19:27 24 November 2017
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    Uncle Sam in der Wall Street

    Finanzexperte Ernst Wolff zu Trumps Sieg: Die Wall Street diktiert die Politik

    © AP Photo/ John Minchillo
    Politik
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    Trotz der Wahlsensation in Amerika - die Macht der Wall Street ist ungebrochen, meint der Finanzexperte Ernst Wolff. Der Triumph von Donald Trump sei vor allem mit den sozialen Verwerfungen und dem Niedergang des amerikanischen Traums zu erklären.

    Herr Wolff, Hand aufs Herz — auch Sie haben nicht mit diesem Ergebnis gerechnet, oder?

    So ganz kann ich das nicht bestätigen. Nach dem Brexit-Votum der Briten habe ich eigentlich alles für möglich gehalten. Was ich nicht geglaubt hätte, ist, dass es so deutlich ausfallen würde.

    Sie haben selbst in den USA gelebt, wie erklären Sie sich dieses Ergebnis?

    Das Ergebnis ist vor allem mit den sozialen Umständen in den USA zu erklären. Die USA haben in den letzten 40 Jahren einen Niedergang erlebt wie selten eine Nation. Das Durchschnittseinkommen der Mittelschicht und der Arbeiterschaft ist gesunken. Die Infrastruktur zerfällt. Das Land hat Schulden in Höhe von 20 Billionen US-Dollar. Da ist nichts mehr so, wie es in den öffentlichen Medien dargestellt wird. Und genau diese Darstellungen in den Medien machen ja die Leute besonders wütend. Im amerikanischen Fernsehen ist immer alles in Ordnung. Wenn man sich aber in den Städten umsieht, herrscht dort sehr viel Armut. Diese Wut darüber hat die Leute dazu gebracht, Donald Trump zu wählen.

    Für uns ist es trotzdem schwer nachzuvollziehen, wieso gerade arme Leute einen Milliardär wählen.

    In Amerika herrscht ja noch immer der American Dream. Sie glauben noch immer, dass es möglich ist, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen. An diesem Traum hängen gerade arme Leute.

    Bei uns würde man mit solchen Parolen nicht durchkommen. Milliardär wird man ja nicht, indem man einfachen Arbeitern gute Arbeitsbedingungen schenkt.

    Trump ist doch ein Mann der Wirtschaft. Wieso gab es gleich an den Börsen Turbolenzen?

    Die Wall Street hatte ganz stark auf Hillary Clinton gesetzt. Clinton ist ja von Goldman Sachs und JP Morgan und aus dem Ausland von Saudi-Arabien und Katar finanziell stark unterstützt worden. Auf der anderen Seite ist das natürlich auch eine kleine Drohgebärde gegenüber Trump, dass er sich den Forderungen der Wall Street unterwerfen muss. Trump hat ja auch schon vor einigen Tagen reagiert und angekündigt, einen ehemaligen Goldman-Sachs-Manager und Intimus von George Soros zu seinem Finanzminister zu machen.

    Wird TTIP nun kommen oder eher nicht?

    Ich denke, ja. Mindestens in der bestehenden Form oder Trump wird gar versuchen, noch stärkere Begünstigungen für die USA zu erwirken. Für die Länder in der EU und insbesondere für Deutschland wird es wohl so oder so nicht angenehm werden.

    Clinton ist ja quasi das Establishment. Wie gut ist Trump vernetzt?

    Er wird sich ein Team zusammenstellen. Aber ob nun unter Obama, Clinton oder Trump, die Politik wird eh von der Wall Street diktiert werden. Die Machtstruktur um die Federal Reserve ist in über 100 Jahren verfestigt worden. Die Aufgabe des Präsidenten besteht eigentlich nur darin, den Menschen in den USA die Interessen der Wall Street als ihre eigenen zu verkaufen. Das ist quasi ein Showman-Job.

    Also wird sich gar nicht so viel ändern?

    Was sich ändern wird, ist, dass mit Trump erstmals ein Politiker dran ist, der nicht nur über einen parlamentarische Mehrheit verfügt, sondern es im Wahlkampf geschafft hat, eine politische Bewegung innerhalb des Volkes loszutreten. Und diese Bewegung sind sehr unzufriedene Menschen, die teilweise auch bewaffnet sind.

    Es ist ja wohl so, dass vor allem weiße Amerikaner Trump gewählt haben, während Amerikaner mit ausländischen Wurzeln eher Clinton gewählt haben. Könnte das den Rassismus in den USA wieder verschärfen?

    Auf jeden Fall. Die rassistischen Ausfälle von Trump sind ja nicht vergessen. Was ihm ein bisschen geholfen hat, ist, dass viele Amerikaner mit afroamerikanischem und hispanischem Hintergrund zu den Verlierern in der Gesellschaft gehören. Die haben einfach ihrer Wut Luft gemacht, indem sie Trump gewählt haben. Das war quasi nur eine Anti-Reaktion auf den sozialen Zerfall in den USA.

    Ich könnte mir vorstellen, dass sich Trump vor allem auf die Innenpolitik konzentrieren wird und sich außenpolitisch nur einzelne Felder herausgreifen wird, wo er sich profilieren kann. Werden die USA sich eher zurückziehen als Weltpolizist? 

    Das glaub ich auf keinen Fall. Sein Credo ist ja "Make America great again". Und das heißt vor allem Konkurrenten auf dem Weltmarkt Nachteile zu verschaffen.

    Das größte Problem der Wall Street ist ja nach wie vor der niedrige Ölpreis. Die einzige Möglichkeit, den in die Höhe zu treiben, ist nun mal die Ausweitung des Krieges im Nahen Osten. Trump hat ja auch im Wahlkampf immer wieder wiederholt, dass eines seiner Hauptziele die Vernichtung des IS ist.

    Allerdings wird Trump wohl die Politik gegenüber Russland zum Teil verändern. Clinton war ja mehr oder weniger auf Kriegskurs gegenüber Russland. Trump ist ja eher ein Anhänger von Zbigniew  Brzezinski, der grauen Eminenz der amerikanischen Politik, der für ein "new realignment", also eine Neuausrichtung der Politik gegenüber Russland steht. Ich denke, Trump wird versuchen, diesen Konflikt ein wenig zu entschärfen.

    Ein weiterer großer Konfliktherd wird auf jeden Fall China werden. Trump hat ja schon angekündigt, Strafzölle gegen chinesische Waren einzuführen. Das wird zu ganz großen Schwierigkeiten führen. China ist inzwischen wirtschaftlich die Weltmacht Nr.1. China ist der größte Handelspartner von 120 Ländern in der Welt, die USA sind dies nur noch von 70 Ländern.

    Interview: Armin Siebert

    Themen:
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    Tags:
    Hillary Clinton, Ernst Wolff, Donald Trump, USA
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