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    Silhouette der Molecule Men in Berlin

    „Spiegelbild der deutschen Gesellschaft“: Wen wählen Russlanddeutsche in Berlin?

    © REUTERS / Hannibal Hanschke
    Politik
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    Herbst-Wahlen 2016 in Berlin und MeckPomm (63)
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    In Berlin stehen Wahlen an. Wen wählen eigentlich die ca. 100.000 Russlanddeutschen in der Stadt? Wenn es nach Georg Dege vom Landesnetzwerk Aussiedler geht, dann die CDU. Die Russlanddeutsche Christina Henke ist Kandidatin der CDU im Prenzlauer Berg. Was spricht die Russlanddeutschen politisch an? Sputnik hat bei den Jungpolitikern nachgefragt.

    In Deutschland leben schätzungsweise vier bis fünf Millionen Menschen, die russisch sprechen. Die russlanddeutschen Spätaussiedler stellen mit ca. zwei Millionen die größte Gruppe. Die meisten von ihnen sind in den Neunziger Jahren aufgrund einer Vereinbarung zwischen Michail Gorbatschow und Helmut Kohl nach Deutschland gekommen.

    In Berlin ist das Verhältnis ähnlich. Von etwa 200.000 russischen Muttersprachlern sind etwa die Hälfte Russlanddeutsche. Laut Georg Dege, Sprecher des Landesnetzwerkes Aussiedler der CDU Berlin, sind die Russlanddeutschen hauptsächlich auf drei Bezirke verteilt: Die meisten leben in Marzahn-Hellersdorf, dann kommt Spandau und an dritter Stelle Lichtenberg. Allein in Marzahn leben bis zu 30.000 Russlanddeutsche.

    Als immer mehr Sowjetbürger mit deutschem Hintergrund einreisten, verschärfte Deutschland Anfang der Neunziger die Gesetze und führte Obergrenzen ein. Auch die akademischen Abschlüsse der Aussiedler werden bis heute oft nicht anerkannt. Genau hier will Georg Dege vom Landesnetzwerk Aussiedler helfen:

    „Hauptsächlich geht es den Spätaussiedlern um die Anerkennung von Bildungsabschlüssen, die zum Beispiel in den Bereichen Lehramt und Sozialpädagogik oft nicht anerkannt werden. Dort kann unser Netzwerk helfen und nachhaken. Ein weiteres Thema ist der Aufenthaltsstatus nach dem Paragraphen 8 des Bundesvertriebenengesetzes. Das betrifft die Angehörigen von Spätaussiedlern, die es oft schwer haben, einen deutschen Aufenthaltstitel zu bekommen.“ 

    Inzwischen ist auch für Familienangehörige von Aussiedlern eine Deutschprüfung als Voraussetzung zur Einreise Pflicht. Das war früher nicht so, so dass für viele ältere Russlanddeutsche in Marzahn oder Spandau Russisch nach wie vor Alltagssprache ist.

    Das politische Verhältnis zu Russland ist zurzeit getrübt. Wirkt sich das auf die politische Arbeit der Russlanddeutschen aus? Georg Dege sieht die Landespolitik eigentlich wenig berührt von der Bundespolitik. Allerdings räumt er ein:

    „Es wäre schon schöner für die politische Arbeit, wenn wir bundespolitisch ein gutes Verhältnis zu Russland hätten. Das würde es für Russlanddeutsche einfacher machen, da sie viele Verwandte in Russland haben.“

    Christina Henke, Russlanddeutsche mit ukrainischem Migrationshintergrund und Kandidatin der CDU in Pankow, meint: „Beim Verhältnis zu Russland muss man differenzieren zwischen Politik und dem Verhältnis der Menschen untereinander. Aber das Wichtigste ist, dass die Menschen und Politiker weiter miteinander reden und Positionen austauschen, um dann zu überlegen, wie man miteinander umgehen möchte.“

    Die Russlanddeutschen verfolgen sowohl deutsche, als auch russische Medien. Russisches Fernsehen über Satellit ist weit verbreitet. So scheiden sich gerade beim Thema Ukraine-Konflikt die Geister.

    Georg Dege: „Zum Ukraine-Konflikt gibt es unterschiedliche Meinungen in der Community der Aussiedler. Manche halten die Krim-Annektion für richtig, andere für falsch. Da gab es schon eine Spaltung. Inzwischen ist das aber nicht mehr so ein großes Thema, weil die Ukraine-Krise ja auch in den Medien nicht mehr so präsent ist.”

    Christina Henke ist selbst in Charkow, einer ukrainischen Großstadt an der Grenze zu Russland, geboren. Zum Ukraine-Konflikt meint sie:

    „In jedem Krieg ist die Wahrheit der erste Verlierer. Und die Leidtragenden sind die Menschen vor Ort in den Konfliktgebieten. Unter den Russlanddeutschen ist der Konflikt vor allem ein Thema, wenn man Familienangehörige in der Ukraine hat und live mitbekommt, wie schlecht es den Angehörigen dort geht, sei es bei der medizinischen Versorgung, der Preissteigerung oder allgemein bei der angespannten Lage.“

    Die meisten Russlanddeutschen fühlen sich nicht unbedingt als Migranten, sondern als Nachkommen deutscher Auswanderer, die nun in ihre Heimat zurückkehren. Russlanddeutsche gelten als besonders gut integriert. Manchmal hat man fast den Eindruck, dass sie deutscher sein wollen als die Deutschen.

    Georg Dege relativiert:

    „Das kann man so pauschal nicht sagen. Das kommt auch auf die Generation an. Die Jüngeren sind durchaus liberaler, die Älteren eher konservativ. Aber insgesamt sind die Russlanddeutschen ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft.“

    Zu Beginn des Jahres wurden die Russlanddeutschen in den Mainstream-Medien in Misskredit gebracht. Beim „Fall Lisa“ kam es zu einer Demonstration von etwa 500-700 Russlanddeutschen vor dem Kanzleramt. Für Georg Dege ist das nicht repräsentativ:

    „Die meisten Russlanddeutschen sind gar nicht in den Fall involviert gewesen und haben nicht demonstriert. Das war nur eine kleine Gruppe. Insgesamt herrscht, glaube ich, auch in der Presse ein positives Bild der Russlanddeutschen.“

    Christina Henke, die Direktkandidatin der CDU für Pankow, ist Russlanddeutsche und ein Musterbeispiel für Integration. Die 32jährige Lehrerin ist bereits seit zwölf Jahren Mitglied in der CDU und hat Politik und Germanistik studiert. So ist eines ihrer Wahlkampthemen die Bildungspolitik. Sie kritisiert, dass hier  in den letzten Jahren viel versäumt wurde:

    „Schulen wurden nicht saniert, der Schulbedarf nicht langfristig geplant und es wurden nicht genug Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet und eingestellt.“

    Anfang August brannte ein Wahlkampfbus des CDU-Kandidaten Thilo-Harry Wollenschlaeger in Berlin-Spandau. Auch andere Parteien klagen darüber, dass Wahlplakate zerstört werden. Es ist eine zunehmende Aggressivität von Bürgern in Bezug auf Politik zu beobachten.

    Auch Erstkandidatin Christina Henke musste am eigenen Leib erfahren, dass Politik ein hartes Pflaster ist:

    „Durch den Angriff auf meine Plakate, die ich selbst mitgestaltet und aufgehangen habe, habe ich persönlich Gewalt erlebt, die ich mir nicht erklären kann. So eine Aggressivität gegenüber Menschen, die in dieser Stadt Verantwortung übernehmen möchten, besorgt mich unwahrscheinlich. Aggressivität hat ja verschiedene Facetten, dazu zählen auch die verbalen Ausfälle und Beleidigungen in sozialen Netzwerken, die wir tagtäglich erleben. Dazu zählen auch Sachbeschädigungen, wie Brandstiftung. Gewalt sollte in unserer Stadt keinen Platz haben, egal aus welcher Richtung sie kommt.“

    Für die Wahl in Berlin erhoffen sich beide Kandidaten der CDU viele Stimmen von den Russlanddeutschen. Georg Dege meint:

    „In Berlin hat sich, auch dank der CDU, viel zum Positiven verändert. Ich hoffe, dass die Wähler das honorieren.“

    Christina Henke kandidiert in einem traditionell rot-grünen Bezirk. Sie lobt die Arbeit ihrer Partei und setzt auf Lokalpatriotismus:

    „Die Jahre Rot-Rot in Berlin waren ja nicht so erfolgreich. Die Auswirkungen spüren wir noch immer. Und ich denke, dass die CDU in den letzten viereinhalb Jahren gute Arbeit geleistet hat. Ich bin eine Kandidatin, die hier im Prenzlauer Berg aufgewachsen ist und eingeschult wurde. Und ich übe einen normalen Beruf außerhalb der Politik aus, so dass ich mich mit Praxiserfahrung ins Abgeordnetenhaus einbringen kann. Das ist mein Angebot an die Wähler.“

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    Tags:
    Migranten, CDU, Berlin, Deutschland, Russland