03:27 11 August 2020
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    Während die politische Kooperation zwischen Berlin und Moskau stockt, möchten deutsche Geschäftsleute den russischen Markt stärker ins Visier nehmen. Darauf wies Russlands Botschafter in Deutschland, Wladimir Grinin, in einem Zeitungsinterview hin.

    In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit der russischen Tageszeitung „Iswestija“ sagte Grinin im Hinblick auf das deutsch-russische Verhältnis: „Vor wenigen Jahren hatte man noch auf beiden Seiten praktische Schritte vorgenommen, um die strategische Partnerschaft für eine Modernisierung auszubauen. Mittlerweile wurde jenes Projekt leider eingefroren. Mit dem Beginn der Ukraine-Krise erlebten unsere Beziehungen eine deutliche Talfahrt – besonders im politischen Bereich.“

    Im Bereich der wirtschaftlichen Kooperation sei die Lage etwas besser: „Trotz aller bekannten Schwierigkeiten versuchen wir da voranzukommen. Es gibt bereits gewisse Fortschritte. Am 24. Juni traf sich die Deutsch-Russische Strategische Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Finanzen – erstmals seit nahezu zwei Jahren.“ 

    Mehr zum Thema: Deutsche und russische Wirtschaft auf Kurs der Wiederannäherung

    Besonders intensiv verlaufe die Partnerschaft im High-Tech-Bereich. Ein Beispiel dafür sei die internationale Forschungsanlage European XFEL (X-Ray Free-Electron Laser), die in Hamburg gebaut wird: „Die größten Anteile an diesem Projekt gehören Deutschland (58 Prozent) und Russland (27 Prozent). Die Anteile anderer Staaten betragen jeweils rund eins bis zwei Prozent. Wir sind also die Hauptpartner der Deutschen bei der Umsetzung dieses Projekts.“

    In Bezug auf die Wirtschaftssanktionen gegen Russland sagte Grinin, die Geschäftsleute in Deutschland seien an einer weiteren Kooperation orientiert: „Das sind die Menschen, die sich gegen die Versuche aussprechen, unsere Beziehungen ‚auf Eis zu legen’, wie es im Deutschen heißt. Sie wollen Entwicklung und Möglichkeiten, ihre Präsenz am russischen Markt zu stärken. Die Geschäftsleute sind natürlich besorgt über den drastischen Rückgang im Handels- und Wirtschaftsbereich. Im Jahr 2012 hatte unser Warenumsatz mit 80 Milliarden Euro eine Rekordhöhe erreicht – inzwischen halbierte er sich fast und schrumpft weiter. Hoffentlich gelingt es, diese Talfahrt zu bremsen. Die Zahl jener deutschen Unternehmen und Unternehmer, die am russischen Markt aktiv sind, erlebte glücklicherweise fast keinen Rückgang und beträgt rund 6.000.“

    Laut Grinin beschäftigen sich deutsche Geschäftsleute derzeit immer öfter mit der Frage, ob sie ihre Produktionskapazitäten in Russland platzieren sollten. Der Botschafter wurde gebeten, konkrete Unternehmen zu nennen. Er antwortete: „Beispielsweise der Baustoff-Hersteller Knauf. Oder der Landmaschinen-Hersteller Claas – die erste deutsche Firma, die kürzlich einen speziellen Investitionsvertrag unterzeichnete, der sie faktisch mit russischen Unternehmen gleichsetzt. Dies erregte in Deutschland großes Interesse. Viele möchten eine solche Möglichkeiten bekommen.“

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    Tags:
    Wladimir Grinin, Russland, Deutschland