SNA Radio
    Nürnberg-Prozess

    Dank Sowjetunion: Nürnberg-Prozess statt „Kastration des deutschen Volkes“

    © Sputnik /
    Politik
    Zum Kurzlink
    10720567

    Das Nürnberger Urteil gegen die NS-Kriegsverbrecher jährt sich in diesem Herbst zum 70. Mal. Dass jener Prozess aufgerollt wurde und rechtlich tadellos verlief, hat die Welt vor allem der Sowjetunion zu verdanken, betont der russische Vizepräsident der Internationalen Vereinigung der Staatsanwälte (IAP), Jurist und Buchautor, Alexander Swjaginzew.

    In einem Gastbeitrag für die „Rossijskaja Gaseta“ schreibt Swjaginzew, der Kreml habe bereits Ende 1941 die Alliierten darauf hingewiesen, dass sich die politische und Militärführung von Nazi-Deutschland für die Verbrechen in den besetzten Gebieten verantworten müsse: „Doch die Idee eines internationalen Gerichtsprozesses über die wichtigsten deutschen Kriegsverbrecher hat sich in der Anti-Hitler-Koalition nicht sofort durchgesetzt. Der britische Premierminister Winston Churchill äußerte beispielsweise, dass die Nazi-Spitze ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet werden sollte. Ähnliche Einstellungen gab es auch jenseits des Atlantiks.“

    In diesem Zusammenhang zitiert Swjaginzew den damaligen US-Präsidenten Franklin Roosevelt mit einer Äußerung vom 19. August 1944: „Wir müssen mit Deutschland hart umgehen, und ich meine dabei das deutsche Volk, nicht nur die Nazis. Wir müssen entweder das deutsche Volk kastrieren oder man muss die Deutschen so behandeln, dass sie nicht einfach weiterhin Menschen zeugen können, die im alten Geist fortfahren wollen.“ 

    Swjaginzew schreibt: „Ein solches Schicksal wäre Deutschland möglicherweise zuteil geworden, hätte die Sowjetunion nicht eine resolute Position eingenommen. Im Vergleich zu vielen westlichen Politikern wies die sowjetische Führung deutlich mehr Weitblick und Weisheit auf, indem sie sich für ein rechtliches Verfahren aussprach, um die Kriegsverbrecher zu bestrafen.“

    Laut Swjaginzew versuchte Churchill trotzdem, seine Meinung dem Kreml aufzuzwingen, doch Josef Stalin erwiderte: „Was auch immer geschieht, es muss (…) einen entsprechenden Gerichtsbeschluss geben. Sonst werden die Menschen sagen, dass sich Churchill, Roosevelt und Stalin an ihren politischen Feinden bloß gerächt hätten.“

    Der Nürnberger Prozess sei keine Farce, sondern ein richtiges Gerichtsverfahren gewesen, so Swjaginzew: „Die Auftritte des sowjetischen Hauptanklägers Roman Rudenko waren überzeugend, juristisch präzise, beweiskräftig. Ihm gelang eine philosophisch hohe gedankliche Durchdringung der weltweiten Tragödie. Er entlarvte das Wesen des NS-Regimes, die kannibalischen Pläne für die Ausradierung ganzer Staaten und Völker, die unvergängliche Gefahr der Ideen einer nationalen Überlegenheit.“ 

    Diese unbestrittenen Belege seien durch einen glänzenden taktischen Zug bekräftigt worden, als der gefangengenommene Generalfeldmarschall Paulus als Zeuge der Anklage vor Gericht erschienen sei: „Die Vernehmung von Paulus war äußerst wichtig. Er war in der Lage, persönlich zu bestätigen, dass jener Barbarossa-Angriffsplan gegen die Sowjetunion längst vor dem eigentlichen Überfall ausgearbeitet worden war. Die Nazis behaupteten ja, dass die Bedrohung von der Sowjetunion ausgegangen sei; dass man einem sowjetischen Angriff nur vorgebeugt habe (…) Doch Paulus bestätigte unbeirrt seine Aussagen, die er zuvor in Moskau gemacht hatte. Bei den Angeklagten – vor allem bei Göring – löste dies Entsetzen, Verwirrung und hasserfüllten Zorn aus.“

    Der westliche Militärsonderbezirk (Westfront)
    © Foto : Ministry of Defence of the Russian Federation

    „Es geschah jedoch etwas Unvorhersehbares. Am 5. März 1946 hielt Churchill im amerikanischen Fulton eine kurze Rede – sie dauerte nur 15 Minuten, hob die Welt aber aus den Angeln. Ihre zentrale These lautete, der Kommunismus sei eine Bedrohung für den Westen und müsse bekämpft werden. Das war ein Signal für den Beginn des Kalten Krieges und für den Aufbau des Eisernen Vorhangs“, schreibt Swjaginzew weiter.

    „Auf der Anklagebank in Nürnberg begann sofort eine freudige Aufregung (…) Im Richterzimmer herrschte dagegen drei Tage lang ein bedrückendes Schweigen. Niemand begriff, wie der Prozess weiter geführt werden soll. Doch der gesunde Menschenverstand gewann die Oberhand. Alle ließen die Politik in den Hintergrund treten, denn man verstand, dass die Nazis sonst ihre Strafe umgehen könnten. Das Völkergericht hat sein Urteil gefällt“, stellt Swjaginzew fest.   

    Er mahnt: „Die Lehren von Nürnberg sind derzeit besonders akut, denn die hohen Ideen der internationalen Justiz scheitern inzwischen nicht selten an Blockdenken, politischen Vorurteilen und nationalem Egoismus.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    70 Jahre Nürnberger Prozess: „Sicherheit Europas nur mit Russland möglich“ MdB Hübner
    Kundus, Kundus und kein Ende: Verbrecherkrieg in Afghanistan braucht sein Nürnberg
    Tags:
    Nürnberger Prozess, Alexander Swjaginzew, UdSSR, Deutschland