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06:38 22 August 2019
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    Usbekische Frauen im Moskauer Flughafen „Wnukowo“, 1991

    Wie Millionen Sowjetbürger über Nacht Ausländer wurden

    © AFP 2019 / Michael Evstafiev
    Politik
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    Als die Sowjetunion am 8. Dezember 1991 zerfiel, befanden sich mehr als 28 Millionen Russen in den nationalen Sowjetrepubliken, also außerhalb der Russischen Föderation. Auch Millionen Ukrainer, Weißrussen, Kasachen usw., beinahe 15 Prozent der sowjetischen Bevölkerung) fanden sich auf einmal außerhalb ihrer historischen Heimat wieder.

    Schmerzhafte Trennung

    • Am 20. Mai 1989 wurde die Volksfront Moldawiens gegründet. Im Sommer 1989 fanden in Chisinau Demonstrationen unter dem Motto „Moldawien den Moldauern“ statt. Die Demonstranten forderten die politische und wirtschaftliche Souveränität Moldawiens sowie die Aufhebung der Folgen des deutsch-sowjetischen Paktes von 1939.
      Am 20. Mai 1989 wurde die Volksfront Moldawiens gegründet. Im Sommer 1989 fanden in Chisinau Demonstrationen unter dem Motto „Moldawien den Moldauern“ statt. Die Demonstranten forderten die politische und wirtschaftliche Souveränität Moldawiens sowie die Aufhebung der Folgen des deutsch-sowjetischen Paktes von 1939.
      © Sputnik / I. Zenin
    • Am 9. März 1990 verabschiedete der Oberste Rat der Georgischen SSR eine Resolution, die den Einmarsch der Truppen von Sowjetrussland nach Georgien im Februar 1921 als „Intervention und Okkupation“ wertete.
      Am 9. März 1990 verabschiedete der Oberste Rat der Georgischen SSR eine Resolution, die den Einmarsch der Truppen von Sowjetrussland nach Georgien im Februar 1921 als „Intervention und Okkupation“ wertete.
      © Sputnik / Oleg Lastochkin
    • Am 28 November 1990 wurde durch Wahlen der Oberste Rat Georgiens mit Swiad Gamsachurdia an der Spitze gebildet.  Auf dem Foto: Eine Demo auf den Straßen von Tiflis, 1990
      Am 28 November 1990 wurde durch Wahlen der Oberste Rat Georgiens mit Swiad Gamsachurdia an der Spitze gebildet. Auf dem Foto: Eine Demo auf den Straßen von Tiflis, 1990
      © Sputnik / Tsagarely
    • Streikende vor dem Sitz des Obersten Rats der Litauischen SSR in Vilnius, 1989.
      Streikende vor dem Sitz des Obersten Rats der Litauischen SSR in Vilnius, 1989.
      © Sputnik / Uloziavichius Audrius
    • Die erste Region, die ihre Unabhängigkeit erklärte, war die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Nachitschewan. Seit November 1990 ist die Republik ein autonomer Staat innerhalb der Republik Aserbaidschan.  Auf dem Foto: Armenische Sozialistische Sowjetrepublik, Grenze zur Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Nachitschewan, 1990
      Die erste Region, die ihre Unabhängigkeit erklärte, war die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Nachitschewan. Seit November 1990 ist die Republik ein autonomer Staat innerhalb der Republik Aserbaidschan. Auf dem Foto: Armenische Sozialistische Sowjetrepublik, Grenze zur Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Nachitschewan, 1990
      © Sputnik / Igor Mikhalev
    • Teilnehmer einer Antifa-Kundgebung in Tallinn, 1990.
      Teilnehmer einer Antifa-Kundgebung in Tallinn, 1990.
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    • Eine Demonstration der Regierungsgegner in Tallinn, 1991.
      Eine Demonstration der Regierungsgegner in Tallinn, 1991.
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    • Am 19. August 1990 wurde die „Erklärung über die Freiheit und die Unabhängigkeit des gagausischen Volkes von der Republik Moldawien“ verabschiedet.  Auf dem Foto: Mitglieder der freiwilligen Volksmiliz des Provisorischen Komitees der Republik Gagausien, 1990
      Am 19. August 1990 wurde die „Erklärung über die Freiheit und die Unabhängigkeit des gagausischen Volkes von der Republik Moldawien“ verabschiedet. Auf dem Foto: Mitglieder der freiwilligen Volksmiliz des Provisorischen Komitees der Republik Gagausien, 1990
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    Am 20. Mai 1989 wurde die Volksfront Moldawiens gegründet. Im Sommer 1989 fanden in Chisinau Demonstrationen unter dem Motto „Moldawien den Moldauern“ statt. Die Demonstranten forderten die politische und wirtschaftliche Souveränität Moldawiens sowie die Aufhebung der Folgen des deutsch-sowjetischen Paktes von 1939.

    Die UdSSR lebte wie ein einheitlicher Organismus. Alle Sowjetrepubliken tauschten ständig nicht nur Rohstoffe, Produkte und Waren, sondern auch die Menschen aus. Zum Zeitpunkt der Auflösung der Sowjetunion in 15 neue Staaten sei das ein sehr „bunter“ nationaler bzw. ethnischer Raum gewesen, schreibt RIA-Novosti-Kolumnist Wladimir Ardajew.

    Kennzeichnend war die Situation in Kasachstan: Laut der letzten sowjetischen Volkszählung im Jahr 1989 lebten dort Vertreter von mehr als 120 Nationalitäten. Dabei entfielen auf die Kasachen weniger als 40 Prozent.

    Aber weniger als 30 Jahre später hat sich die Situation grundsätzlich verändert. Inzwischen beträgt der Anteil der Kasachen mehr als 66 Prozent der Bevölkerung, wobei die Bevölkerungszahl um nur eine Million gestiegen ist – von 16,5 auf 17,5 Millionen Menschen.

    Ähnlich entwickelte sich die demografische Situation auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken.

    Nouruz-Tag in Kasachstan, 1981
    © Sputnik / Yutiy Luschin
    Nouruz-Tag in Kasachstan, 1981

    Zunehmender Nationalismus

    Die „Heimkehr“ der UdSSR-Einwohner in ihre nationalen Republiken habe noch lange vor dem Zerfall des Landes begonnen, sagt der Experte des Instituts für sozialpolitische Forschungen bei der Russischen Akademie der Wissenschaften, Leonid Rybakowski. Eine relativ „sanfte“ Verdrängung der Einwohner anderer Nationalitäten aus diesen oder jenen Sowjetrepubliken habe sich noch in den 1970er-Jahren beobachten lassen.

    „Seit etwa 1975 war in der damaligen RSFSR der ‚Saldo‘ der Migration aus den transkaukasischen Republiken, und zwar aus Armenien, Aserbaidschan und Georgien positiv. Etwas später begann die Rückkehr der ethnischen Russen aus Kasachstan und Mittelasien“, so der Experte. Das sei mit einem Anstieg des Nationalismus verbunden gewesen, allerdings nicht auf politischer Ebene, sondern im Alltag. „Nach dem UdSSR-Zerfall beschleunigten sich diese Migrationsprozesse rasant“, so Professor Rybakowski.

    Nach seinen Worten wurde dieser Trend nicht zuletzt durch den damaligen Aufschwung von nationalistischen Stimmungen in den ehemaligen Sowjetrepubliken angespornt, diesmal aber auch auf der politischen Ebene. Als souveräne Staaten wollten sie sich behaupten und „Fremdlinge“ loswerden.

    Flüchtlinge aus Berg-Karabach, 1993
    © Sputnik / R. Mangasaryan
    Flüchtlinge aus Berg-Karabach, 1993

    Verdrängung der „Fremdlinge“

    Der Aufschwung der Migrationsprozesse zwischen den neu entstandenen Staaten auf den Ruinen der Sowjetunion sei durch die Handlungen von jungen nationalistischen Regierungen ausgelöst worden, so Rybakowski.

    Die Migrationsprozesse der 1990er-Jahre wurden vor allem dadurch bedingt, dass in die Ex-Sowjetrepubliken vor allem Vertreter der jeweiligen Völker kamen und Vertreter anderer Ethnien diese Länder verließen.

    Zwischen 1989 und 2003 sei die Zahl der Ukrainer in Russland um 17 200 geringer geworden; dafür aber seien 351 600 Russen aus der Ukraine heimgekehrt; 7400 Kasachen seien weggegangen, aber 1,267 Millionen Russen aus Kasachstan zurückgekommen. Aus Mittelasien seien 1,091 Millionen ethnische Russen zurückgekehrt, aus Transkaukasien 393 800, aus den baltischen Ländern 201 700, führte der Professor an.

    „Das war eine gewollte Politik: möglichst viele Vertreter anderer Ethnien aus den nationalen Republiken verdrängen und sie durch Heimkehrer ersetzen. Sie wurde in den meisten Ex-Republiken ausgeübt – außer vielleicht in Russland und Weißrussland. In Lettland und Estland wurde den ‚Fremdlingen‘ einfach die Einbürgerung verweigert. Überall wurde die Sprachpolitik intensiv eingesetzt; es wurden Gesetze und Regeln zur Einführung von ethnischen ‚Filtern‘ bei der Anstellung von Mitarbeitern usw. angewandt“, sagte die Leiterin der Abteilung für Diaspora und Migration beim Institut für GUS-Länder, Alexandra Dokutschajewa.

    Vilnius, 1990
    © Sputnik / Vladimir Vyatkin
    Vilnius, 1990

    Deutsche Diaspora

    Die ehemaligen Sowjetrepubliken verließen natürlich nicht nur ethnische Russen. In Kasachstan hatten beispielsweise im Moment des UdSSR-Zerfalls fast eine Million ethnische Deutsche gelebt, was etwa die Hälfte der gesamten sowjetischen deutschen Diaspora ausmachte. Viele von ihnen wanderten nach Deutschland aus. Um die ethnischen Russen sei die Situation allerdings anders gewesen, so Expertin Dokutschajewa. Die meisten von ihnen seien damals in den nationalen Republiken geblieben.

    Zwischen 1992 und 2013 betrug das durch die Migration bedingte Bevölkerungswachstum in Russland laut dem Institut für GUS-Länder 9,6 Millionen Menschen. 65,1 Prozent der Einwanderer waren ethnische Russen, hauptsächlich aus den einstigen Sowjetrepubliken.

    Russlanddeutsche in Darmstadt
    Russlanddeutsche in Darmstadt
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    Alexandra Dokutschajewa, Wladimir Ardajew, Ukraine, Lettland, Estland, Weißrussland, Deutschland, Russland, Kasachstan, UdSSR