdings im Prinzip eine Verschriftlichung dessen, was im deutschen politischen Raum schon seit einem Jahr existiert:

    "Letztes Jahr hat Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Ansprache im Berliner Dom wortwörtlich als Genozid benannt. Bundestagspräsident Norbert Lammer am Tag drauf bei der großen Aussprache im deutschen Bundestag hat es klipp und klar so bezeichnet und die Abgeordneten, die nach ihm das Wort ergriffen haben, haben es genauso getan. "

    Trotzdem ist er selbst vorsichtig:

    „Ich warte den2. Juni ab und schaue mir an, was an dem Tag tatsächlich beschlossen wird."

    Ob es einen Zusammenang zwischen der Resolution und dem Flüchtlingsdeal gibt, weiß der Vorsitzende der Deutsch-Armenischen Gesellschaft nicht genau:

    "In Bezug auf den Flüchtlingsdeal könnte man auf den ersten Blick sagen, es würde einiges dafür sprechen, dass die Anerkennung des Völkermordes nicht kommt. Man kann ja auch jeden Tag in den Zeitungen lesen, dass man einen möglichst reibungslosen Ablauf der Flüchtlingsproblematik haben will und man möchte da die Türken — und vor allem nicht den Präsidenten — nicht erzürnen, also bitte keine weiteren Streitpunkte einbauen. Aber ich denke, es gibt andere Punkte, die in der deutschen politischen Öffentlichkeit sehr stark diskutiert werden. Da ist die Lage der Meinungsfreiheit, der Pressefreiheit und Ähnliches, über die ja durchaus aktiv berichtet wird. Die Medien sind voll davon. Vielleicht hat man dann gesagt, bis hierhin und nicht weiter, aber das sind alles Spekulationen. Bei der Debatte werden wir sicherlich etwas mehr von der Grünen Seite erfahren, von Herrn Özdemir insbesondere, der ist sehr klar positioniert diesbezüglich und sagt, einem solchen Staat gegenüber muss man erst recht Flagge zeigen. Diese Meinung vertreten mittlerweile auch Vertreter der anderen Parteien, dass sie sagen bei Herrn Erdogan, wir müssen nicht alles mitmachen, und vielleicht ist das ein Punkt, wo man nach außen hin demonstrieren kann, dass man nicht alles mitmachen möchte."

    Markus Rindt, der Intendant der Dresdner Sinfoniker, ist der Initiator eines offenen Briefes an die Bundesregierung, der sie dazu auffordert den Völkermord anzuerkennen. Der Mitinitiator des Musikprojektes Aghet, welches sich mit dem Völkermord befasst, sieht auch einen Zusammenhang zwischen den Diskussionen um die Meinungs- und Pressefreiheit und der Resolution:

    "Die Resolution wurde sicherlich ein wenig durch die jüngsten Ereignisse mit Böhmermann und Xtra3 befördert. Es gab eine gewisse Spannung, also man spürte das auch. Ich denke, die Resolution hat etwas damit zu tun, dass jetzt so viel über die Situation in der Türkei geredet wird, und das ist ja gut für diese Resolution. Wenn jetzt überhaupt nicht darüber geredet würde oder nicht darüber berichtet würde, dann könnte man vermuten, dass es vielleicht am 2. Juni keinen Erfolg haben könnte. Ich glaube aber, die Sensibilität bei den Politikern ist jetzt so hoch, dass man gar nicht anders kann."

    Trotzdem ist eine Anerkennung des Begriffes Völkermord für Markus Rindt nur ein Anfang:

    "Der Begriff an sich — Völkermord oder Genozid — würde natürlich nicht reichen“, betonte er im Sputnik-Interview. „Man muss natürlich auch Wege aufzeigen, die jetzt in eine Freundschaft oder eine Zusammenarbeit, einen Dialog für die Zukunft eröffnen. Ich sehe da eigentlich, dass die Kultur und die Musik — die Kunst — eine Aufgabe hat, daran teilzunehmen und unser Projekt Aghet, was Marc Sinan und ich in diesem Zusammenhang initiiert haben, soll ja eigentlich diesen Dialog eröffnen. Wir haben ein Orchester aus armenischen, türkischen und deutschen Musikern zusammen gebaut. Wir haben drei Komponisten — aus Armenien, der Türkei und aus Deutschland. Auch in der Person Marc Sinan an sich, der die Idee dazu hatte, vereinen sich diese drei Komponenten: er hat armenische, deutsche und türkische Wurzeln. Auf der musikalischen, auf der kulturellen Ebene machen wir vor, was eigentlich die Politiker tun sollten, nämlich miteinander reden, miteinander in Kontakt kommen, die Dinge für die Zukunft anpacken. Wir haben da einen ganz guten Plan, wir wollen eine deutsch-armenisch-türkische Freundschaftsgesellschaft gründen. Das soll im Rahmen unserer Tournee stattfinden — wir werden im November in der Türkei und in Armenien spielen. In diese Freundschaftsgesellschaft wollen wir Intellektuelle, Wissenschaftler, namhafte Persönlichkeiten versammeln aus diesen drei Ländern, die dann gemeinsam daran arbeiten, einen Weg für die Zukunft zu finden."

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    Themen:
    Armenien-Resolution: Völkermord – ja oder nein? (48)
    Tags:
    Bundestag, Markus Rindt, Raffi Kantian, Joachim Gauck, Deutschland, Armenien, Türkei