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23:36 22 Oktober 2019
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    „God save the Queen“ an die türkische Botschaft

    PixelHELPER gegen Erdogan – mit Queen und „Völkischem Beobachter“

    © Foto: Martin Petermann/PixelHELPER
    Politik
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    Nach mehreren politischen Lichtinstallationen, die an Botschaftsgebäude von der Türkei und von Saudi-Arabien projiziert werden, haben die Lichtkünstler von PixelHELPER in der Nacht auf Donnerstag erneut zugeschlagen. Sie protestierten damit gegen das Vorhaben von Präsident Erdogan, die Immunität für Parlamentarier aufzuheben.

    Oliver Bienkowski von PixelHELPER ging in einem Interview für die Sputnik-Korrespondenten Ilona Pfeffer auf Aktivitäten der Gruppe ein.

    Herr Bienkowski, in der Nacht auf Donnerstag haben Sie erneut eine Lichtinstallation an die türkische Botschaft projiziert. Zu sehen waren ein Portrait des türkischen Präsidenten Erdogan als Queen Mum, ein Reichsadler mit dem Schriftzug der AKP sowie eine Pseudo-Schlagzeile des „Völkischen Beobachters“, die da lautete: Der Reichstag übergibt Erdogan die Macht. Was genau wollten Sie mit dieser Projektion aussagen bzw. kritisieren? 

    Wir wollten auf die Probleme in der Türkei hinweisen, die sich aus der Aufhebung der Immunität fast aller Abgeordneten im Parlament ergeben. Erdogan versucht gerade, das Land in eine Präsidialdiktatur umzuformen – so kommt es sicher den Intellektuellen und Künstlern in der Türkei selber vor. Wir wollten einfach mal Initiative ergreifen, gerade auch hinsichtlich der Reise der Bundeskanzlerin in die Türkei. Wir wollten Frau Merkel einfach ein Paar Lichtkunstkarikaturen mitgeben und die Rolle von Erdogan kritisieren. Deswegen haben wir ja auch Erdogan mit den Worten „God save the Queen“ an die türkische Botschaft geleuchtet – der Kopf war von der Queen und nur das Gesicht von Erdogan.

    Die anderen Motive sind selbsterklärend. Der Reichsadler hatte statt dem Hakenkreuz eben das AKP-Logo drin von Herrn Erdogan. Und diese Schlagzeile aus dem „Völkischen Beobachter“ bedeutet einfach, dass Erdogan sich durch diese komplette Entmündigung der Abgeordneten seine Ermächtigung schafft und damit wohl auch in dieses Präsidialsystem, das er sich so sehr wünscht, übergeht.

    Das war nicht der erste Vergleich, den Sie zwischen Erdogan und Hitler ziehen, und in der Vergangenheit wurden da durchaus auch kritische Stimmen laut. Wollen Sie diesen Vergleich weiter durchziehen, um damit die Menschen wachzurütteln?

    Kunst-Protest an Türkischer Botschaft in Berlin
    Kunst-Protest an Türkischer Botschaft in Berlin

    Ich finde, alle Menschen, die in Deutschland geboren wurden, haben eine historische Verpflichtung, dagegen zu kämpfen, dass solche Diktatoren und solche diktatorischen Methoden, die da in der Türkei eingesetzt werden, zu verhindern. Ich finde, wenn man 1933 und das Ermächtigungsgesetz sieht und sieht, wie Erdogan mit Presse, Künstlern und Opposition umgeht, dann sieht jeder definitiv die Parallele. Jeder, der versucht, das abzustreiten, sollte wirklich die Augen aufmachen und sich in das Thema einlesen, denn genau das passiert da gerade.

    Kurz zum Ablauf in der vergangenen Nacht: Gab es irgendwelchen Ärger oder wurden Sie bei der Aktion in irgendeiner Weise behindert?

    Gestern Abend war es eher wie in dem Kinofilm „Ocean’s Eleven“. Wir sind mit drei Leuten hin und eine nette Dame hat die Polizisten immer in den Momenten abgelenkt, wo wir für fünf bis zehn Sekunden diese Lichtkunstkarikatur auf das Gebäude geleuchtet haben. Dann haben wir auch immer die Fotos gemacht. Diesmal sind wir frontal an die Botschaft gegangen und nicht von hinten, wo die große Mauer ist. Wir haben diesmal gedacht, wir sollten es zentral platzieren. Das haben wir auch geschafft und die Polizisten haben es gar nicht mitbekommen. Das ist auch gut, denn damit haben wir ihnen Arbeit erspart und uns auch, sodass wir früher Feierabend machen konnten.

    Diese Fotos sind auch mittlerweile im Netz. Wie sind bisher die Reaktionen darauf?

    Die Fotos werden europa- und weltweit fleißig geteilt, genauso wie wir es wollen. Wir wollen ja aufklären und auf Probleme hinweisen. Wir denken, dass Erdogan dieses Message schon erreicht hat. Ich drücke auch allen die Daumen, dass diese Abstimmung am Freitag schiefgeht und alle ihre Immunität behalten dürfen. 

    Eine andere Geschichte, die ich auf der Facebook-Seite von PixelHELPER gesehen habe, würde mich noch interessieren. Saudi-Arabien soll Ihnen vorgeworfen haben, die Lichtprojektion, die Sie neulich an das Gebäude der saudi-arabischen Botschaft geworfen haben, gefälscht zu haben. Was ist an der Geschichte dran und worin soll die Fälschung bestehen?

    Eine absolute Monarchie ohne Parlament – es ist natürlich immer schön, wenn man solche Vorwürfe hört… Wir haben in dem Moment, wo die saudi-arabische Botschaft uns das per Twitter vorgeworfen hat, ihr die RAW-Dateien der Fotos und als Beweis die Dias und eine Beispiellichtprojektion geschickt. Es war so, dass wir alles auf den Tisch gelegt haben an Fakten und das von der anderen Seite einfach nur geblockt wurde. Genauso, wie es in dem Land auch sonst abläuft.

    Deshalb wollen wir vor Saudi-Arabien ja auch warnen: Vor der Terrorfinanzierung und den Menschenrechtsverletzungen, die mit Raif Badawi auch gerade angestellt werden. Er kommt da ja auch nicht aus dem Gefängnis raus. Ich kann es nicht ertragen, wenn deutsche Politiker dahin reisen und diesem Regime ihre Dankbarkeit erweisen, weil wir Panzer dorthin verkaufen, die für die Unterdrückung von Aufständen benutzt werden. Saudi-Arabien ist definitiv ganz hoch oben auf unserer Kampagnenliste und wir werden Gelder sammeln, um eine große Kampagne gegen Saudi-Arabien, Katar und alle anderen Financiers des Terrors zu starten. 

    Lassen Sie uns noch einmal zurückkommen zur Fälschung. Was genau sollen Sie denn gefälscht haben, die Karikaturen fertigen Sie doch selber an?

    Genau. Wir haben in einem Bildbearbeitungsprogramm ein Motiv generiert, das kann man sehen, es ist physisch greifbar. Und sie werfen uns über Twitter eine Photoshop-Manipulation vor — und das ist es nicht. Wir können das gerne live demonstrieren, aber dann sollten wir das vielleicht mit einer Wette verbinden, sodass die saudi-arabische Botschaft an eine Menschenrechtsorganisation spendet. Und dann kommen wir und machen diese Projektion noch einmal vor den Augen des Königs, damit er sehen kann, dass die Botschaft Mist erzählt hat. Wie sollen wir auch reagieren? Wir können nur die Fakten auf den Tisch legen und hoffen, dass die Wahrheit erkannt wird.

    Aber weswegen sollten Sie Ihr eigenes Kunstwerk in Photoshop manipulieren?

    Ich verstehe es nicht. Ich denke, wenn Aktivisten Sachen an die Botschaft projizieren, dann wird das einfach verneint. Es werden auch keine Beweise veröffentlicht. Das Thema ist gut um die Welt gegangen. Ich habe heute auch über Facebook mit Leuten in Saudi-Arabien gesprochen, und sie haben gesagt, dass das Thema da definitiv bekannt ist. Das heißt, unsere Botschaft ist dort angekommen. Die saudi-arabische Botschaft sollte sich der Menschenrechtsverletzungen bewusst werden, die da in dem Land passieren. Ich möchte mir nicht die Hände und den Kopf abschlagen lassen und möchte das auch nicht auf öffentlichen Plätzen zelebrieren. Deswegen bin ich gegen das, was Saudi-Arabien macht und finde, die Monarchie sollte abgeschafft und Demokratie installiert werden.

    War denn mit diesem Vorwurf auf Twitter auch irgendeine Drohung verbunden?

    Wie gesagt: Wenn die saudi-arabische Botschaft mit ein paar Tausend Followern sowas postet, dann ist klar, dass die Menschen, die diesem Account folgen, darüber jubeln, dass da etwas Schlimmes passiert ist. Wenn Sie solche kontroversen Dinge machen wie wir, dann dürfen Sie darauf keine Rücksicht nehmen. Es ist einfach so: Es gibt immer eine Seite, die es anders sieht. Unser Auftrag ist, dass wir auch dieser Seite die Wahrheit auf den Tisch legen und sie davon überzeugen, dass sie doch auf der falschen Seite steht. Dafür kämpfen wir.

    Nun wollten Sie ja mit der letzten Aktion auch die Menschen in der Türkei erreichen. Meinen Sie denn, Ihre Botschaften werden richtig rezipiert? Werden Ihre Signale verstanden?

    Wir haben diese Bilder an alle türkischen Zeitungen verschickt und in einem kleinen Hintergrundtext auf den Zusammenhang hingewiesen. Aber das müssen wir ihnen eigentlich nicht erklären, sie wissen selbst ganz genau, was in ihrem Land passiert. Wir haben unsere Aktion schön neutral platziert und ich denke, dass heute der richtige Tag dafür ist. Morgen ist die Abstimmung im Parlament und heute geht die Aktion durch die Presse. Ich hoffe, sie trifft auch viele von der AKP, die morgen wieder, wie schon bei der letzten Abstimmung, die Zettel ohne Unterschrift abgeben und damit den Stimmzettel ungültig machen. Ich würde es Herrn Erdogan wünschen, dass er mit seiner Aktion extrem vor die Wand knallt.

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    Tags:
    Pixelhelper, Recep Tayyip Erdogan