21:09 24 November 2017
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    BellingcatAlmaz-Antey-Ermittlung zu MH17-Absturz

    „Gezielte Täuschung“: Raketenbauer nehmen Bellingcat-Bericht zu MH17 auseinander

    © Foto: Bellingcat © Sputnik/ Valery Melnikov
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    Ermittlungen zu MH17-Absturz (223)
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    In zwei Wochen will die niederländische Staatsanwaltschaft neue Untersuchungsergebnisse zum Abschuss von Malaysia-Airlines-Flug MH17 über der Ukraine veröffentlichen. Die russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ veröffentlicht einen Bericht, der vermutlich der offiziellen Reaktion Russlands auf die neuen Untersuchungsergebnisse zugrunde liegen wird.

    Der neue Bericht der niederländischen Ermittler soll nähere Angaben zum Typ der Waffe beinhalten, mit der am 17. Juli 2014 das malaysische Passagierflugzeug abgeschossen wurde, sowie zum Ort, von dem aus auf die Maschine mit 298 Insassen an Bord geschossen wurde, und die Verantwortlichen nennen. 

    Das Dokument, das am Mittwoch in der „Nowaja Gaseta“ erschienen ist, basiert auf Expertengutachten des Rüstungskonzerns Almaz-Antey. Als Autor wird Michail Malyschewski, Berater des Generalkonstrukteurs von Almaz-Antey, angegeben. Vertreter dieser Rüstungsfirma, die unter anderem auch Boden-Luft-Raketen baut, hatten im vergangenen Jahr eigene Untersuchungen zum MH-17 Abschuss vorgestellt und sich heiße Debatten mit westlichen Experten geliefert.

    Vorwürfe aus Bellingcat

    Die Blogger des Recherchenetzwerks Bellingcat hatten Almaz-Antey vorgeworfen, der Weltöffentlichkeit zwei widersprüchliche Versionen über den Abschuss der Boeing MH17 der „Malaysia Airlines“ vorgelegt zu haben: Angeblich verstricke sich das Unternehmen in Widersprüche hinsichtlich des Raketen- und Gefechtskopftyps wie auch des Abschussorts der Rakete.

    Ein Bild aus dem Bellingcat-Bericht
    Ein Bild aus dem Bellingcat-Bericht

    Dabei geben die Blogger ihren Lesern keine Gelegenheit, die Details des Konzernberichts allein schon wegen sprachlicher Differenzen genauer zu betrachten. Die Bellingcat-Autoren haben die Öffentlichkeit auf banale Weise bewusst hinters Licht geführt: Sie erwähnten nicht, dass der russische Konzern zwei voneinander unabhängige Feldversuche durchgeführt hatte.

    Das erste Experiment diente dazu, die Version des niederländischen Sicherheitsrats zu überprüfen (der Sicherheitsrat leitete die technische Untersuchungskommission, der Abschlussbericht wurde im Herbst 2015 veröffentlicht). Das zweite Experiment führte Almaz-Antey durch, um die eigene Version zu verifizieren.

    Ein Raketensystem vom Typ Buk, das Billingcat in seinen Enthüllungen genutzt hat
    Ein Raketensystem vom Typ Buk, das Billingcat in seinen "Enthüllungen" genutzt hat

    Raketen- und Gefechtskopftyp

    Die Ursache für den Absturz der malaysischen Boeing 777 sei keine Buk-Rakete gewesen, sondern „die neue russische Rakete“ 9M317, die es nur in Russland und nicht in der Ukraine gebe, hieß es Anfangs in den Medien. Zum Beweis dieser Hypothese wurden Schrapnell-Stücke vorgelegt, die angeblich am Ort der Katastrophe gefunden wurden. Diese hatten die Form von Doppel-T-Trägern. Genaugenommen gibt es in einer Rakete vom Typ 9M317 keine Objekte dieser Form, sondern nur Parallelepipede. Zudem sind die Einschlagslöcher im Rumpf der Boeing 13 bis 14 Millimeter groß. Die Schrapnell-Objekte der 9M317 sind jedoch wesentlich kleiner und hätten keine solchen Einschusslöcher verursachen können. Eine 9M317 kann es also unter keinen Umständen gewesen sein.

    Splitter einer 9М317-Rakete,  die in den Körpern von Insassen gefunden wurden
    © Foto: Mikhail Malyschevskiy
    Splitter einer 9М317-Rakete, die in den Körpern von Insassen gefunden wurden

    Die gezielte Meinungsmache liegt auf der Hand: Man führt immer wieder die neue russische Rakete an, um im Massenbewusstsein Russland als den Schuldigen zu prägen. 

    Die Vermutung, laut der eine Rakete des Typs 9М38 im Spiel war, wurde dabei absichtlich ausgeklammert. Das, obwohl diese Version im Schlussbericht der niederländischen Unfalluntersuchungsbehörde DSB ihren Niederschlag fand. 9М38М1 ist eine Weiterentwicklung von 9М38, aber nur Spezialisten können dazwischen unterscheiden.

    Oben ein Splitter aus dem МН17-Wrack, unten ein Doppel-T-Splitter der neuen russischen Rakete
    Oben ein Splitter aus dem МН17-Wrack, unten ein Doppel-T-Splitter der "neuen russischen Rakete"

    Experimente von Almaz-Antey

    Mit dem ersten Experiment widerlegte der Konzern die Vermutung der internationalen Ermittler, dass eine 9М38М1-Rakete mit 9Н314М1-Gefechtskopf eingesetzt worden war. (Von allen in Betracht gezogenen Raketen hat nur 9М38М1 Doppel-T-förmige Splitter).

    Außenverkleidung einer abgemusterten Il-86, die Almaz-Antey für sein Experiment zerstört hatte
    © Sputnik/ Almaz-Antey
    Außenverkleidung einer abgemusterten Il-86, die Almaz-Antey für sein Experiment zerstört hatte

    Das nächste Experiment bewies: Im Einsatz war doch eine 9М38-Rakete mit  dem 9Н314-Gefechtskopf (ohne Doppel-T-Splitter).

    Almaz-Antey stellt Ergebnisse einer Testsimulierung des MH17-Absturzes vor
    © Sputnik/ Valeriy Melnickov
    Almaz-Antey stellt Ergebnisse einer Testsimulierung des MH17-Absturzes vor

    Die Bellingcat-Rechercheure hatten offenbar auf die Konsequenz der Schlussfolgerungen aus den beiden Experimenten nicht aufgepasst. Als Folge warfen sie alles in einen Topf und beschuldigte den Konzern, die öffentliche Meinung zu täuschen.    

    Noch im Zuge der Untersuchung hatte Russland der Ermittlungskommission alle technischen Daten der Raketen und Gefechtsteile, darunter auch geheime, zur Verfügung gestellt. Daraufhin hat die DSB in ihrem Abschlussbericht nicht nur die Anzahl der Splitter, sondern auch deren Merkmale „korrigiert“. 

    Almaz-Antey stellt Ergebnisse einer Testsimulierung des MH17-Absturzes vor
    © Sputnik/ Valeriy Melnickov
    Almaz-Antey stellt Ergebnisse einer Testsimulierung des MH17-Absturzes vor
    Der Typ der Rakete. Präsentation von Almaz-Antey vom Oktober 2015
    Der Typ der Rakete. Präsentation von Almaz-Antey vom Oktober 2015

    Abschussort der Rakete

    Auch die Version über die Flugbahn der Rakete wurde aus dem Kontext gerissen. Almaz-Antey hatte sich in seiner Präsentation mit der von der DSB berechneten Flugbahn auseinandergesetzt und diese widerlegt. Bellingcat behauptete genau das Gegenteil: Der russische Konzern habe mit seinem Experiment die DSB-Version bestätigt.

    Mit seinem zweiten Experiment bestätigte der Konzern die eigene Vermutung, dass die Rakete aus der Ortschaft Saroschtschenskoje abgefeuert worden war.

    Wie daraus ersichtlich ist, gibt es in den Schlussfolgerungen des Konzerns keinerlei Widersprüche.

    Almaz-Antey stellt MH17-Ermittlungsbericht vor
    © Sputnik/ Valery Melnikov
    Almaz-Antey stellt MH17-Ermittlungsbericht vor

    Das erste Experiment widerlegt die DSB-Schlussfolgerung, dass eine Rakete des Typs 9М38М1 mit 9Н314М1-Sprengkopf aus Sneschnoje abgefeuert worden sei. Das zweite Experiment bestätigt die ursprüngliche Vermutung von Almaz-Antey: Es war eine 9М38-Rakete mit 9Н314-Gefechtskopf und wurde aus Saroschtschenskoje abgefeuert.

    Es sieht so aus, als ob die Rechercheplattform Bellingcat den westlichen Leser, der nicht über spezielle Kenntnisse verfügt, bewusst irreführt.

    „AntiBellingcat – Fälschung offener Quellen. Zwei Jahre danach“

    Die wichtigsten Fakten, gefunden von russischen Bloggern und Experten, die die von der Gruppe Bellingcat erhobenen Beschuldigungen, Russland wäre in den Absturz der malaysischen Boeing verwickelt, widerlegen.

    Die Bellingcat-Experten werden nicht müde in ihren Versuchen, zu beweisen, dass Russland am Absturz der malaysischen Boeing schuld sei.

    Als „Beweise“ werden präsentiert:

    am Tag der Katastrophe wurde ein Fliegerabwehrraketensystem Buk in Makejewka fotografiert und dort auch von einem zufälligen Zeugen auf dessen Videoregistrator aufgenommen;

    Ortschaft Makejewka
    Ortschaft Makejewka

    Foto- und Videobeweise, dass sich das Buk-System in Sneschnoje befand, angeblich in dem Gebiet, wo es die Boeing des Fluges MH17 abschießt;

    Ein Buk-System in Sneschnoje, 17 Juli 2014
    Ein Buk-System in Sneschnoje, 17 Juli 2014

    Standort eines BUK-Startfahrzeugs am 18. Juli 2014 in Lugansk, wo es  das Innenministerium der Ukraine gefilmt haben will.

    Lugansk, 18. Juli 2014
    Lugansk, 18. Juli 2014

     

    Bellingcat-Beschuldigung: Eine weißer Trailer mit einem Fliegerabwehrraketensystem Buk befand sich am 17. Juli 2014 im Raum von Makejewka (Aufnahme durch Videoregistrator)

    Wie sich herausstellte, wurde diese Aufnahme in Wirklichkeit vor dem 15. Juli 2014 gemacht.

    Das bestätigen Videoaufnahmen einer Panzerkolonne, die Journalisten von „HOT NEWS“ vor dem Hintergrund eben jener Tankstelle in der Straße Awtotransportnaja Nr. 52 gemacht haben, die auch ins Blickfeld des Videoregistrators geraten war. Auf  der Aufnahme, die auf den 15. Juli datiert ist, lässt sich verfolgen, dass vor dem Passieren der Fahrzeugkolonne die Asphaltdecke der Straße nicht beschädigt war.

    Nach dem Passieren der Kolonne waren auf der Fahrbahn charakteristische Kerben von den Raupenketten zurückgeblieben.  Dabei sind auf den Bildern des Videoregistrators, die angeblich zwei Tage später gemacht wurden, keine von schwerer Militärtechnik verursachten Spuren zu erkennen.

     

    Bellingcat-Beschuldigung: Es wurde eine Satelliten-Aufnahme entdeckt, die eine Fahrzeugkolonne zeigt, die einen „weißen“ Schlepper mit dem Buk-Komplex zeigt.

    Es gelang herauszufinden, dass die Satelliten-Aufnahme eine Fälschung ist.  Auf dem Foto befinden sich von den drei Fahrzeugen des „Konvois“ zwei auf der Gegenfahrbahn. Die Schatten dieser Fahrzeuge, die ihrer Konfiguration entsprechen, weisen deutlich auf ihre Fahrtrichtung hin – sie ist der Fahrtrichtung des Schleppers entgegengesetzt. Folglich können diese Fahrzeuge nicht zum  Konvoi „des Trailers mit dem Buk-Komplex“ gehört haben. Außerdem besitzt der Schatten des Schleppers erstens einen Umriss, der absolut nicht dem eines Buk-Komplexes auf seiner Plattform entspricht, und zweitens besitzt er im Unterschied zu den Schatten aller übrigen Objekte eine völlig andere Richtung – nach Nordosten. Indessen hätten die Schatten für den ausgewiesenen Ort und den genannten Zeitpunkt der Aufnahme (11.08 Uhr am 17. Juli 2014) nach Nordwesten gerichtet sein müssen.

     

    Bellingcat-Beschuldigung: Die Inversionsspur von einer Buk-Rakete von Seiten der Ortschaft Sneschnoje wurde auf den Fotos von Pawel Alejnikow festgehalten.

    Es ist gelungen herauszufinden, dass das Foto entweder gefälscht ist oder zu einer anderen Zeit aufgenommen wurde. Auf dem drei Stunden nach der Tragödie veröffentlichten Foto ist ein fast vollständig blauer Himmel zu sehen, wogegen im Augenblick des Fotografierens der Himmel im Raum Sneschnoje bewölkt gewesen war. Das Vorhandensein von Bewölkung am Absturzort „bestätigen auch die Daten zur meteorologischen Situation, die von Vertretern der Niederlande im technischen Bericht zum Absturz der Boeing angeführt werden“.

     

    Bellingcat-Beschuldigungen: Auf dem Feld südlich von Sneschnoje, von dem aus angeblich die Rakete abgefeuert worden sein soll, wurden Raupenspuren festgestellt.

    Es ist gelungen festzustellen, dass die maximale Auflösefähigkeit bei Satelliten, die das Unternehmen DigitalGlobe einsetzt, 0,5-0,8 Meter beträgt, aber bei einer solchen Auflösung lässt sich unmöglich ein Unterschied zwischen den Raupenspuren eines Buk-Komplexes und den Spuren von Landtechnik feststellen.

     

    Bellingcat-Beschuldigung: Der Startort im Raum Sneschnoje ist nach SBIRS-Daten ermittelt worden.

    Wie sich herausgestellt hat, ist das unmöglich zu bewerkstelligen. Nach ihrer Zweckbestimmung dienen die Satelliten des Typs SBIRS zur Gewährleistung der Lokalisierung von Raketenstarts bei einer aktiven Phase von mehr als 20 Sekunden, wobei zur Bestimmung der Flugrichtung einer Rakete mindestens eine 50 Sekunden währende aktive Phase erforderlich ist. Das Triebwerk einer Buk-Rakete konnte bei einem Treffen des Ziels aus dem genannten Raum aber nicht länger als 17 Sekunden in Betrieb gewesen sein. Zudem hat Bellingcat den Ort, von dem die  Buk-Rakete abgefeuert worden sein soll, mit einer Genauigkeit bis auf  3-4 Kilometer bestimmt, was deutlich die Möglichkeiten des amerikanischen Satellitensystems übersteigt.

    Da in dem Bericht keine einzige technische Charakteristik in Bezug auf den Prozess des Entdeckens der Rakete (Uhrzeit, Höhe, Dauer der aktiven Phase, Beobachtungsbedingungen usw.) angeführt ist, ist der Informationsinhalt nicht bewiesen und unglaubwürdig.

     

    Bellingcat-Beschuldigung: Die Boeing wurde von einem einzelnen BUK-Startfahrzeug der Volkswehr abgeschossen.

    Wie geklärt werden konnte, ist das praktisch unmöglich. Die Zone der Zielortung beschränkt sich bei einem einzelnen Buk-Startfahrzeug auf 120 Grad im Azimut und sieben Winkelgrad, seine Feuerqualität ist äußerst niedrig. Es kann nur in einem im Voraus bestimmten Aktionssektor bei zuvor bekannten Flugparametern des Ziels eingesetzt werden, d.h. im „Hinterhalt“-Regime, wenn man genau weiß, woher das Flugzeug geflogen kommt, im vorliegenden Fall aber – ohne die genaue Zeit des Überfluges zu kennen. Ohne diese Parameter kann ein einzelnes Buk-Startfahrzeug die Aufgabe, ein Ziel zu orten und zu vernichten, nicht effektiv bewältigen.

     

    Bellingcat-Beschuldigung: Am 18. Juli 2014 fixierte das Innenministerium in Lugansk den Abtransport des Buk-Startfahrzeuges, aus dem die Boeing abgeschossen worden sein soll, nach Russland.

    Es konnte geklärt werden, dass das Video mit dem weißen Trailer, der den Buk-Komplex transportiert haben soll, nicht am 18. Juli aufgenommen werden konnte. Beim Artilleriebeschuss von Lugansk war das zentrale Umspannwerk, das fast die gesamte Stadt mit Strom versorgt, ernsthaft beschädigt worden. Die Stadt hatte keinen Strom. Indessen ist auf dem vom ukrainischen Innenministerium zur Verfügung gestellten Video sechs Sekunden lang deutlich eine über einem Billboard leuchtende Straßenlaterne zu erkennen.

    Die Vermutungen, dass es sich um eine Spiegelung der aufgehenden Sonne handeln kann, ist sofort hinfällig. Nach einer Information des Wetterdienstes der Ukraine war der Himmel über Lugansk an jenem Tag dicht bewölkt, weshalb die Sonne unmöglich irgendwie ins Bild hätte kommen können.

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    Tags:
    MH-17, Bellingcat, Almaz-Antey, Malaysia Airlines, Michail Malyschewski, Malaysia, Niederlande, Russland, Ukraine
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