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    Donald Trump kann für die Europäer zum Albtraum werden, wie Nikolaj Slobin, der russische USA-Experte, der zurzeit das Center on Global Interests in Washington leitet, in einem Sputnik-Interview sagte, während es für Russland eine Roulette sein würde: Man kann dabei gewinnen, aber auch verlieren.

    Der Unterschied zwischen ihm und seiner Rivalin liegt laut Slobin darin, dass Hillary Clinton ein „politisches Tier“ ist. „Sie gleicht vielen erfolgreichen Politikern, die in Gedanken nicht formulieren können, warum sie dies oder jenes tun, sie spüren es intuitiv und treffen die richtige Entscheidung, ohne sie begründen zu können. So waren Reagan und Churchill. Über Hillary wurden Bücher geschrieben, es ist gut erforscht, wie sie ihr ganzes Leben lang an ihrer politischen Karriere gebaut hat. Alle ihre Reflexionen, ihre Reaktionen, alle ihre Handlungen — alles wurde analysiert.“

    Deshalb könne Europa von ihr nichts Besonderes erwarten, sondern sich mit ihr nur langweilen, so Slobin. „Die Zusammenarbeit mit ihr kann aber leichter sein, als mit Trump, weil sie berechenbar und ihre Logik leicht durchschaubar ist. Mit ihr haben bereits russische wie europäische Diplomaten gearbeitet, als sie Außenministerin war. Es kann mit ihr auch schwieriger sein, da sie ausgesprochen halsstarrig ist und an ideologischen Schemata festhält.“ 

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    Bei Trump sei seine Unerfahrenheit das Hauptproblem, behauptet der Politologe. Man könne sich nicht vorstellen, was er als Politiker darstelle. „Trotz seines altersmäßigen und wirtschaftlichen Status ist er in der Politik ein Neuling. So kann auch keiner so richtig begreifen, was er im Weißen Haus tun will. In diesem Sinne kann er dem Einfluss des Momentes stärker ausgesetzt und eher ein Politiker des Augenblicks sein, als ein strategisch denkender Politiker. Wer ihn sich als Erster schnappt und ihm seinen Standpunkt mitteilt, der wird auch in diesem Moment die amerikanische Politik festlegen.“

    Dann könnte Trump von einem anderen geschnappt werden und seine Meinung schnell ändern, so Slobin weiter. „Seine Auffassung von der Politik als Business — gutes Geschäft, schlechtes Geschäft — kann eine noch stärkere Vulgarisierung der amerikanischen Politik herbeiführen. Damit werden es weder Europa noch Russland leicht haben.“

    Trump sei in Amerika längst bekannt, eine hochgepuschte Persönlichkeit, eine TV- und Entertainment-Figur. Das könnte sich auf die Zusammenarbeit mit ihm negativ auswirken, behauptet Slobin. „Er hat im amerikanischen Fernsehen eine beliebte Show moderiert, wobei er Menschen anstellte und ihnen dann mit dem berühmten Satz,You are fired!‘ (du bist gefeuert) kündigte. Sollte er diesen Stil,you are fired‘ in der amerikanischen Außenpolitik einführen, wobei er einem Partner kündigt und sich nach anderen umsieht, dann würde es für Russland wie für Europa haarig werden.“

    Eine andere Sache sei es, dass er durchaus verträglich sein und die Außenpolitik seiner Elite übertragen könne, d.h., dass er, statt sich darauf einzulassen, mit den inneren Angelegenheiten beschäftigen könne, prognostiziert Slobin. „Vor allem, da er nie ein reges Interesse an der Außenpolitik bekundet hat und sich mit ihr wenig auszukennen scheint. Dann würden Russland und Europa es nicht mit dem US-Präsidenten, sondern mit der Elite zu tun bekommen. Sie ist aber ein viel soliderer und vielseitigerer Akteur. Daraus ergäben sich mehr Möglichkeiten, aber auch beträchtliche Schwierigkeiten.“ 

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    Trump sei für Europa mit seinen Ideen, die Nato aufzulösen, alle zu zwingen, einen eigenen Beitrag zur Verteidigungsfinanzierung zu leisten usw. keineswegs akzeptabel, ist der Politologe überzeugt. „Alle Grundpfeiler der amerikanischen Außenpolitik, die nach dem Zweiten Weltkrieg gesetzt wurden, stellt Trump in Frage. Das sehen die Europäer nicht gern, aber auch die Amerikaner selbst nicht.“

    Für Russland dürfte Trump allerdings theoretisch vorteilhafter sein, urteilt der USA-Experte, weil er auf gewisse Dinge weniger achten würde. „Gewöhnlich achten die Republikaner weniger auf die Menschenrechte, auf die Rolle des Staates in der Wirtschaft, auf den Vorrang des Gesetzes u. a. Die Republikaner waren von Natur aus halt immer leichtere Partner für die Sowjetunion, aber auch für Russland. Die Demokraten sind dagegen mehr auf ihre ideologischen Dogmen fixiert.“ 

    In Russland kennt Slobin jedoch niemanden, der mit Trump gearbeitet hat oder sagen würde, dass er mit ihm arbeiten könne. Zwar meinte Trump, er könnte mit Putin ohne weiteres arbeiten. Eine andere Frage sei es aber, ob Putin mit ihm arbeiten könnte.

    Die antirussischen Eskapaden Hillary Clintons während des Wahlkampfes könnten die Zusammenarbeit mit ihr auch erschweren. Während des Kalten Krieges habe man sich allerdings an so etwas gewöhnt, so der Politologe. „Vielleicht nimmt sie aber den Neustart wieder auf.“

    Nikolai Slobin, der in diesen Tagen sein neues Buch „Reich der Freiheit“ über die Werte und Phobien der amerikanischen Gesellschaft in Moskau präsentiert hat, missfallen beide Präsidentschaftskandidaten, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Am meisten missfällt ihm aber, dass „zwei unverkennbar betagte Menschen um die führende Stellung in einem Land ringen, das die Lokomotive der modernen Wirtschaft darstellt.“ Laut Slobin ist das eine Schande für Amerika.

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    Hillary Clinton, Donald Trump, USA, Russland