09:29 12 August 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    Putschversuch in der Türkei (231)
    121247
    Abonnieren

    Nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei kommt es zu Reibungen zwischen Ankara und Washington. Die türkische Führung fordert, einen Exil-Prediger auszuliefern, die USA mahnen indes zur Einhaltung der demokratischen Normen bei den Ermittlungen. Erwähnt wurde sogar ein eventueller Nato-Ausschluss der Türkei. Russische Experten kommentieren.

    Der russische Auslandsexperte Michail Troizki sagte im Radiosender Kommersant FM: „Ich denke, in der Türkei geht es jetzt bloß um eine laute Mobilisierung der Anhänger von Präsident Erdogan. Und wie es in autoritären Staaten üblich ist, versucht man, auf äußere Quellen des Staatsstreichs hinzuweisen. Erdogan kann ja nicht jene wirklich großen Probleme seiner Politik einräumen, die die Armee möglicherweise zu diesem Putschversuch bewegt haben. In einiger Zeit wird sich all dies aus meiner Sicht beruhigen. Erdogan und seine Mitstreiter werden die Geduld der Vereinigten Staaten nicht strapazieren und die türkisch-amerikanische Allianz im Rahmen der Nato nicht aufs Spiel setzen.“  

    Die Türkei hatte kürzlich eine Auslieferung des islamischen Predigers Fethullah Gülen aus den USA gefordert. Er soll den Putsch inspiriert haben. Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, es gebe genug Beweise für Gülens Schuld. Falls der Prediger nicht ausgeliefert werde, könne dies der Freundschaft zwischen der Türkei und den USA schaden, mahnte Yildirim.

    Troizki kommentierte nun weiter: „Ich denke, das ist eine ziemlich kurzfristige Zuspitzung. Ankara muss Belege für eine Verwicklung dieses Predigers in die Putsch-Vorbereitung liefern. Dies wird aus meiner Sicht äußerst schwer fallen.“

    Tatsächlich betonte US-Außenminister John Kerry, die Türkei müsse reale Beweise vorlegen, die dann eine Überprüfung bestehen könnten. Kerry sagte auch, die türkische Nato-Mitgliedschaft könne in Frage gestellt werden, falls das Land gegen die demokratischen Normen verstößt. Die Türkei müsse bei den Ermittlungen die Herrschaft des Gesetzes sichern. „Man darf nicht zu weit gehen. Eine Vielzahl von Menschen wurde in der Türkei innerhalb einer sehr kurzen Zeit festgenommen“, so Kerry.

    Der russische Auslandsexperte Andrej Suschenzow sagte der Onlinezeitung gazeta.ru: „Zwar könnten die Nato und die USA im Prinzip auch ohne den türkischen Militärstützpunkt auskommen, der bei der Syrien-Operation genutzt wird: Syrien ist ja ein Küstenstaat – Flugzeugträger können zum Einsatz kommen. Doch bei einem Nato-Ausstieg der Türkei würden die türkisch-griechischen Beziehungen eskalieren. Vorerst wird der Konflikt zwischen den beiden Ländern zum Teil eben durch ihre Nato-Mitgliedschaft eingedämmt. Es würde auch mit Sicherheit zu einer Zuspitzung zwischen der Türkei und dem Irak kommen – in Bezug auf die Kurden-Frage. Die Beziehungen mit Syrien und mit Georgien würden sich ebenfalls verkomplizieren.“

    „Das ist nicht der erste Putschversuch in der Türkei, das Land wurde zeit seiner Geschichte regelmäßig vom Militär geleitet. Auch der Zypernkonflikt im Jahr 1974 verlief mit türkischer Beteiligung, doch die Türkei blieb damals ein Nato-Mitglied. Einen Nato-Ausschluss können die USA nicht im Alleingang beschließen, die Entscheidung soll kollektiv sein. In der Nato-Satzung wird allerdings postuliert, dass die Organisation Länder mit freien demokratischen Institutionen vereinigt. Einige Staaten könnten dieses Aspekt gegenüber der Türkei betonen“, sagte Suschenzow.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren
    Themen:
    Putschversuch in der Türkei (231)

    Zum Thema:

    Türkische Polizei durchsucht Nato-Stützpunkt Incirlik
    Imam Gülen: Putsch möglicherweise von Erdogan inszeniert
    Türkisch-amerikanische Beziehungen nach Putschversuch angespannt
    Oppositioneller Prediger Gülen: Putschvorwürfe beleidigend
    Tags:
    Putschversuch, NATO, Andrej Suschenzow, John Kerry, Fethullah Gülen, Michail Troizki, Recep Tayyip Erdogan, Irak, Syrien, Türkei, USA