07:00 01 Dezember 2020
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    Beabsichtigtes Verbreiten von Falschinformationen durch glaubhafte Journalisten und Mainstream-Medien können äußerst weitreichende Auswirkungen auf einen Menschen haben – dies ist meine Geschichte. Eine reale Begebenheit aus dem Innern der Medienwelt.

    „Ich bin Sidney Blumenthal. Zumindest scheint das Wladimir Putin zu glauben” – Kurt Eichenwald

    Mein Name ist Bill Moran. Ich bin ein ehemaliger Journalist und Stil-Redakteur von Sputnik in der Zweigstelle in Washington DC. Ich bin in Arizona aufgewachsen, habe einen Abschluss in Jura von Georgetown. Habe früher Wählerinitiativen angetrieben, um mir mein Studium zu finanzieren, und bei politischen Kampagnen mitgewirkt. Zu Beginn dieses Wahlzyklus verschickte ich sogar Fundraising-E-Mails für Hillary Clinton

    Kurz: Ich bin ein durchschnittlich ambitionierter 29-Jähriger, der insgeheim immer von einem Job als Journalist für Printmedien geträumt hat. 

    Als ich im Februar ein Jobangebot als Web-Journalist für Sputnik in DC bekam – zu einer Zeit, als die Welt noch all ihre Tassen im Schrank hatte – war das ein wahr gewordener Traum. Es ist ein Job, für den ich hart gearbeitet habe. Sogar an meinen freien Tagen bin ich ins Büro gekommen, um sicherzugehen, dass wir so viel qualitativ hochwertige Artikel herausbringen wie nur möglich. Die harte Arbeit hat sich ausgezahlt: Im Juli wurde ich zum Wochenend-Redakteur befördert.

    Und jetzt muss ich mich der Realität stellen: Der Job, den ich richtig gerne und, meiner Meinung nach, sehr gut ausgeübt habe, gehört nun der Vergangenheit an.

    Am 10. Oktober, Columbus Day hier in den Vereinigten Staaten, ist mir ein peinlicher Fehler passiert. Ich bemerkte eine Reihe von Tweets, die Worte einer gewissen Sidney Blumenthal zum Bengasi-Skandal zitierten. Das von WikiLeaks enthüllte Dokument, zu dem der Originalartikel dieser Person verlinkt war, war äußerst umfangreich – ganze 75 Seiten lang. Rasch überflog ich das Dokument, und um ehrlich zu sein, las ich nicht jede einzelne Seite.

    Wegen des Feiertags war ich an diesem Oktobertag der einzige Mitarbeiter im Büro. Ich schrieb ganze zwölf Artikel in einer Zwölf-Stunden-Schicht, erteilte und korrigierte fünf weitere von zwei freien Mitarbeitern, verwaltete die Grafiken auf der Titelseite, überprüfte Eilmeldungen und postete unsere Berichte auf Twitter alle zehn und auf Facebook alle 20 Minuten.

    Ich habe viel zu schnell gearbeitet und einen Fehler gemacht – einen Fehler, der mir bis heute peinlich ist. Nachdem ich die nächsten Posts für unsere sozialen Netzwerke festgelegt hatte, verließ ich für eine kurze Rauchpause das Büro. Auf halbem Wege blieb ich stehen und fragte mich: „Warum hat eigentlich sonst niemand über den Artikel geschrieben?“ Ich drehte um und, sobald ich das Dokument ein zweites Mal überflogen hatte, bemerkte meinen Fehler. Den Bericht löschte ich umgehend.

    Der Artikel war von 15:23 Uhr bis 15:42 Uhr (Ortszeit) online und wurde 1061 Mal angeklickt, bevor er von der Webseite genommen wurde. Ich möchte mich bei allen Wochenend-Lesern für diesen Fehler entschuldigen – egal wie unbeabsichtigt er doch war, ist es mir unangenehm.

    Nun bin ich Wladimir Putin. Zumindest geben Kurt Eichenwald und das Portal Newsweek vor, das zu glauben.

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    Kurt Eichenwald hat am gleichen Tag um 19:45 Uhr einen Artikel mit dem Titel „Lieber Donald Trump und Wladimir Putin, ich bin nicht Sidney Blumenthal” veröffentlicht. Im Großen und Ganzen ging es darin um meinen Fehler. Ich habe Eichenwalds Artikel vielen meiner Freunden vom Studium gezeigt – noch nie zuvor habe ich Menschen gleichermaßen so hysterisch lachen und ihre Stirn runzeln gesehen.

    In seinem Artikel suggeriert Eichenwald, dass mein Fehler „einmal mehr der Beweis” für Russlands angeblichen Cyberkrieg durch ein „von der russischen Regierung kontrolliertes” Nachrichtenportal ist. Das Portal habe, das wiederholt Eichenwald mehrmals, WikiLeaks-Dokumente abgeändert, bevor sie Donald Trump weitergeleitet wurden. Die anonyme Informationsquelle des Portals sage außerdem, dass all das „hochqualitative Überprüfung erforderte“, und jede Meinung, die das Gegenteil behauptet, „absurd” sei. 

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    Das Problem dabei ist, dass Herr Eichenwald, Mitglied der Redaktionsleitung und Rechtsberater von „Newsweek“, natürlich weiß, dass sein Bericht grob fehlerhaft ist. Am Dienstag kontaktierte ich Eichenwald und die Redakteure von „Newsweek“ und wies sie auf die wesentlichen Fehler in ihrer Berichterstattung und auf die wahren Fakten hin. Zusätzlich versuchte ich, mit Eichenwald via Twitter in Verbindung zu treten, wo ich ihm erneut die Hintergründe in aller Ruhe erklärte – daraufhin blockierte er meinen Account. Am Mittwoch wurde ich gefeuert. Einer meiner Kollegen ließ aufgrund der Tatsache, dass er mich blockierte und seinen Artikel noch immer nicht richtig stellte, bei Eichenwald nicht locker.

    Als Antwort sendete Herr Eichenwald mir eine Nachricht und stellte die von mir geschilderten Tatsachen erneut infrage. Ich erklärte ihm noch einmal, was tatsächlich vorgefallen war. In derselben Nacht antwortete er: „Ich werde Sie morgen Abend anrufen. Wir können dann über Ihre Situation sprechen (kein Interview, sondern einfach eine Handreichung).”

    Falls Sie sich jetzt fragen „Mann, warum sind Sie sich nicht einfach selbst untreu geworden, haben die Wahrheit ignoriert und Ihren stabilen Job behalten, mit der Gefahr, dass Sie Teil der Mainstream-Medien werden?!” Ich muss zugeben, selbst während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich das immer noch, genauso wie während der 66 Minuten dauernden Konversation, die ich mit Eichenwald am nächsten Tag hatte.

    Ich e-mailte Eichenwald und informierte ihn über meine Absicht, die Geschichte publik zu machen. Es stellte sich dann heraus, dass Herr Eichenwald mir einen Job als politischer Reporter für „The New Republic“ vermitteln würde.

    „Ich nahm Sie beim Wort, dass die Vorfälle tatsächlich so waren, wie Sie sie beschrieben haben, und kontaktierte ‚The New Republic‘ in Ihrem Namen. Es gibt dort eine freie Stelle als politischer Reporter. Aber an diesem Punkt kann ich Ihre Klugheit nicht mehr beglaubigen, noch vertraue ich Ihnen hundert Prozent”, schrieb Eichenwald in einem E-Mail am Montag, 17. Oktober um 13:03 Uhr.

    Um 13:40 Uhr ergänzte er: „Ich gebe Ihnen noch einen letzten freundschaftlichen Hinweis: Ich würde bei dem ‚New Republic‘-Job nicht meine Zeit vergeuden. Sie sind qualifiziert dafür und diese Jobanzeigen verschwinden in der Regel schnell.”

    Elf Minuten später, um 13:51 Uhr schrieb er: „Moment… Ich vergaß etwas in meinem letzten E-Mail. Wenn ich ‚Ich würde nicht meine Zeit für die Bewerbung verschwenden‘ sage, meine ich eigentlich, Sie sollten sich möglichst bald bewerben, denn der Job ist gut und die Ausschreibung wird bald wieder weg sein.”

    Verzeihen Sie den Ausdruck, aber was zum Teufel? Ich hätte ein politischer Reporter für “The New Republic” sein können! Ein Freund versucht mich immer noch verzweifelt davon zu überzeugen, dass ich den Job annehme und diesen Artikel nicht veröffentliche.

    Den konkreten Inhalt der Konversation mit Herrn Eichenwald werde ich nicht veröffentlichen – abgesehen von dem Versuch, mich zu attackieren und mich in Verruf zu bringen, an welcher Stelle ich gezwungen sein werde, meine schriftlichen Notizen zu enthüllen. Obwohl Sie dann bemerken werden, dass weder Kurt Eichenwald sich noch ich mich von der besten Seite gezeigt haben. Ich persönlich denke, dass die Welt weniger Hysterie braucht, und nicht mehr.

    Dabei ist jedoch zu beachten, dass mich Herr Eichenwald in seiner letzten E-Mail davor warnte, dass ich meine Karriere und mein Leben ruinieren würde, sollte ich diese Informationen tatsächlich veröffentlichen. Ich sehe das nicht als Drohung – und das ist die Wahrheit.

    Das Problem ist, dass der neue Job nicht plötzlich Fiktion in Fakten verwandelt. Eichenwald hat Unrecht. Das ist auch schon alles.

    Andere Sachfehler oder Falschdarstellungen in Eichenwalds Artikel

    Erstens, die erste Version seines Berichts suggerierte, dass der Artikel gelöscht wurde, sobald der Fehler bemerkt worden war. In einer späteren Variante hieß es, dass „Newsweek“ uns vor dem Löschen des Artikels kontaktiert hatte – dabei habe ich nie einen Anruf bekommen. Aus der derzeitigen Version geht hervor, dass die Zeitung „versuchte“, uns zu kontaktieren. In einem E-Mail beteuerte Herr Eichenwald, dass er nicht gelogen habe und er schlicht nicht wüsste, wohin die „Internet-Kontakte“ gehen. Dabei habe ich auch niemals ein E-Mail erhalten. Sollten Sie eine falsch adressierte E-Mail von Eichenwald bekommen haben, melden Sie sich doch bitte.

    Zweitens, das Nachrichtenportal steht nicht „unter der Kontrolle des Kremls”. Ich schwatze nicht mit Wladimir beim Kaffee. Die Niederlassung in DC wird von der russischen Regierung finanziert, aber niemand hat mir auch nur einmal befohlen, was ich zu schreiben habe.

    Drittens, kein einziges Dokument von WikiLeaks wurde abgeändert. Der Inhalt wurde wegen eines viralen Tweets schlicht falsch verstanden. Herr Eichenwald behauptet weiterhin, dass ein Dokument, das nicht zu WikiLeaks verlinkt war, von einem Twitter-Nutzer abgeändert wurde. Doch bei den Recherchen wurde festgestellt, dass dieser Tweet bereits gelöscht worden war – die Bedeutung des Accounts für die Staatssicherheit ist etwas, bei dem ich mich nicht gut genug auskenne.

    Was hab‘ ich von all dem?

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    © Sputnik / Илья Питалев

    Ich werde zum Ziel von brutalen Angriffen werden. Insgesamt habe ich 813 Artikel für Sputnik geschrieben, aber die Tatsache, dass ich nur einen einzigen Fehler gemacht habe, der aufgrund der beabsichtigten fehlerhaften Berichterstattung von „Newsweek“  Hysterie geschürt hat, wird nun für immer neben meinem Namen bei Google auftauchen. Das ist noch immer die Wahrheit, und daher mein Wunsch.

    Dabei sollte ich auch anmerken, dass Sputnik mir nach Prüfung der Lage meinen Job erneut angeboten hat – und zwar bevor die Agentur von diesem Artikel erfuhr. Ich werde das Angebot ablehnen, aber möchte meinen aufrichtigen Dank ausdrücken. In den nächsten Tagen werde ich wohl mit dem Presseecho auf diesen Bericht umgehen müssen – und dann, ja dann steht erstmal ein richtiger langer Urlaub an.

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    Newsweek, Sputniknews, Bill Moran, USA, Russland