16:41 19 Juni 2018
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    FES-Chef in Kabul: Anschlag auf Care in Kabul ist Kriegsverbrechen

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    Verändern die Taliban ihre Strategie? In der Nacht auf Dienstag wurde ein Anschlag auf die Hilfsorganisation Care International in Kabul verübt. Bisher nahmen die Terroristen keine zivilen Ziele ins Visier. Sollten die Taliban hinter dem Anschlag stecken, könnten westliche Hilfsorganisationen bald aus Afghanistan abziehen.

    Am Montagabend wurde die Hauptstadt Kabul von gleich mehreren Explosionen erschüttert. Das Besondere: Eines der Ziele war die humanitäre Organisation Care International, die vor Allem Mädchen und Frauen unterstützt. Die Angreifer zündeten zunächst eine Autobombe vor dem Gebäude, dann drangen drei Personen in das Haus ein und nahmen Geiseln, darunter zehn ausländische Mitarbeiter. Erst nach fast elf Stunden gelang es der Polizei, die Geiseln zu befreien. Es gab ein ziviles Opfer, die Angreifer wurden ebenfalls getötet.

    Sollten tatsächlich die Taliban hinter dem Angriff stecken, wäre das ein bedenklicher Richtungswechsel, sagt Alexey Yusupov, Leiter der Friedrich Ebert Stiftung (FES) in Kabul.

    „Wenn es sich bestätigt, dass diese Hilfsorganisation tatsächlich Ziel des Anschlages war, wäre das als Kriegsverbrechen zu werten. Es handelt sich um eine rein humanitäre Organisation, die seit vielen Jahren in Afghanistan hilft. Bisher haben die Taliban darauf geachtet, keine humanitären Einrichtungen ins Visier zu nehmen“, äußerte er in einem Telefongespräch mit Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer. „Das ist deren Politik, es gibt immer eine Stellungnahme, beispielsweise zu Beginn der Frühjahrsoffensive. Da steht explizit drin, dass der Kampf den Besatzern und deren Regime gelte. Eine dezidierte Strategie, dass die Taliban westliche Hilfsorganisationen jagen, war in den letzten Jahren nicht zu vernehmen. Sollte es sich bestätigen – bisher gibt es noch keine Verantwortungsübernahme – und wenn es tatsächlich einen Strategiewechsel gibt und  vermehrt zu Angriffen auf westliche Organisationen kommt, dann werden viele Organisationen Kabul verlassen.“

    Eine zivile Einrichtung sei vor wenigen Wochen schon einmal Ziel eines Anschlags geworden, stellt Yusupov fest.

    „Erst vor kurzem gab es einen ganz tragischen Anschlag auf die Amerikanische Universität, bei dem viele Studenten umgekommen sind. Es war besonders dramatisch, weil man schon in der Nacht festgestellt hat, dass Hunderte von Freunden, Bekannten, Kollegen in den Hörsälen waren und zu fliehen versuchten und davon berichteten. Man erlebte es quasi in Echtzeit über die sozialen Netzwerke mit.“

    Große Teile der Flower Street im Zentrum der Stadt seien zerstört worden und man könne froh sein, dass es bei dem Angriff auf Care International  nicht noch mehr Opfer gegeben habe, so Yusupov. Dennoch sei jeder Anschlag beängstigend:

    „Wenn so eine Autobombe hochgeht, wird man aus dem Schlaf gerissen, es gibt eine physische Druckwelle. Über eine halbe Stunde gab es erst heftige, dann vereinzelte Schusswechsel, danach verschanzte sich die Terrorgruppe auf dem Compound und es gab gelegentliche Auseinandersetzungen alle zwei Stunden. Es ist nicht der erste nächtliche Anschlag, aber natürlich ist das eine sehr unangenehme Situation. Man fühlt sich nicht darauf vorbereitet, man wird geweckt und weiß nicht, was passiert. Man versucht festzustellen: Wo passiert es gerade? Entfernen sich die Schüsse oder kommen sie näher?“

    Nur wenige Stunden vor dem Angriff auf die Hilfsorganisation hatte es, ebenfalls in Kabul, einen Doppelanschlag auf das afghanische Verteidigungsministerium gegeben, bei dem 24 Menschen ums Leben gekommen sind und mindestens 90 verletzt wurden.

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    Tags:
    Care International, Taliban, Alexey Yusupov, Ilona Pfeffer, Afghanistan, Kabul
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