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    Panzer der türkischen Armee in Istanbul nach dem Militärputsch vom 27. Mai 1960

    Putsch als Tradition: Wie die türkische Armee bisher in die Politik eingriff

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    Putschversuch in der Türkei (231)
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    In der Türkei hat die Armee mehrmals in die Politik eingegriffen und die Macht gewaltsam gewechselt. Über die Geschichte der türkischen Militärputsche in den letzten Jahrzehnten berichtet die russische Onlinezeitung vz.ru.

    Im Jahr 1960 hat der entlassene Heereschef Cemal Gürsel einen Staatsstreich organisiert, weil er den Entscheidungen des damaligen Ministerpräsidenten Adnan Menderes nicht zustimmen wollte. Dieser hatte zuvor die Armee eingesetzt, um gegen die an den damaligen Unruhen beteiligten Studenten vorzugehen. Nach dem erfolgreichen Putsch erklärte Gürsel, die Türkei werde an den Prinzipien von Atatürk festhalten, aber auch an ihren Verpflichtungen im Rahmen der Nato.  

     
    Im Jahr 1971 wurden sowohl linksorientierte Arbeiter- und Studentenbewegungen als auch islamistische und nationalistische Organisationen aktiver. Die Konfrontation zwischen den Links- und den Rechtsextremen lief auf eine Gewaltwelle mit Explosionen und Übergriffen hinaus. Die gemäßigte Gerechtigkeitspartei AP mit Regierungschef Süleyman Demirel an der Spitze konnte die Situation nicht meistern. Die Armee griff ein. Der Generalstab verabschiedete ein Memorandum, das einem Ultimatum ähnelte. Der Ministerpräsident wurde abgesetzt. 
     
    Gegen Ende jenes Jahrzehnts spitzte sich die Situation erneut zu. Die rechtsextreme Partei Bozkurtlar (Graue Wölfe) griff nicht nur ihre politischen Opponenten an, sondern auch ethnische Minderheiten. Dieser Partei standen die Linksradikalen aus der Organisation Devrimci Yol (Revolutionärer Weg) gegenüber. Die gewaltsame Konfrontation ähnelte einem Bürgerkrieg. Vor diesem Hintergrund wurde auch die proislamische Nationale Ordnungspartei MNP aktiver. Geleitet wurde sie von Necmettin Erbakan, dem „ideologischen Vater“ von Recep Tayyip Erdogan. All dies veranlasste die Armee zu einem erneuten Eingriff. 
     
    Am 1. Januar 1980 besuchte Generalstabschef Kenan Evren mit weiteren ranghohen Militärs den damaligen Staatspräsidenten Fahri Korutürk und übergab ihm ein Memorandum mit der Warnung: Falls die Staatsführung die Situation nicht meistert, wird die Armee ihre „Pflicht zum Schutz der Republik“ erfüllen.

    Der türkische General Kenan Evren (Am 12. September 1980 führte er einen Militärputsch gegen die Regierung Demirel an)
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    Der türkische General Kenan Evren (Am 12. September 1980 führte er einen Militärputsch gegen die Regierung Demirel an)

     
    Die Armee übernahm die Macht unter dem Motto, das Land müsse vor Faschismus und Kommunismus sowie vor kurdischen Separatisten und religiösen Sekten gerettet werden. Die Militärs griffen durch. 50 Menschen wurden hingerichtet, Hunderttausende inhaftiert. Die Gewaltwelle im Land wurde aber dank dieser Maßnahmen gestoppt, die wirtschaftliche Lage stabilisiert.
     
    Im Jahr 1997 kam es zu einem gewaltlosen Machtwechsel. Necmettin Erbakan, der inzwischen das Amt des Ministerpräsidenten bekleidete, musste zurücktreten, weil das Militär ihn unter Druck setzte.  

    Der frühere Generalstabschef Ismail Hakki Karadayi (links) und Oberkommandierender der Landstreitkräfte, General Hikmet Köksal, bei der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates vom 28. Februar 1997. Danach veröffentlichte der Generalstab ein Memorandum mit Forderungen, die sich gegen Erbakans islamistische Regierung richteten und zu deren Rücktritt führten.
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    Der frühere Generalstabschef Ismail Hakki Karadayi (links) und Oberkommandierender der Landstreitkräfte, General Hikmet Köksal, bei der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates vom 28. Februar 1997. Danach veröffentlichte der Generalstab ein Memorandum mit Forderungen, die sich gegen Erbakans islamistische Regierung richteten und zu deren Rücktritt führten.

     
    Im Jahr 2007 wurde ein Staatsstreich im Voraus vereitelt – zumindest nach offiziellen Angaben. Der damalige Ministerpräsident Erdogan griff zu präventiven Maßnahmen. Gemeldet wurde die Zerschlagung eines groß angelegten Komplotts, bei dem ranghohe Militärs und Sicherheitsbeamte, aber auch Großunternehmer, Gewerkschaftler und oppositionelle Aktivisten mitgemacht haben sollen. Wie die Ermittler mitteilten, gehörten die Verschwörer zur Untergrundorganisation Ergenekon mit Verbindungen zu Militärkreisen. Erdogans Kritiker hielten die Sache jedoch für abgekartet.

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    Putschversuch in der Türkei (231)
    Tags:
    Tradition, Putsch, Politik, Armee, Gürsel Tekin, Recep Tayyip Erdogan, Türkei