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08:49 15 Oktober 2019
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    Ein kleines Mädchen bei einer Demonstration von Erdogan-Anhänger in Ankara

    Pro und contra Erdoğan: Deutschtürken zunehmend im Clinch

    © REUTERS / Baz Ratner
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    Putschversuch in der Türkei (231)
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    Nach dem gescheiterten Putschversuch gehen nicht nur in der Türkei viele Leute auf die Straßen, auch in Deutschland finden täglich Demonstrationen für den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan statt. Wie ist die Stimmung unter den Deutschtürken?

    Unterstützer und Freunde der AKP und Erdoğan fühlen sich nach dem misslungenen Staatsstreich bestätigt und gestärkt, aber auch von der deutschen Öffentlichkeit, den Türkei-kritischen Medien und Politikern missverstanden. Remzi Aru ist Gründungsmitglied und Vorsitzender der Allianz Deutscher Demokraten (ADD). Er spricht von einer großen Erleichterung und von Stolz unter den deutschen Türken:

    „Es gibt aber auch Wut, dass die deutschen Medien — nachdem sie den Putsch zwei Stunden kurz gewürdigt haben — direkt wieder zu ihrem Lieblingsfeind übergegangen sind, nämlich dazu, Erdoğan für alles verantwortlich zu machen“, äußerte er in einem Sputnik-Interview. „Es wurde völlig vergessen, dass Menschen — unter anderem auch ein sehr guter Freund von mir — ihr Leben dafür geopfert haben, dass die Demokratie auf stabilen Füßen steht. Man ist direkt zur Tagesordnung gegangen und verheddert sich in allen möglichen Verschwörungstheorien und relativ geschmacklosen Unterstellungen.“

    Aru vergleicht, den jüngsten Putschversuch mit dem letzten tatsächlich erfolgreichen Putsch in den Achtzigern.  Damals wären 650 000 Menschen verhaftet worden und Hunderte offiziell hingerichtet, von etwa 120 000 fehle bis heute jede Spur. Würde man dies mit den Zahlen des aktuellen Putschversuchs vergleichen, könne man ungefähr ermessen, welches Unglück der Türkei erspart geblieben wäre.

    Auch Haluk Yildiz, Vorsitzender des Bündnisses für Innovation und Gerechtigkeit (BIG), betont, dass Erdoğan demokratisch gewählt worden sei und daher auch wieder demokratisch abgewählt werden könne, sollte er nicht im Sinne des Volkes agieren. Er betont, dass die türkische Gemeinschaft in Deutschland einheitlich hinter Erdoğan stehe:

    "Soweit ich das einschätzen kann, stehen über 80 Prozent der Deutschtürken hinter der türkischen Staatsführung. Es gibt keine Umfragen, aber wir wissen, dass in Deutschland über Zwei Drittel der Türken bei der letzten Wahl die AKP gewählt haben. Wenn man jetzt die anderen nationalen oder nationalistischen Gruppen hinzuzählt, denke ich mal, dass viele Türken hinter der Regierung stehen."

    Die Berichte über Drohungen gegen Erdoğan- oder AKP-Kritiker kann Yildiz nicht nachvollziehen:

    "Drohungen sind mir nicht bekannt. Die ersten 48 Stunden waren natürlich sehr emotional besetzt. Weil man ja ungefähr auch weiß, wer die Quellen dieser Ausschreitungen und dieses Staatsstreiches waren, hat man natürlich die Anhänger solcher Gruppen möglicherweise beschimpft. Ich denke mal, dass sich das legen wird. Ich denke, dass zur Zeit eher sachliche Diskussionen geführt werden. Soweit ich das bemerke, ist weitestgehend Einheit da.“

    Insgesamt habe sich die Stimmung unter den Deutschtürken nicht sonderlich verändert. Erdoğan- Kritiker blieben auch weiterhin kritisch und so resümiert Yildiz: „Diese Feindschaft ist nicht neu oder neuer geworden, sondern die war schon immer da. Die artikuliert sich jetzt noch einmal sehr laut.“

    Das sieht Hüseyin Avgan, Vorstandsmitglied der DIDF aus Köln, anders. Die Föderation der Demokratischen Arbeitervereine (DIDF) ist eine Organisation von hauptsächlich türkisch- und kurdischstämmigen Arbeitern in Deutschland. Ihr Vorstand spricht von gezielten Provokationen gegen Erdogan-Kritiker:

    „Obwohl in der Türkei schon am 17.Juli bekanntgegeben wurde, dass die Putschgefahr nicht mehr vorhanden ist, hat Erdoğan die Leute sowohl in der Türkei, als auch in Deutschland dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen. Seine Anhänger sind daraufhin in mehreren Städten auf die Straße gegangen und haben gezielt Provokationen organisiert. Sie haben Strukturen der Gülen- Bewegung angegriffen. Sie haben aber auch Informationsstände der Linken angegriffen, obwohl die auch gegen einen Militärputsch waren.“

    Der Aufruf Erdoğans an die Bevölkerung wertet Avgan als gezielte Provokation gegenüber den demokratischen Strukturen in Deutschland, die ja schon seit Jahren die demokratische Bewegung in der Türkei unterstützen. Er habe den Eindruck, Erdoğan versuche schon seit einigen Jahren, eine Anhängerstruktur in Europa aufzubauen, die auch in Europa die demokratischen Kräfte mundtot machen solle.

    Avgan spricht von einer Spaltung der deutschtürkischen Gesellschaft hierzulande: „Wir verfolgen, dass in den Betrieben, in denen verschiedene Ethnien oder Religionen aus der Türkei arbeiten, derartige Spaltungen schon da sind. Erdoğan hat schon seit einigen Jahren gezielt diese Spaltungspolitik betrieben. Ich denke, dass das nach diesem Putschversuch zunehmen wird.“

    Avgan befürchtet, dass sich die Situation in den Betrieben und Schulen zuspitzen könne. Er habe schon von Auseinandersetzungen auf dem Pausenhof über Erdoğans Politik gehört. Er resümiert: „Die Politik Erdogans ist nicht nur gefährlich für den Nahen Osten und die Türkei, sondern auch für ganz Europa“.

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