16:50 18 Februar 2020
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    Was wird mit dem Brexit? (340)
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    Der Brexit offenbart das wahre Problem in Europa. Die Kluft zwischen den Bürgern und der Politik wird immer größer. Um dem entgegenzuwirken, muss die EU emotional greifbarer werden, so der Sozialpsychologe Oliver Lauenstein, der auch einen Vergleich zwischen einer Scheidung und dem Brexit zieht.

    Herr Dr. Lauenstein, wenn wir die EU als Familie betrachten, wie sieht es dann mit der Rollenverteilung aus?

    In der Familienmetapher wäre Europa sicher das Mutterland, während das Väterliche den Handelnden, also den Gründervätern zukäme. Da  Großbritannien erst 1973 in die EU eintrat und sich eigene Sachen bewahrte, wie das Pfund und den Linksverkehr, ist hier eher der Status des leicht verschrobenen Onkels passend, der die Familie notgedrungen an Weihnachten besucht, doch aber recht genervt in der Ecke sitzt.

    Die Medien bezeichnen Angela Merkel oft als die Mutti der Nation. Gilt sie auch als Mutter der EU?

    Das Mütterliche hat immer etwas mit Fürsorge und Affekt zu tun. Ich sehe Angela Merkel daher nicht in der Rolle der Mutter, die Europa zusammenhält. Deutschlands Position ist davon gekennzeichnet, dass es geografisch zentral gelegen, eines der sechs Gründerstaaten und wirtschaftlich sehr stark ist.

    Die verbleibenden 27 Mitgliedsstaaten inklusive Jean-Claude Juncker und Martin Schulz sind sich so einig wie noch nie: Großbritannien soll so schnell wie möglich raus. Versetzt der Brexit die EU in eine Art Scheidungstrauma?

    Bei einem Scheidungstrauma wird normalerweise erwartet, dass es einen Schock gibt und dann versucht wird, etwas zu retten. In dem Fall ist es anders. Das Referendum wurde lange Zeit vorher angekündigt und der Brexit sogar als deutliche Option gehandelt. Aktuell stellt sich Großbritannien ja hin und sagt: ‚Die Beziehung funktioniert für mich nicht mehr. Ich will mich scheiden lassen‘. Aber es wurde noch kein Scheidungsantrag unterschrieben. Es ist auch noch niemand ausgezogen und die Socken sind auch noch nicht auseinander sortiert.

    Spannender ist, dass zwei Welten aufeinander stoßen. Die Leave-Kampagne war ja keine rationale Kampagne. Deren Argumente waren eher schwach, wenn nicht sogar vollkommen falsch. Doch psychologisch gewinnen auf kurze Zeit die emotionalen Punkte. Das machen sich eben die Europaskeptiker zunutze. Laut Studien denken die Menschen, die sich mit Europa assoziieren an Freiheit, Frieden und Interkulturalität. Die sich wenig mit Brüssel identifizieren, denken wiederrum an Brüssel, den Euro und Überregulierungen.

    Ist in Anbetracht der beleidigten Stimmen aus Brüssel eine Therapie nötig?

    Keine Couch ist groß genug, um das gesamte Europaparlament darauf zu versammeln. Konfliktmanagement greift eher, um die aufgewühlten Emotionen wieder auf eine Sachebene zurückzuholen.

    Seit der Schuman-Deklaration von 1950 versuchen die Mitgliedsstaaten, die Idee einer europäischen Gemeinschaft rational auf mehrere Ebenen (Kommission, Parlament, Rat, EZB, EuGH) runter zu brechen. Gleichzeitig gewinnen die Europaskeptiker an Zuspruch. Die Kluft zwischen den Bürgern und der Politik ist so groß wie nie, oder?

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich Frankreich, Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten bewusst zu einer wirtschaftlichen Gemeinschaft zusammengeschlossen. Diese rationale Ausrichtung besteht im Grunde genommen immer noch. Für junge Generationen versinnbildlicht die EU jedoch weit mehr als nur das. Das zeigt sich einerseits im Wahlverhalten und andererseits im Schock über den Brexit.

    Würden sich alle Menschen so europatreu fühlen, hätten Europafeinde kaum eine Chance. Denn mehr als das Angebot, mal wieder die Nationalflagge zu schwenken und sich stolz zu fühlen, offerieren die Europaskeptiker nicht. Daher muss künftig mehr darauf hingewiesen werden, dass Europa eben nicht nur aus Politik und Wirtschaft besteht, sondern ebenfalls aus einer gemeinsamen Kultur und gleichen Werten.

    Fest steht: Wenn die EU ein emotionaleres Angebot an die Europäer stellen könnte, würde den Nationaldenkenden der Fahrtwind aus den Segeln genommen. Gleichzeitig würden die Bürger in Zeiten der Unsicherheit etwas Greifbares erhalten.

    Interview: Anne-Kathrin Glück

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