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00:20 14 Oktober 2019
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    Brandenburger Tor in Berlin

    Wen wählen die Russlanddeutschen?

    © REUTERS / Gero Breloer
    Politik
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    Herbst-Wahlen 2016 in Berlin und MeckPomm (63)
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    „Die Russlanddeutschen werden für die AfD stimmen“ lautet die Prognose der deutschen Medien im Vorfeld der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Stehen die Bewohner der Plattenbaubezirke wie Rostock-Groß-Klein, Schwerin-Dreesch oder Berlin-Lichtenberg in der Tat hinter den Rechtskonservativen? Sputnik hat bei Lokalpolitikern nachgefragt.

    In Deutschland leben ca. zwei Millionen Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Allein in Berlin sind es schätzungsweise 100.000 Russlanddeutsche. Viele von Ihnen wohnen nach wie vor in den großen Plattenbausiedlungen, in die sie in den Neunziger Jahren gezogen sind.

    Die Russlanddeutschen haben eigene Strukturen aufgebaut mit russischen Geschäften, Klubs und Vereinen. Manche sprechen von Ghetto, andere von Gemeinschaft. Der Spitzenkandidat der LINKE in Meck-Pomm, Helmut Holter sieht beide Aspekte:

    „Es ist so, dass nicht alle eine Perspektive haben und es eine bestimmte Konzentration in bestimmten Wohngebieten gibt. Das bleibt nicht aus, dass man sich in den Kreisen trifft und auch zusammenhält, wo man sich kulturell näher ist. Das heißt aber nicht, dass sie sich politisch isolieren. Gerade das Beispiel der Russlanddeutschen zeigt, wie eben Ankommen und Integration in Deutschland funktioniert.“

    Für viele ältere Spätaussiedler  ist Russisch nach wie vor Alltagssprache. Die „sowjetische“ Kultur gehört zu ihrer Identität. Helmut Holter von der Linkspartei sieht darin keinen Nachteil:

    „Die Russlanddeutschen integrieren sich hervorragend. Sie bringen, und das ist ja von Vorteil, ein Stück aus ihrer Kultur aus Russland nach Deutschland. Ich betrachte das als Gewinn.“

    „Allerdings betonen die Russlanddeutschen auch immer wieder, dass sie sich in erster Linie als Deutsche sehen. Roger Schmidt von der AfD Rostock hat dies in seinem Viertel Groß Klein auch so beobachtet:

    „Wenn man sich mit den Russlanddeutschen unterhält, gibt es überhaupt keine sprachlichen Barrieren. Die sprechen alle perfektes Deutsch. Man merkt natürlich einen Akzent. Sie stehen auch für Deutschland ein. Ich habe letztens mit einer Dame gesprochen und sie hat gesagt:  Ich lebe ja nun hier in Deutschland und das ist jetzt mein Land.“

    Russlanddeutsche gelten als gut integriert und eher konservativ, wie Waldemar Eisenbraun, der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Russlanddeutschen, bestätigt:

    „Russlanddeutsche sind definitiv wertekonservativ, wobei ich das ungern mit dem Begriff des Radikalseins vermischen möchte.“

    Natürlich gibt es bei so vielen Menschen das ganze Spektrum politischer Ansichten und kultureller Einstellungen, wie auch Georg Dege vom Landesnetzwerkes Aussiedler der CDU in Berlin relativiert:

    „Das kommt auch auf die Generation an. Die Jüngeren sind durchaus liberaler, die Älteren eher konservativ. Aber insgesamt sind die Russlanddeutschen ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft.“

    Die Mehrheit der Russlanddeutschen schätzt jedoch die klassischen Familienwerte und hat sich früher in Umfragen eher in der Nähe der CDU gesehen.  Waldemar Eisenbraun von der Landsmannschaft erklärt das so:

    „Gerade in den 90er Jahren, als die erste große Zuwanderungswelle kam, waren viele natürlich der CDU dankbar, insbesondere Helmut Kohl. Eine Zeitlang hat man tatsächlich überwiegend die CDU gewählt.“

    Bis die AfD kam. Nun schreiben plötzlich viele Medien, dass die Russlanddeutschen alle die AfD wählen würden. Der Kreisvorsitzende der Rostocker AfD Roger Schmidt sieht dies bestätigt:

    „Wir haben sehr viel Zuspruch von den Russlanddeutschen. Wir haben Informationsstände in verschiedenen Vierteln. Gerade dort, wo viele Russlanddeutsche wohnen, da kommen sie auch zu den Ständen und geben alle Daumen hoch.“

    Helmut Holter von den LINKEN Meck-Pomm kritisiert die einseitige Berichterstattung, räumt aber der AfD durchaus ein Potential bei den Russlanddeutschen ein, warnt jedoch vor Klischees:

    „Die Russlanddeutschen setzen sich sehr wohl mit der Politik der Parteien in M-V auseinander. Sie setzen sich auch mit den Personen auseinander und wählen dann sehr klug. Dabei geht es nicht um die AfD. Es gibt aber natürlich einige unter den Russlanddeutschen, die die AfD wählen werden.“

    Waldemar Eisenbraun von der Landsmannschaft der Russlanddeutschen weist darauf hin, dass es keine belastbaren Erhebungen gibt, die eine Verbindung von AfD und Russlanddeutschen belegen:

    „Wenn wir die neuen Bundesländer nehmen, wo verhältnismäßig wenig Russlanddeutsche zuhause sind, die AfD aber gut abschneidet, dann kann man erkennen, dass der Höhenflug der AfD nicht nur davon kommt, dass Russlanddeutsche sie wählen.“

    Helmut Holter von den LINKEN Meck-Pomm macht keinen Unterschied zwischen deutschen und russlanddeutschen Wählern: 

    „Die Russlanddeutschen verhalten sich so, wie die anderen auch. Sie entscheiden nach den Programmen und nach den Personen. Deswegen wird das Meinungsbild auch sehr breit sein und viele Russlanddeutsche werden auch die Linken wählen.“

    Waldemar Eisenbraun von der Landsmannschaft spricht auch von  Enttäuschungen über die Regierung im Umgang mit der Flüchtlingskrise:

    „Die Entwicklung der letzten ein-zwei Jahre hatte schon Momente in sich, die beunruhigend sind.“

    Es gibt auch eigene Probleme der Russlanddeutschen, vor allem mit nichtanerkannten Bildungsabschlüssen. Auch der Zuzug von Familienangehörigen wird inzwischen strenger gehandhabt.

    Helmut Holter von der Linkspartei ist mit diesen Problemen vertraut:

    „Ich kenne viele Russlanddeutsche, die mit dem Ankommen hier einige Probleme hatten. Sie wurden in Russland als Deutsche angesehen und hier sind sie eben die Russen unter den Deutschen. Das ist eine Frage, mit der man aufräumen muss.“

    Waldemar Eisenbraun von der Landsmannschaft der Russlanddeutschen ergänzt:

    „Wir stellen fest, dass viele ältere Landsleute zunehmend von Altersarmut betroffen sind. Das hat damit zu tun, dass die Renten der Spätaussiedler nach einer bestimmten Formel gekürzt worden sind.“

    Sicher hat auch die abschätzige Berichterstattung über die Russlanddeutschen in den Mainstream-Medien im Zusammenhang mit dem sogenannten „Fall Lisa“ zu Beginn des Jahres einige der Spätaussiedler enttäuscht.  Waldemar Eisenbraun kritisiert, dass

    „…die deutsche Medienlandschaft das sehr einseitig dargestellt hat. Wir finden das nicht in Ordnung und würden uns mehr Differenziertheit und Ausgewogenheit wünschen.“

    Viele Russlanddeutsche fühlen sich angegriffen dadurch, dass so negativ über Russland berichtet wird. Georg Dege vom Landesnetzwerkes Aussiedler der CDU in Berlin sieht die Landespolitik eigentlich wenig berührt von der Bundespolitik. Allerdings räumt er ein:

    „Es wäre schon schöner für die politische Arbeit, wenn wir bundespolitisch ein gutes Verhältnis zu Russland hätten. Das würde es für Russlanddeutsche einfacher machen, da sie viele Verwandte in Russland haben.“

    Christina Henke, die Kandidatin der CDU in Berlin-Pankow meint:

    „Beim Verhältnis zu Russland muss man differenzieren zwischen Politik und dem Verhältnis der Menschen untereinander. Aber das Wichtigste ist, dass die Menschen und Politiker weiter miteinander reden und Positionen austauschen, um dann zu überlegen, wie man miteinander umgehen möchte.“

    Russische Medien werden durchaus von den Russlanddeutschen verfolgt, aber ihr Leben spielt sich hier ab, wie der Vertreter der AfD Roger Schmidt bestätigt:

    „Die Politik, also was da in Moskau passiert, ist auch für die Russlanddeutschen weit weg. So nehme ich das wahr. Sie betrachten das Ganze vielleicht etwas genauer, aber wenn ich sie so reden höre, merke ich, dass sie wirklich hier leben.“

    Праздничные мероприятия, посвященные 86-й годовщине со дня образования ВДВ
    © Sputnik / Илья Питалев

    Ob die Russlanddeutschen wirklich so eine große Rolle bei den Landtagswahlen spielen werden, ist fraglich. In einzelnen Stadtbezirken, wie Berlin-Marzahn, wo 30.000 Russlanddeutsche leben, durchaus. Die ca. 3000 Russlanddeutschen von Schwerin dürften jedoch nicht wahlentscheidend sein. Die Frage ist, ob die Russlanddeutschen überhaupt zur Wahl gehen werden, wie auch Waldemar Eisenbraun, der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Russlanddeutschen betont:

    „In den letzten Jahren haben wir eine gewisse Politikverdrossenheit feststellen müssen und dass die Menschen gar nicht erst zur Wahlurne gegangen sind.“

    Viele Spätaussiedler wollen einfach als Deutsche hier leben, einer Arbeit nachgehen und sich um ihre Familie kümmern. Die große Politik und Demokratie sind nicht für alle wichtig in ihrem Leben.

    Armin Siebert

    Helmut Holter

    Roger Schmidt

    Waldemar Eisenbraun

    Georg Dege

    Christina Henke

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    Themen:
    Herbst-Wahlen 2016 in Berlin und MeckPomm (63)
    Tags:
    CDU, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Die LINKE-Partei, Helmut Kohl, Deutschland, Russland