06:03 21 September 2020
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    Nachdem sich der britische Militärchef gegen eine gemeinsame Europa-Armee ausgesprochen hat, beschäftigen sich russische Experten mit den Hintergründen. Sie weisen auf die besonderen Beziehungen zwischen London und Washington hin.

    Der Politik-Experte Jewsej Wassiljew, Dozent an der Russischen Humanitären Staatsuniversität, sagte der Onlinezeitung vz.ru: „Wenn es um Fragen der EU-Sicherheit geht, tritt Großbritannien immer und konsequent als Verbündeter der USA auf. Eine gemeinsame Europa-Armee würde den USA Nachteile bringen, denn sie reduziert Brüssels Abhängigkeit von Washington. Darauf ist Londons Position zurückzuführen.“

    Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon hatte in der laufenden Woche gesagt, es gebe keine Möglichkeit für die Aufstellung einer EU-Armee. Großbritannien werde ein Veto dagegen einlegen.  

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    Wassiljew kommentierte nun weiter, die Westeuropäische Union – jener 2011 aufgelöste militärische Beistandspakt – sei von vielen als Alternative zur Nato betrachtet worden. In Europa agiere außerdem die OSZE mit ihren Friedenskräften: „Andererseits fällt es der EU schwer, eine unabhängige Politik zu betreiben, während mehrere Dutzendtausend US-Soldaten im Rahmen der Nato auf dem europäischen Territorium präsent sind.“

    Auch Alexander Kamkin, Experte des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, geht davon aus, dass Londons Position vom britisch-amerikanischen Verhältnis beeinflusst wird.

    „Washington – und folglich auch London – will nicht, dass die Distanz zwischen der EU und den USA zunimmt. Eine gemeinsame Armee der EU wird deren Abhängigkeit von den USA verringern – davon sind die USA überzeugt und können das nicht zulassen. Ein Teil des EU-Establishments versucht unterdessen, sich von Washingtons Diktat zu befreien“, kommentierte Kamkin für vz.ru.

    Infografik: Meinung der Europäer zu einer einheitlichen EU-Armee

    Er erläuterte weiter: „Erstens hat Großbritannien besondere Beziehungen und Rechte innerhalb der EU. Zweitens wird die Idee einer EU-Armee von Frankreich und Deutschland unterstützt, die mit Großbritannien konkurrieren.“

    „Außerdem wäre die Aufstellung einer europäischen Armee für die britische und die US-Rüstungsindustrie ungünstig. Die Armeen der meisten EU-Länder kaufen derzeit britische oder US-Waffen. Falls eine gemeinsame Armee entsteht, wird man europäische Waffen brauchen“, sagte Kamkin.

    Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte zuvor für ein engeres Verzahnen der Bundeswehr mit anderen europäischen Streitkräften plädiert. „Dieses Verflechten von Armeen mit dem Blick, eines Tages eben eine europäische Armee auch zu haben, ist meines Erachtens die Zukunft“, sagte sie im März 2015 dem Deutschlandfunk.

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    Tags:
    EU, Jewsej Wassiljew, Michael Fallon, USA, Großbritannien