10:27 27 März 2017
Radio
    Markt in Athen

    Neue Welt ohne alte Titanen: „Vom engen Kreis der Großmächte nicht mehr aufzubauen“

    © Flickr/ Juan Verni
    Politik
    Zum Kurzlink
    33151862

    Das politische Universum des 20. Jahrhunderts löst sich endgültig auf. Um eine neue Welt aufzubauen, wären auch neue Grundsätze nötig. Denn es gibt inzwischen zu viele Länder, die bei diesem Bau mitreden wollen, betont der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow im Hinblick auf den Tod von Fidel Castro.

    In einem Gastbeitrag für die Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ schreibt Lukjanow, Fidel Castro habe einen der wichtigsten Trends des 20. Jahrhunderts verkörpert: eine Dekolonisierung, eine „massive Freisetzung der Energie der Massen“.

    „Die Bedeutung jenes Vorgangs wurde erst jetzt wirklich auffällig, während die bisherige Weltordnung endgültig Vergangenheit wird. Eine neue Welt (wie auch immer sie aussehen soll) lässt sich nicht mehr von einem engen Kreis der Großmächte aufbauen. Denn es gibt inzwischen zu viele Akteure, die einen gleichen Status beanspruchen und mitreden wollen. Es ist nicht mehr möglich, sie in Reihen marschieren zu lassen“, so Lukjanow.

    Fidel Castro zähle zu den „letzten Mohikanern“ jener Generation, die die Welt des 20. Jahrhunderts geprägt habe: „Unabhängig von ihren Ansichten und Positionen an den Fronten des Kalten Krieges ist die Vitalität, also die Lebenskraft jener Kohorte beeindruckend. Die letzten von ihnen verlassen das irdische Leben, wenn ihr politisches Universum zu Ende ist. Dieses Universum gerät nicht in Vergessenheit: Das vergangene Jahrhundert bleibt noch lange haften. Doch die Aufgaben und Herausforderungen, wie die Diplomaten zu sagen pflegen, sind schon ganz anders – ebenso wie die erforderlichen Antworten.“

     

     

    „Das Führungsproblem ist in der gegenwärtigen Weltpolitik längst akut, doch nun kommt es auch auf praktischer Ebene allmählich zum Vorschein. Die Ergebnisse von Wahlen und Volksentscheiden (Großbritannien und die USA sind wohl nicht die letzten Beispiele für überraschende Vorlieben der Wähler) demonstrieren immer wieder, dass man eher gegen als für etwas stimmt“, postuliert Lukjanow. 

    Weltweite US-Dominanz: Das Ende naht

    Er erläutert: „Einen Erfolg erzielen diejenigen, die sich der regierenden Klasse entgegensetzen – je spektakulärer, resoluter und provokativer, desto besser. Das ist ein Symptom, doch die Qualität der gewählten ‚Populisten‘ (eine schlaue Bezeichnung, die vom Establishment gern denen verpasst wird, die ihm nicht recht sind) lässt entweder zu wünschen übrig oder ist schlicht unklar. Mit anderen Worten: Die Politik ist vorerst nicht in der Lage, eine reale Alternative anzubieten, obwohl sie versucht, auf die Nachfrage nach einem starken und ‚anderen‘ Macher-Typen zu reagieren.“

    „Möglicherweise geht dies darauf zurück, dass die derzeitigen Bedrohungen und Erschütterungen einen sozusagen ‚verwackelten‘ Charakter haben, obwohl sie potenziell nicht weniger oder sogar mehr gefährlich sind als in den bisherigen Epochen. Sie ermöglichen (oder haben zumindest bis vor Kurzem ermöglicht) so zu tun, als ob alles in Ordnung sei und die bestehenden Mechanismen nur ein Justieren bräuchten. Die Herausforderungen des 20. Jahrhunderts waren dermaßen krass und augenfällig katastrophal gewesen, dass diejenigen, die damit fertig werden konnten, buchstäblich in den Vordergrund getrieben wurden. Hoffentlich wird man im laufenden Jahrhundert keine solchen Anlässe brauchen, um eine neue Generation der Titanen zu schaffen“, schreibt Lukjanow zum Schluss.

    Zum Thema:

    Stockende Globalisierung: „Bürger verstehen nicht mehr, wo die Politik sie hinführt“
    „Snowden“-Regisseur Stone: USA im Wahn um die „Herrschaft über die Welt“
    Krise der Außenpolitik: „Die Welt wird immer unfreundlicher zu den USA“
    Mit 90 Jahren: Fidel Castro ist tot
    Tags:
    Fidel Castro, USA, Kuba
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Alle Kommentare

    • zivilist
      ein bemerkenswerter Beitrag, gerade weil er die aktuelle Unsicherheit beschreibt und keine Antwort gibt, wo keine in Sicht ist.

      Eine Weltordnung wird es nicht geben, aber die Einigung, soweit eben möglich, auf Grundsätze ist dringend geboten. Aus der UN ist ein verkommener Haufen geworden.

      Der Kompaß des Westens ist der Profit, so sinnvoll das Einzelwirtschaftlich ist, so katastrophal ist es gesamtwirtschaftlich, global, zumal der größte und letzte Profit immer mit Waffen zu machen ist und das führt zwangsläufig zu Krieg, der den schnellsten Verbrauch und Umsatz generiert.
    • avatar
      Savin
      Huraa!
    neue Kommentare anzeigen (0)