03:32 30 Oktober 2020
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    Normalisierung der russisch-türkischen Beziehungen (108)
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    Die Wirtschaft und die EU-Politik waraen für Recep Tayyip Erdogan die beiden wichtigsten Beweggründe für die Reise zum Treffen mit Präsident Wladimir Putin nach St. Petersburg, meint der namhafte deutsche Islamwissenschaftler und Türkei-Experte Udo Steinbach.

    Die Tatsache, dass russische Touristen nicht mehr in die Türkei reisen, habe zur innenpolitischen Unruhe geführt und die Regierung unter Druck gesetzt, äußerte er in einem Interview mit Sputnik-Korrespodent Nikolaj Jolkin. „Das war in den letzten Wochen richtig spürbar.“

    Außerdem habe sich die Kluft zwischen dem Westen und der Türkei vergrößert, so Prof. Steinbach. „Immer stärker gerät auch Amerika in die Visierlinie von Erdogans Kritik, weil die USA den im Exil lebenden Prediger Gülen nicht ausliefern. Und in dieser Situation hat Erdogan einfach nach Verbündeten gesucht und wollte bestimmte Konflikte, die in der Vergangenheit zwischen der Türkei und Russland bestanden haben, wegretuschieren. Die schnelle Normalisierung mit Israel war die eine Richtung und die andere jetzt – mit Russland.“ 

    Erstes Treffen seit der Krise: Putin und Erdogan in St. Petersburg — VIDEO

    Die Türkei habe die EU abgeschrieben, fährt der Islamwissenschaftler fort. „In der EU — in Deutschland, aber noch stärker in Österreich —mehren sich die Stimmen, die sagen: mit der Türkei kann man keine Europäische Union machen. Der europäische Faktor hat jedoch bei der Reise Erdogans nach Russland keine wirkliche Rolle gespielt.“

    Über die politischen Hintergründe wollte Prof. Steinbach nicht spekulieren. „Ob sich die Türkei und Russland in Blick auf Syrien annähern, ist noch nicht klar. Russland möchte, dass Baschar al-Assad politisch überlebt, dass es zu einem Verhandlungsprozess kommt. Erdogan würde Assad lieber heute als morgen verschwinden sehen. Es gibt nur Signale, dass sich Erdogan mit einem politischen Prozess einverstanden erklären könnte. Das ist aber noch keine ausgemachte Sache. Die Türken werden den politischen Prozess nur dann unterstützen, wenn er zu einem Ende der Herrschaft von Assad wird. Hier geht es offensichtlich in kleinen Schritten aufeinander zu.“

    Mehr zum Thema: Steinmeier: Militärbündnis zwischen Russland und Türkei ausgeschlossen

    Es gebe noch die Kurdenfrage, stellt der Türkei-Experte fest – das Problem der syrischen Kurden, die relativ eng an dem Regime von Baschar al-Assad stehen und von Russland unterstützt werden, während die Türkei die syrischen Kurden bombardiere.

    Prof. Steinbach verweist auch auf andere Stolpersteine auf dem Weg der türkisch-russischen Annäherung. „Das sind kaukasische Minderheiten, die in der Türkei seit dem 19. Jahrhundert leben: Tschetschenen, Tscherkessen u.a.m. Auch Krimtataren, die Ankara für die Vorkämpfer ihrer Interessen hält. Davon hören wir aber nichts mehr.“

    Die Geschichte des russisch-osmanischen Verhältnisses stelle immer wieder fest, dass es hier Fort- und Rückschritte gegeben habe, urteilt der Türkei-Experte. Laut seiner Prognose werde sich Putin eher zurückhaltend verhalten, was die langfristige Zukunft der russisch-türkischen Beziehungen betreffe. „Erdogan ist ein erratischer Politiker, der zuerst einen russischen Kampfjet abschießt und nach wenigen Monaten die Beziehungen wieder herstellt. Das alles klingt nicht nach Beständigkeit. Und das weiß man in Moskau.“

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    Tags:
    EU, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Udo Steinbach, Russland, Türkei