17:35 25 Juni 2017
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    Großbritannien, Brexit-Abstimmung

    Streit um Brexit: „EU als angelsächsisches Projekt zur Kontrolle über Europa“

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    Die angelsächsischen Eliten wollen keinen Brexit, denn die EU ist eigentlich ihr Projekt, um Europa zu kontrollieren. Diese Meinung wird zumindest in einem russischen Kommentar geäußert – im Hinblick auf das britische Referendum zum EU-Verbleib, das am Donnerstag stattfindet.

    Die russische Onlinezeitung vz.ru schreibt in einem Kommentar: „Dieses Referendum darf sowohl als warnend als auch als erpressend bezeichnet werden. Die regierenden Konservativen wollen die Welle der Unzufriedenheit mit der EU dämpfen, aber auch Brüssel (genauer gesagt, Deutschland und Frankreich) zu neuen Zugeständnissen gegenüber Großbritannien bewegen, das ohnehin eine besondere Stellung innerhalb der EU genießt.“

    „Niemand in der britischen Elite hat vor, die EU zu verlassen. Das Referendum soll die öffentliche Meinung beschwichtigen (durch die Erlaubnis, sich zu äußern) und Londons Positionen im Kuhhandel mit den kontinentalen Eliten zu verbessern. Dies geschieht bei jedem Ausgang des Volksentscheids – egal, ob die Befürworter oder die Gegner des EU-Ausstritts siegen. Der Brexit wird nicht stattfinden, denn die angelsächsischen Eliten sind daran absolut nicht interessiert“, so die Prognose.   

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    Das einstige Großbritannien – jene Weltmacht aus dem 19. Jahrhundert – existiere nicht mehr: „Großbritannien ist derzeit nur Teil eines globalen angelsächsischen Imperiums. Dieser Teil ist zwar in mancher Hinsicht nicht weniger wichtig als die USA, bleibt aber eben ein Teil. Was mit der Insel als einem Staat geschieht, kümmert den Normalverbraucher – doch die (seit Jahrhunderten) regierenden Eliten sind um viel globalere Fragen besorgt.“

    Die Spekulationen der EU-Skeptiker über die Obrigkeiten in Brüssel seien in vielerlei Hinsicht ungerecht: „Was ist eigentlich das Projekt der Europäischen Union? Das ist ein angelsächsisches Projekt zur Kontrolle über Europa, ein ambitionierter Versuch, so zu tun, dass sich Europa vereinigt und dabei unter Kontrolle der atlantischen (d.h. angelsächsischen) Kräfte bleibt.“ 

    Das nach dem Zweiten Weltkrieg von den Atlantikern eingeleitete Projekt eines Geeinten Europas sei ein Versuch, einen angelsächsisch kontrollierten kontinentalen Zusammenschluss aufzubauen. Deutschland, das natürlicherweise als EU-Integrator auftrete, solle dabei seine Rolle als europäischer Spitzenreiter einbüßen, kommentiert die russische Onlinezeitung weiter.

    Sie postuliert: „Großbritannien tritt sowohl als angelsächsischer ‚Aufseher‘ der EU auf als auch als ‚bloße Großmacht‘. Doch je mehr die nationale Souveränität abstirbt, desto schwerer fällt es, die Engländer davon zu überzeugen, dass die Vorteile der Globalisierung auch ihre eigenen Vorteile sind. Mit den Eliten ist alles klar – das ist ja ihr Projekt. Es ist jedoch schwierig, englischen Fischern oder englischen Arbeitern beizubiegen, was es mit den gesamteuropäischen Werten oder mit dem ‚gemeinsames Haus‘ auf sich hat. Daraus resultiert die zunehmende EU-Skepsis.“ 

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    Bei diesem Referendum bestehe das Ziel der Eliten darin, den Menschen zu ermöglichen, kontrolliert Dampf abzulassen – genauso wie damals beim Volksentscheid zur Unabhängigkeit Schottlands, hieß es.

    „Großbritannien kann aus der EU einzig in dem Fall austreten, wenn sich die kontinentalen Eliten von der atlantischen Leine loslösen und die selbständig gewordenen germanischen Eliten das Projekt des ‚Geeinten Europas‘ übernehmen. Dann wird Großbritannien natürlich aus einer solchen ‚Union‘ aussteigen (…) Doch in naher Zukunft erscheint dieses Szenario kaum wahrscheinlich“, schreibt vz.ru zum Schluss.

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    Tags:
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