00:03 21 November 2017
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    Michail Gorbatschow als Generalsekretär des ZK der KPdSU bei seinem Kuba-Besuch

    25 Jahre Anti-Gorbi-Putsch - Hans Modrow: „Ich war absolut überrascht“

    © Sputnik/ Vladimir Rodionov
    Politik
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    Hans Modrow, der letzte Regierungschef der DDR und jetzige Ehrenvorsitzende der PDS, hat den Augustputsch gegen Präsident Michael Gorbatschow vor genau 25 Jahren praktisch hautnah erlebt. In einem Gespräch mit Sputnik schilderte der 88jährige seine damaligen Erlebnisse.

    Herr Modrow, vor genau 25 Jahren kam es in Moskau zum Augustputsch gegen UdSSR-Präsident Michail Gorbatschow. Wie haben Sie das damals erlebt? Konnten Sie die Tragweite einschätzen?

    Der Ex-Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow
    © AP Photo/ Alexander Zemlianichenko

    Ich wurde am 4. August 1991 als Gast des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) zum Urlaub eingeladen auf die Krim. Bevor ich meinen Urlaub antrat, hatte ich Begegnungen im Zentralkomitee der KPdSU mit dem amtierenden Vizepräsidenten Gennadi Janajew und dem Mitglied des Politbüros Alexander Dsassochow. Er erklärte mir, dass man am 20. August einen Vertrag unterschreiben würde mit den ersten Staaten  der UdSSR, die sich in einer Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) zusammenfinden würden. Und er erklärte auch, dass die KPdSU im Herbst einen Parteitag haben würde und es ein neues Programm geben.

    Mit diesen Informationen sind Sie in den Urlaub gegangen?

    Ja. Damit flog ich dann auf die Krim im Glauben, nun sei alles geregelt. Was zunächst geschah, war auch, dass der Entwurf des Programms in der Zeitung zu lesen war und dass auch der Vorlauf zur GUS in der Prawda zur Kenntnis zu nehmen war. Als dann der Putsch kam, war ich absolut überrascht.

    Einer der führenden Leute in dem sogenannten Putsch war ja der Innenminister Boris Pugo und er war auch ein Kurgast in dem Kurhotel, in dem ich mich befand. An dem Sonntag, wo abends die Erklärung für einen Putsch begann, trat das staatliche Komitee ins Licht, die das jedoch nicht als einen Putsch verstanden haben. Sie gingen davon aus, dass sie im Rahmen des Rechts handeln, und bezogen sich dabei auf den Ausnahmezustand, den man per Gesetz unter bestimmten Umständen ausrufen durfte. Innenminister Pugo fuhr am Montag gegen 10 Uhr nach dem Frühstück ab. Ich sah ihn gerade noch ganz zufällig, wie er mit seiner Familie das Sanatorium verließ. Am Abend erfuhr ich dann aus den Meldungen, was geschehen war.

    Sind Sie daraufhin nach Hause gereist?

    Die letzten Tage der UdSSR
    © Sputnik/ I. Zenin

    Ich konnte ja nicht gleich nach Hause fahren, weil wir keine Verbindungen hatten. Es begann der Putsch und das normale Leben ging im Sanatorium weiter. Dort befanden sich zeitgleich auch einer der Berater Gorbatschows, Georgi Schachnasarow, und auch der Verantwortliche für den Geheimdienst Jewgeni Primakow. Auch sie waren erstmal überrascht. Der Montag, der dann folgte, war noch normal. Ich bin morgens auf meine lange Strecke gegangen und bin bis zur Datscha Morgenröte gelaufen, in der sich auch Gorbatschow aufhielt. Ich bin bis an den großen Zaun gegangen.

    Erst später begannen sich die Dinge zuzuspitzen. Ich bin dann nach Moskau gereist und am Donnerstagabend dort eingetroffen. Vor Ort hatte ich die Möglichkeit, die Dinge besser wahrzunehmen.

    Haben Sie in Moskau Herrn Gorbatschow getroffen? Wann ist er zurückgekehrt?

    Er ist bereits an dem Mittwoch zurückgereist. Ich hatte mit ihm zu dem Zeitpunkt keinen Kontakt. Während des Aufenthalts hatte er mal Grüße übermittelt, als ich bei Janajew im Zimmer war. Ich sprach auch gelegentlich mit Schachnasarow, den ich ja sehr gut kannte. Er sagte mir auch, dass er mit Gorbatschow in Kontakt war für Beratungen. Also schien mir alles sehr normal zu sein.

    Was sind Ihre Einschätzungen zu dem Putsch? War das ein Brandbeschleuniger für den Zerfall der UdSSR — und bemühte man sich damit, die Sowjetunion zu retten?

    Als ich in Moskau, im Gästehaus des Zentralkomitees der Partei ankam, erreichte mich die Nachricht, dass Valentin Falin, der zuständige Sekretär für internationale Zusammenarbeit, sich mit mir treffen wollte. Das Treffen war für den darauffolgenden Freitag vorgesehen. Aus Berlin war zwar Gregor Gysi angekündigt, er kam aber nicht.

    Das Treffen mit Falin war sehr aufschlussreich, da mir Falin bewusst machte, dass er keinesfalls am Putsch beteiligt war und auch nicht befragt wurde. Er hat wie jeder andere sowjetische Bürger erfahren, dass sich ein staatliches Komitee gegründet hat. Falin war ganz erstaunt darüber, dass auch Mitglieder des Politbüros dazu gehörten.

    Seine Distanz zu Gorbatschow wollte er ebenfalls bekunden. Dass er nicht etwa, auch wenn er nicht zum staatlichen Komitee gehörte, nun ein großer Freund von Gorbatschow wäre. Seine Beurteilung von Gorbatschow war (und das habe ich nicht vergessen), dass er bei zehn Entscheidungen in Kaderfragen der Meinung war, dass Gorbatschow vielleicht eine richtige getroffen hat und neun falsche.

    Das war eine Situation, die sehr diffus war. Aber offensichtlich waren die Leute des Staatskomitees darauf aus, zu verhindern, dass die Sowjetunion aufgelöst wird und in einen Prozess der Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten geht. Gleichzeitig war auch Gorbatschow im Glauben, dass er der Retter sein würde.

    Wurde mit dem Putsch klar, dass die Sowjetunion aufgelöst wird?

    Dmitri Kulikow
    © Sputnik/ Wladimir Trefilov

    Ich denke, ja. Das Problem bestand darin, dass Boris Jelzin die UdSSR endgültig zerstören wollte, während Gorbatschow glaubte, dass er noch eine Chance als Präsident hatte. Er hat jedoch nicht begriffen, dass ihm zu diesem Zeitpunkt bereits angeheftet wurde, dass das Militär in den Baltischen Staaten und im Kaukasus eingesetzt wurde. Plötzlich lag die Verantwortung laut Gorbatschow auf Seiten des Militärs und nicht auf Seiten des Oberkommandierenden für die Verteidigung des Landes und für den Präsidenten. Er wollte Verantwortung aufteilen, blieb aber dennoch in dem Glauben, dass er noch aktiv sein könnte.

    Umgekehrt begriff Jelzin, dass er durch diesen Putsch die Macht übernimmt und seine Strukturen ausbaut. Und das war im Dezember 1991 auch erreicht, als er sich in Weißrussland mit dem ukrainischen Präsidenten Leonid Krawtschuk und dem weißrussischen Präsidenten Stanislaw Schuschkewitsch trifft und sie völlig besoffen in den Wäldern saßen und den neuen Vertrag für die GUS ausarbeiteten und mit diesem Dreierbündnis der Anfang gemacht war.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Hans Modrow, Michail Gorbatschow, UdSSR, Deutschland, Russland
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