22:21 24 Juni 2019
SNA Radio
    Trojanisches Pferd

    Brexit-Folgen für US-Strategie: „Britannien war in der EU ein Trojanisches Pferd“

    © Foto
    Politik
    Zum Kurzlink
    Was wird mit dem Brexit? (339)
    211795

    Welche Auswirkungen hat Großbritanniens erwarteter EU-Ausstieg auf die Strategie der USA gegenüber Europa? Mit dieser Frage beschäftigen sich russische Analysten. Insbesondere nehmen sie die Gespräche über das Freihandelsabkommen TTIP unter die Lupe.

    Der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow schreibt in einem Gastbeitrag für die Onlinezeitung gazeta.ru: „Die Haltung der USA zum Großen Europa war immer widersprüchlich. Washington rechnete damit, dass die EU ein loyaler und effizienter Verwalter in ihrem Teil der Welt wird, damit sich die Vereinigten Staaten auf eine neue und schwierige Aufgabe konzentrieren können, und zwar auf eine globale Dominanz. Amerika brauchte allerdings kein allzu starkes und konsolidiertes Europa. Genauer gesagt, sollte sich Europa nach Ansicht der USA auf atlantischer Grundlage konsolidieren, ohne in Richtung sonstiger Partnerschaften (etwa mit Russland) ernsthaft abzuweichen.“

    Mehr zum Thema: Das Pendel in Schwung gebracht – Brexit löst Separatismus-Welle aus

    „Im Ergebnis bereitete Europa den USA Kopfschmerzen – sowohl in Sachen Loyalität (es bestand ja der Verdacht, dass ein Teil der Europäer doch geneigt wäre, sich mit dem Kreml zu verständigen), als auch in Sachen Verwaltungs-Effizienz (diese nahm rasant ab)“, so Lukjanow.

    Nun stehe Amerika vor der Frage, wie die europäischen Geschehnisse kontrolliert werden sollen: „US-Außenminister John Kerry gab schon ein paar ziemlich brüske Erklärungen ab. Zunächst hieß es, Washington wolle an Großbritanniens EU-Austrittsverhandlungen teilnehmen. Dann sagte Kerry, er sei überhaupt gegen den britischen Austritt und glaube nicht ganz, dass dieser stattfinde. Wie dem auch sei, es wäre logisch zu erwarten, dass die USA nun auf die Nato und auf deren noch engere Verschmelzung mit der EU setzen werden – möglicherweise sogar institutionell, aber zumindest politisch.“

    „Was weiter kommt, hängt nun von der US-Präsidentschaftswahl und von der Zukunft des Transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP ab: Es geht darum, ob dessen Befürworter oder dessen Gegner beiderseits des Atlantiks stärker werden“, prognostiziert Lukjanow.

    Der russische Politik-Experte Jewgeni Kozhokin schreibt in einem Kommentar für die Tageszeitung „Iswestija“: „Das TTIP-Abkommen bietet US-Unternehmen riesige Möglichkeiten bei der Erschließung der EU-Märkte. Britannien war in der EU ein normales Trojanisches Pferd. Nun soll eine neue Rolle für dieses Land schnell gefunden werden. Aber auch ohne die Briten könnte sich die geschwächte EU bei den Verhandlungen als gefügig erweisen. Steigt die EU ins TTIPP-Abkommen ein, verliert sie unumgänglich ihre wirtschaftliche Souveränität. Kann sie dann tatsächlich ihre Bedeutung behalten – oder nur dem Anschein nach? Die zweite Variante wirkt wahrscheinlicher.“

    Strategisch seien die USA ein „fauler Schüler, der viel stärker wurde als sein europäischer Lehrer“. Seit dem Zerfall der Sowjetunion habe die US-Regierungsklasse eine Führerschaft weltweit beansprucht und auf eine Dominanz hingearbeitet – nicht nur durch die Soft Power, sondern auch oft gewaltsam. Falls nur Amerika den britischen EU-Ausstieg in seinem Interesse nutzte, würden weder die EU-Bürger noch Russland davon profitieren, mahnt Kozhokin.  

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Was wird mit dem Brexit? (339)

    Zum Thema:

    Obama rät: Bedeutung des Brexits nicht übertreiben
    Nato und EU sehen Verteidigungsstrategie durch Brexit bedroht - Medien
    Kerry: Die gemeinsamen Interessen der USA und der EU bleiben unverändert
    US-Milliardär George Soros verdient am Brexit
    Tags:
    Brexit, EU, Fjodor Lukjanow, John Kerry, Großbritannien, USA