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03:00 18 August 2019
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    Martin Sonneborn, Vorsitzender der Partei Die PARTEI und  Abgeordneter im EU-Parlament

    Martin Sonneborn: „Mit Putin ein Schnitzel essen“

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    Politik
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    Herbst-Wahlen 2016 in Berlin und MeckPomm (63)
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    „Mehr Dialog mit Russland“ fordert Martin Sonneborn, Vorsitzender der Partei Die PARTEI und Abgeordneter im EU-Parlament, im Interview mit Sputnik. Der Satiriker und ehemalige Chefredakteur der Titanic bemängelt eine zu einseitige Westbindung der Europäischen Union.

    Herr Sonneborn, was qualifiziert denn den Berliner Spitzenkandidaten der PARTEI Riza A. Cörtlen zum Bürgermeister?

    Riza ist Halbtürke und soll uns natürlich den zurechnungsfähigen Teil der Türken in Berlin an die Wahlurnen treiben. Das sind wahrscheinlich ungefähr drei Prozent. Insofern sind uns fast die Russen hier in Berlin wichtiger. Das ist auch der Grund weswegen ich hier bei Ihnen bin.

    Als ich aus Brüssel kam, bin ich durch Berlin gefahren und dachte, wir hatten doch das Ziel: „Inhalte überwinden“ mal bei der letzten Wahl plakatiert. Das ist weitgehend gelungen. Wenn ich mir hier in Berlin Wahlplakate ansehe, dann sehe ich wirklich nichts mehr, was irgendwie noch mit Restinhalten zu tun hat. Da finde ich dann ein Parteiplakat, das mit positiv auffiel ganz schön, weil es einfach mal einen Fakt plakatiert. Es hing in der Wilmersdorfer Straße und darauf stand: Hier könnte ein Nazi hängen. Das führte auch zu viel Freude und zu viel Kritik. Viele Leute haben mich angeschrieben und sich beschwert, dass sie vor Lachen fast mit dem Vorderrad in die Straßenbahnschienen gelangt sind.

    Wenn Sie schon auf die russische Community abzielen — wie würden Sie denn die russischstämmigen Bürger Berlins an die Wahlurne für die Partei locken?

    Wir haben da ein Dreipunkteprogramm, das ich mir gerade noch auf der Fahrt hierher überlegt habe. Wir haben zufällig unser Wahlprogramm ins Russische übersetzt. Wir haben ja ein Wahlprogramm mit vielen schönen Wahlversprechen. Das steht auf der Seite des Ortsvereines der Partei Göttingen.

    Dazu gibt es ein Bild von mir wie ich, mit meinem großen gestählten Oberkörper, auf einem Einhorn sitze. Das Einhorn ist ja ein sehr freudestiftendes Element in unseren Wahlkämpfen.

    Der dritte Punkt ist der, dass wir mit Andrey gesprochen haben — der ist Russe bei uns in der Partei — und ich habe ihn gefragt, was könnten wir für die Russen in Berlin plakatieren? Er hat gesagt, ein Plakat auf dem auf Russisch steht: „Das Bier ist gut.“ Das sei eine sehr gute Aussage und das würde uns viele Russen zutreiben. Jetzt arbeiten wir noch an der Übersetzung.

    Was würden Sie sagen ist zurzeit das größte Problem in Berlin?

    Das größte Problem ist im Moment Frank Henkel, der CDU- Spitzenkandidat. Ich weiß, dass wir im letzten Wahlkampf noch mit diesem Mann geworben haben. Wir hatten kein Geld für Plakate und haben dann einfach Frank Henkel genommen und haben unten CDU mit Die PARTEI überklebt. Ich dachte mir, es ist ja egal was für eine Fresse auf einem Plakat ist, Hauptsache es steht Die PARTEI drunter. Für ihn hatte das den Vorteil, dass er im Wahlkampf für eine seriöse Partei einstand.

    Aber nach den Geschehnissen in Berlin-Friedrichshain und der Tatsache, dass rechtsstaatliche Dinge hier von einem Innensenator komplett ausgeblendet werden — das finde ich schon relativ beeindruckend.

    Martin Sonneborn und Bolle Selke
    © Sputnik /
    Martin Sonneborn und Bolle Selke

    Wir kennen alle die Probleme der Stadt. Auch die Partei kann die nicht lösen, dass sage ich ihnen ganz offen. Wir haben aber trotzdem Ansätze. Der BER zum Beispiel zieht ja gerade sehr viel Geld ab, das in Schwimmbädern, Schulen, Häuserbau und sonst wo fehlt. Ich habe kürzlich nachgedacht und festgestellt, dass der Bedarf komplett falsch kalkuliert ist. In den unruhigen Jahrzehnten, die vor uns liegen, wird es immer weniger Leute geben, die sinnlose Fern- und Flugreisen unternehmen. Wir brauchen diesen Flughafen gar nicht. Deswegen sind wir dafür,Tegel offen zu halten. Das Geld des BER wieder zurück in die Stadt zu führen — zumindest weitere Zahlungen zu stoppen — und wir möchten, dass Chris Dercon nicht die Volksbühne übernimmt. Der kann dann die BER-Gebäude bespielen. Das ist, glaube ich, genau sein Ding. Große Gebäude — und er kann dann irgendeinen Quatsch machen.

    Das hat den Vorteil, dass die Volksbühne dann ihren traditionsreichen Auftrag auch fortführen kann und nicht zu so einem weiteren Eventtheater hier in Berlin umfunktioniert wird. Chris Dercon ist Belgier. Ich lebe in Belgien und ich weiß, dass Belgier nichts können, dass Belgien nicht funktioniert und ich würde überhaupt keine Leitungsposition mit einem Belgier besetzen.

    Das haben Sie also in Brüssel so mitgenommen? Belgier können nichts?

    Ich habe einiges mitgenommen in Brüssel, aber auf jeden Fall die Feststellung, dass das Land nicht funktioniert und dass die Verwaltung nicht funktioniert. ich lebe in Brüssel etwas südlich von Molenbeek — bekannt durch verschiedene Anschläge in letzter Zeit geworden — und ich sehe die Konfusion in der Verwaltung. Es gibt einen Wahnsinn, der in Brüssel regiert, und den möchte ich hier nicht an der Volkbühne sehen.

    Wo Sie jetzt gerade Molenbeek schon erwähnen. Wie sehen Sie denn die aktuelle Vollverschleierungsdebatte?

    Eine gute Frage, angesichts eines Moderators, der weite Teile seines Gesichts mit einem Bart verschleiert und so einem großen Kopfhörer und ein schwarzes Gewand trägt, während ich hier in meinem Parteianzug schwitze. Es sind ja noch zwei, drei Wochen zur Wahl. Wir überlegen gerade, ob wir ein Kochtopfverbot fordern sollen, um die verwirrten Berliner, die sich auf ein Kopftuchverbot, oder ein Burkaverbot kaprizieren, abzufischen.

    Ich halte das für Unsinn. Ich glaube mit Burkinis, Burkisten und burkatragenden Frauen müsste sich eine Gesellschaft wie die unsrige auseinandersetzen können. Also — Kochtopfverbot: Ja, Kopftuchverbot: Nein.

    Sie haben eben den CDU-Innensenator Henkel angesprochen. Welche Lösung hätten Sie für dieses Problem?

    Ich möchte erst einmal das Problem Frank Henkel lösen. Ein merkwürdig geschichtsvergessener Mensch auch. Rechtsstaatliche Grundsätze komplett aus der Acht zu lassen um zwielichtigen Investoren, die sich hier auch schon in Berlin in Prozesse verwickelt sehen, zu helfen, das ist eine Sache. Auf der anderen Seite auch die Auseinandersetzung mit den Friedrichshainer Hausbesetzern. Das erinnerte mich fast an die Auseinandersetzung mit Helmut Schmidt und der RAF. Da gab es ähnlich markige Worte. Der Rechtsstaat verhandelt nicht mit solchen Leuten. Der Platz Frank Henkels wird in der Zitadelle Spandau sein, wenn wir die Wahl gewinnen. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Ich wiederhole: mein Ehrenwort.

    Mit welchem der Berliner Kandidaten würden Sie gerne mal debattieren?

    Ich würde gerne mit Wladimir Putin diskutieren. Als Partei sind wir nicht so strikt amerikafreundlich und amerikaausgerichtet, wie das traditionell andere Parteien im Land sind. Ich habe einen palästinensischen Friseur und der kennt sich politisch sehr gut aus. Deswegen gehe ich zu ihm. Der hat mich kürzlich einmal gefragt, warum wir eigentlich nicht mehr Handel mit Moskau und mit Russland treiben? Warum wir so furchtbar westausgerichtet seien? Und ich konnte Ihm da nicht furchtbar viel entgegensetzen.

    Außer, dass es natürlich amerikanische Propaganda gibt. Das seit den fünfziger, sechziger Jahren gut bezahlte Think Tanks daran sitzen: um uns in die Westbindung zu treiben. Ich glaube, dass wir uns mehr nach Osten orientieren müssen. Ich glaube, dass die Eskalation der Situation im Osten auch sehr auf das Europaparlament, auf Elmar Brok, meinen Kollegen im Außenausschuss zurückzuführen ist. Ich glaube, dass sich alles bessern kann, wenn wir in Verhandlungen treten.

    Deswegen würde ich mich gerne mit Wladimir Putin unterhalten und ich würde ihn jederzeit einladen, ins Europaparlament zu kommen. Dort zu sprechen, oder auch mit mir einfach Schnitzel essen zu gehen, in der Kantine des Bundestages. Ich glaube, dass meine Kollegen schön staunen würden.

    Was sagen Sie zu dem Kandidaten der Berliner AfD? Georg Pazderski?

    Wie heißt der?

    Pazderski.

    Ist das ein Ausländer, oder was? Vielleicht sollte man das mal prüfen. Pazderski. Also — dass so etwas auf deutschen Wahlzetteln stehen darf. Das ist mit uns nach der Machtübernahme nicht mehr zu machen. Ich glaube, ich kann das abschließend so formulieren. Es gibt zwei Parteien, die sie als Protestwähler in Berlin, wenn sie mit dem etablierten System nicht zufrieden sind, wählen können. Die eine Partei wählen die Idioten, das ist die AfD, und die andere Partei, also intelligenter Protest, sagen wir mal ab Realschulabschluss, die wählen die Partei Die PARTEI.

    Interview: Bolle Selke

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    Tags:
    CDU, Die Partei, Wladimir Putin, Elmar Brok, Riza A. Cörtlen, Martin Sonneborn, Berlin, Russland, Deutschland