14:05 24 September 2017
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    Warum die Russen von Deutschland enttäuscht sind – Experten

    © AFP 2017/ Kirill Kudryavtsev
    Politik
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    Die gegenseitige Entfremdung zwischen Berlin und Moskau in den letzten Jahren hat die politische Elite Russlands laut Michail Schwydkoi, Sonderbeauftragter von Präsident Putin für internationale Kulturarbeit, kritisch aufgenommen. Den Deutschen wird vorgeworfen, dass ihnen mehr an der Politik als an der Wirtschaft liegt.

    In einer Sitzung des Forums „Potsdamer Begegnungen“ zum Thema „Europa von Lissabon bis Wladiwostok: Alternativloser Weg zur Stabilität Europas“ sagte Schwydkoi, dass während der letzten 40 Jahre Deutschland der zentrale Wirtschaftspartner Russlands gewesen sei, wenngleich die Beziehung sich schwierig gestaltet habe. „Denn unsere Beziehungen zu Deutschland hatten einen wichtigen kulturellen und politischen Hintergrund. Seit dem 17. Jahrhundert gehören die Deutschen immer mit zum russischen Leben. Deshalb haben wir im Innersten ein sehr hohes Maß an Vertrauen gegenüber den Deutschen, obwohl wir im 20. Jahrhundert zweimal miteinander Krieg gehabt haben.“

    Deutschland sinkt auf Platz zwei unter den Freunden Russlands — Umfragen

    In der Konferenz wurde unter anderem darüber gesprochen, dass 73 Prozent der Bundesbürger Russland nicht für einen Feind halten. Auch in Russland hält das gesellschaftliche Bewusstsein Deutschland für ein freundschaftliches Land, obwohl es in Meinungsumfragen auf der Liste der Freunde von Platz eins auf Platz zwei hinter China gesunken ist. Die entstandene Spaltung zwischen Deutschland und Russland wird von den befragten Russen als besonders schmerzlich empfunden.

    Man sei hierzulande der Meinung gewesen, erinnert Alexej Gromyko, Direktor des Moskauer Europa-Instituts, dass Deutschland als das wirtschaftlich stärkste Land der EU in den Beziehungen zwischen Russland und der EU, Russland und den USA eine ausgleichende Rolle spielen würde und „selbst in der schwierigen Situation rund um die Ukraine den eigenen Standpunkt vertreten wird, der zwar nicht unbedingt mit dem russischen übereinstimmen würde, doch war man sich in Russland sicher, dass er kein russlandfeindlicher sein würde. Daher kommt die Enttäuschung über Deutschland.“

    Allianz-Solidarität und Eindämmungspolitik

    Der russische Außenminister Sergej Lawrow, der die Veranstaltung einleitete, musste mit Bedauern feststellen: „Unser aufrichtiges Bestreben, eine breite Partnerschaft zu entwickeln, sie wirklich strategisch zu gestalten, fand bei den Staaten des Westens nicht die gebührende Unterstützung. Zwar zeigten sich einige bereit, uns entgegenzukommen, jedoch ließen die Allianz-Solidarität und die disziplinierte Haltung „alle oder keiner“ unsere westlichen Partner negativ reagieren.“

    Der russische Minister kritisierte auch, dass die Länder im postsowjetischen Raum im Rahmen der „Östlichen Partnerschaft“ vor die widersinnige Wahl gestellt wurden: „Wer nicht mit uns (der EU) ist, der ist gegen uns“.

    „Kaum hatte Russland die Auswirkungen der Krise der 90er Jahre bewältigt und den Weg der nachhaltigen Entwicklung eingeschlagen“, so Lawrow, „wurden wir mit einer neuen Ausführung der gegen uns gerichteten,Eindämmungspolitik‘ konfrontiert. Ausdruck dieser Linie waren der von Washington und Brüssel unterstützte Staatsstreich und die bewaffnete Machtergreifung in der Ukraine sowie die Verhängung einseitiger antirussischer Sanktionen.“

    Die europäischen Eliten seien in der Mehrheit nicht in der Lage gewesen, so Lawrow weiter, dem Druck aus Übersee zu widerstehen, und fügten sich in den russlandfeindlichen Kontext ein. Europa selbst nehme in internationalen Angelegenheiten keinesfalls an Gewicht zu. „Es wird mit einer Reihe ernsthafter Herausforderungen konfrontiert, beginnend bei den Auswirkungen der finanziellen und wirtschaftlichen Krise bis hin zu der steigenden terroristischen Bedrohung und dem massiven Zustrom von Migranten. Es wird nie mehr gelingen, in der modernen zusammenhängenden Welt einzelne Sicherheitsoasen zu schaffen. Gemeinsame Probleme lassen sich nur gemeinsam lösen.“

    Laut Sergei Lawrow kann Europa einschließlich der EU kaum einen würdigen Platz im neuen polyzentrischen Weltsystem ohne die Bündelung der Potentiale aller Staaten sichern. Er verwies darauf, dass der EU-Kommission ein Dokument  zugeleitet worden sei „über die Aufnahme der Zusammenarbeit zwischen der EU und der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft“. Russland erwarte eine inhaltsreiche Antwort von unseren Kollegen in Brüssel, so der russische Minister.

    Signale der deutschen Öffentlichkeit

    „Was die deutsch-russischen Beziehungen anbetrifft, so wissen wir, dass man sich in Deutschland heutzutage zunehmend dessen bewusst wird, dass ihre Normalisierung keine Alternative hat, dass die sich erfolgreich bewährten Formen der Zusammenarbeit wiederaufgenommen werden müssen.“

    Lawrow informierte, dass er regelmäßig entsprechende Signale von der deutschen Öffentlichkeit, der Geschäftswelt und einfachen Bürgern erhalte. „Wir provozieren diese positive Haltung mit nichts als mit der öffentlichen Äußerung unserer Bereitschaft zu normalen, gegenseitig achtungsvollen Beziehungen.“

    Auf die Frage von Sputnik, inwieweit Europa und darunter auch Deutschland bereit sind, ihre Beziehungen zu Russland heute ohne Rücksicht auf die USA aufzubauen, zitierte Matthias Platzeck, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Russischen Forums seinen Lieblingssatz von Egon Bahr: „Die Beziehung zu unseren amerikanischen Verbündeten ist für uns unverzichtbar und zu Russland auf dem europäischen Kontinent unverrückbar.“

    Guten Beziehungen zu Russland nicht ausweichen

    Da sei die ganze Herausforderung beschrieben, so Brandenburgs Ex-Ministerpräsident. „Übertragen auf die heutige Zeit heißt das, wir können uns gute Beziehungen zu Russland nicht aussuchen und ihnen nicht ausweichen. Selbst wenn wir es nicht wollten, müssten wir es tun, weil es für Sicherheits- und Wirtschaftsfragen, für eine Perspektive unseres Kontinents essenziell ist. Das meinte Bahr mit dem Wort,unverrückbar‘.“

    Platzeck fügt hinzu, dass Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, vor einigen Wochen einen nach seiner Meinung weitsichtigen Satz gesagt habe, dass er sich wünschen würde, dass die EU bei Berücksichtigung aller Interessen unserer Verbündeten in Übersee auch eigene Interessen formuliere. „Natürlich haben wir sich deckende Teilmengen mit den USA“, so die Einschätzung von Platzeck. „Das hat mit Werten, Verträgen und vielen anderen Dingen zu tun. Aber wir haben auch differierende Interessen.“

    Die Frage sei, resümiert er, ob „wir diese differierenden Interessen erkennen, verstehen, formulieren und in praktische Politik mit einfließen lassen. Das ist keine einfache Sache, aber Europa tut sie auch, weil wir mit Sicherheit auch Dinge haben, die uns speziell angehen. Sie dürfen nicht unter den Tisch fallen.“

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    Tags:
    EU, Jean-Claude Juncker, Sergej Lawrow, Michail Schwydkoi, Russland, Deutschland
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