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21:45 19 Juli 2019
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    Österreich: Sozialverlierer machten Rechtspopulisten fast zum Präsidenten – Experte

    © AFP 2019 / Joe Klamar
    Politik
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    Das knappe Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Präsidentenwahl in Österreich erklärt Gerhard Mangott, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck, damit, dass die meisten Wähler, die Norbert Hofer ihre Stimme gegeben haben, auf eine Änderung gegen den von ihnen empfundenen Stillstand in Österreich drängen.

    „Und das in einer Situation, wo Österreich wirtschaftlich nicht besonders gut dasteht, wo die Arbeitslosigkeit sehr hoch und die Situation auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt schwierig ist“, betont Professor Mangott im Interview mit Sputniknews-Korrespondent Nikolai Jolkin. Dabei gebe es in dem Land gegenwärtig eine starke Anti-Establishment-Stimmung. „Neben der Flüchtlingskrise und dem Umstand, dass innerhalb des letzten Jahres mehr als 100.000 Flüchtlinge nach Österreich gekommen sind, machte das viel an Motiven für Norbert Hofer aus“, so der Experte. 

    Auch in Deutschland gebe es Faktoren, die denen in Österreich ähnelten, meint Mangott. „Auch in Deutschland gibt es eine starke Stimmung des sozialen Unmuts unter Arbeitslosen, Schlechtbezahlten oder der unteren Mittelschicht, die Angst haben, in die Unterschicht abzusteigen, und dass die wirtschaftlichen Verhältnisse ihnen nichts Gutes bringen. Daraus resultiert eine starke Proteststimmung.“ 

    Dazu komme in Deutschland wie in Österreich der extrem hohe Flüchtlingszustrom — vor allem muslimischer Flüchtlinge, fährt der Politikwissenschaftler fort. „Und das ist etwas, was die AfD nur zu gut für sich zu nutzen weiß, zumal die CDU, die Kanzler-Partei von Merkel in dieser Frage keine konservative Haltung, sondern die liberale Politik eines offenen Zustroms vertreten hat.“ Dabei allerdings sei das Parteiensystem in Deutschland widerstandsfähiger als das österreichische. Die AfD könne in absehbarer Zeit keineswegs solche Prozentwerte erreichen, wie es die FPÖ in Österreich schaffe. 

    Österreich liege voll in einem europäischen Trend, der sich in vielen EU-Staaten abzeichne. Der Experte jedoch warnt davor, das österreichische Wahlergebnis als Sieg der extremen Rechten zu interpretieren. Das sei nur für manche Positionen richtig. „Wenn wir uns aber die Wählerschaft ansehen, dann haben wir es nicht mit extremen Rechten zu tun, sondern mit sozialen Verlierern, die das Gefühl haben, dass sich niemand um sie kümmert“, erklärt Mangott. Der Ausgang der Präsidentenwahl in Österreich sei vielmehr ein deutliches Votum derer, „die durch die Globalisierung und die Wirtschaftskrise in Europa, die schon viele Jahre andauert, viel verloren haben.“

    Dieses „Fast-Fifty-Fifty-Ergebnis“ zeuge davon, so der Politikwissenschaftler, dass es sehr tiefe Gräben in der Gesellschaft gebe und es gar nicht so falsch sei, über eine Spaltung zu sprechen. „Und das Wesentliche an diesen Gräben ist, dass es Alexander Van der Bellen jetzt schwer fallen wird, diese Gräben zuzuschütten, weil die Abneigung gegen seine Wähler ungemein groß und das Ergebnis knapp ist.“ So bleibe ein großes Risiko, dass die Verlierer die Wahlergebnisse zumindest auf emotionaler Ebene nicht anerkennen und sich um den Sieg betrogen fühlen, resümiert Mangott.

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    Tags:
    Norbert Hofer, Gerhard Mangott, Österreich, Deutschland