13:20 28 Oktober 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    4254
    Abonnieren

    Eine Sonderbeziehung mit Russland will Deutschland laut dem namhaften deutschen Politologen Alexander Rahr gar nicht mehr, weil es für die deutschen Eliten wichtiger ist, sich als Lokomotive Europas zu beweisen.

    Das könne aus der Sicht der deutschen Eliten heute nur dann funktionieren, sagte er im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin, wenn Deutschland die osteuropäischen Länder hinter sich haben wolle. „Wenn in Osteuropa plötzlich Politiker aufstehen und sagen, sie seien gegen eine Annäherung zwischen Deutschland und Russland, dann zuckt Deutschland und gibt eine solche Beziehung zu Russland auf, um diese Länder nicht zu vergrämen. Noch 2005 sagte ja Frau Merkel: Sie wird nach Moskau über Warschau fliegen.“

    „Die östliche Partnerschaft, wie wir sie jetzt haben“, so der Russland-Experte, „die sich in eine Katastrophe für die Ukraine verwandelt hat, haben Briten, Polen und Tschechen konzipiert. Die Deutschen haben sich daraus gehalten. Es gibt jedoch auch in Deutschland Stimmen — vor allem von den Grünen, die sagen:,Wir brauchen keine Ostpolitik gegenüber Russland. Wenn schon, dann gegenüber der Ukraine‘. Das ist aber die Politik, die nicht auf einen Zusammenschluss mit russischen Interessen in Wirtschaft und Sicherheit in Europa hinausläuft, sondern eher das Trennende hervorbringt.“

    Europa sei transatlantischer als vor zehn oder 20 Jahren geworden, meint der Politikwissenschaftler. „Das hat mit bestimmten Entwicklungen in der Welt zu tun. Die Europäer werden kleiner. Sie haben neun Prozent der Gesamtbevölkerung der Erde ausgemacht, jetzt — sieben Prozent. Sie wissen, dass sie in einigen Jahren lediglich fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.“  

    Fechtkunst (Symbolbild)
    © Sputnik / Alexei Filippov
    Die Europäer wollen mit den Asiaten, mit der für sie unbekannten Größe Russland, mit Indien, China und mit den Problemen der Dritten Welt nicht allein gelassen werden, ist sich Rahr sicher. „Sie begeben sich unter die Schutzherrschaft Amerikas. Sie akzeptieren den Willen der USA, die Rolle der Führungsmacht in der Welt zu spielen. Dafür meinen sie, von den Amerikanern beschützt zu werden. So sieht der Deal der europäischen und amerikanischen Eliten aus.“

    „Die politischen Kräfte, die früher die Friedensbewegung gegen die USA organisiert haben, sehen heute in Amerika einen Garanten für Menschenrechte und Demokratie in der Welt“, stellte Rahr fest. Das sei ein völlig verkehrtes Bild. „Dieses Bild haben die Amerikaner durch ihre Investitionen in die Zusammenarbeit mit den europäischen Eliten, in die europäischen Medien und politische Strukturen im Gegensatz zu Russland erreicht. Vielleicht wird es sich einmal ändern.“ 

    Politologe Alexander Rahr bei der Präsentation seines Buches „Russland-Westen: wer wen?“
    © Sputnik / Nikolai Jolkin
    Politologe Alexander Rahr bei der Präsentation seines Buches „Russland-Westen: wer wen?“

    In seinem neuen Buch „Russland-Westen: wer wen?“, das erst in Russisch erschien ist und in Moskau präsentiert wurde, stellte Alexander Rahr diese unkorrekte Frage, wie er selbst anerkannte, „um zu zeigen, dass wir bedauerlicherweise in eine neue Konfliktphase hineingehen, in der es weniger um Kompromisse geht, die in vielen Bereichen unmöglich geworden sind, und vielmehr um den Sieg über andere Seite.“

    Es sei aber kaum möglich in den Krisenfeldern der heutigen Zeit einen Sieg der einen oder anderen Seite zu prognostizieren, äußerte der Experte. „Beide Seiten können nur verlieren. Gewinnen können sie beiden aber, wenn man endlich erkennt, dass der Ost-West-Konflikt Geschichte ist, und wir vor einem Nord-Süd-Konflikt stehen.“

    Dabei meint Rahr nicht nur die Terrorgefahr allein, die den europäischen Kontinent vom Süden her bedrohe, sondern auch die Klimakatastrophe, die gewaltige Veränderungen mit sich bringe – riesige Migration von Afrika und den Nahen Osten Richtung Europa.

    Russland habe ähnliche Probleme an seinen südlichen Grenzen, führte der Experte aus. „Hier muss man zusammenarbeiten und viele Länder im Süden neu stabilisieren, vielleicht durch neue Grenzziehungen oder Einsetzen von neuen Regierungen. Das wird vom Westen oder von Russland einseitig nicht passieren.“ 

    Wie schwierig es auch ist, zeigt das Beispiel Syriens. „Die Lage in Syrien hätte vor Jahren stabilisiert werden können, wenn die Amerikaner mit den Europäern nicht auf ihren alten Standpunkt beharrt hätten, dass Assad das größte Übel in diesem Konflikt ist und deshalb weg muss. Hätte man ein Verständnis für Assad aufgebaut, ihn dann aber über eine Phase der Evolution zu einer Regierungsumbildung oder zum Weggang gezwungen, hätte viel Blutvergießen vermieden werden können. Syrien ist aber bedauerlicherweise zu einem typischen Objekt in der Auseinandersetzung der Großmächte geworden – und nicht nur Russlands und der USA, sondern auch des Iran und Saudi Arabiens.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Lawrow: Westen benutzt Krim-Anerkennung für eigene politische Zwecke
    Sarkozy: Der Westen braucht Russland zur Regelung des Syrien-Konflikts
    Duma-Politiker: Westen dämonisiert Russland stärker als während des Kalten Krieges
    Westen befürchtet Neuannäherung Russland-Türkei – aber bis dahin ist es noch weit
    Tags:
    Angela Merkel, Alexander Rahr, USA, Deutschland, Russland