12:58 21 November 2018
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    Friedensforscher Ganser: Dieses Putin-Bashing ist für mich völlig unverständlich

    © Sputnik / Vladimir Astapkovich
    Politik
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    „Illegale Kriege: Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren“ lautet der Titel des neuen Buches von Dr. Daniele Ganser. Nun war der Historiker und Friedensforscher für einige Buchvorstellungen in Berlin. Sputnik-Korrespondent Bolle Selke traf den namhaften Friedensforscher, um über das aktuelle Politikgeschehen zu sprechen.

    Alle fünf Vorträge im Kino Babylon waren mit fünfhundert Plätzen jedes Mal ausverkauft. Auch das Buch Illegale Kriege ist innerhalb von zwei Monaten bereits in der4. Auflage erschienen. Der Experte vom Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) erklärt sich den Erfolg damit, dass das Thema illegale Kriege ein Thema sei, welches die Menschen beschäftige. Viele würden sich wünschen, aus der Gewaltspirale auszusteigen. Das wiederum sei bei der aktuellen internationalen Politikstruktur allerdings nicht so einfach. Unter anderem sei eine Umstrukturierung der Uno längst überfällig.

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    Leider gehe es aber heutzutage noch viel zu häufig um Macht und nicht um Recht, wie der Historiker am Beispiel des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) erläutert:

    Operation der NATO gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien
    © AFP 2018 / Jean-Philippe Ksiazek

    „Der ICC ist noch ein sehr junges Gremium und hat jetzt noch nicht einmal seinen 20jährigen Geburtstag hinter sich. Wenn man das mit einem Menschen vergleicht, dann ist er jetzt in der Pubertät. Aber man kann schon von einer Krise sprechen, weil er zu Beginn nur afrikanische Potentaten verurteilt hat. Er wurde aber nicht aktiv, als der amerikanische Präsident George Bush und der britische Premierminister Tony Blair 2003 den Irak angegriffen haben. Obwohl das natürlich ganz eindeutig ein Angriffskrieg war der gegen die UNO-Charta verstoßen hat. Eigentlich hätten Bush und Blair vor dem ICC in Den Haag erscheinen müssen. Man hätte ihnen den Prozess machen müssen, aber sie sind einfach zu mächtig. Darum ist das nicht passiert. Die Amerikaner haben sogar explizit gesagt, wenn ihr einen amerikanischen Präsidenten, oder auch einen Offizier vor den ICC bringt, dann werden wir erstens, das Urteil nicht anerkennen und zweitens werden wir Kampfflugzeuge Panzer und Schiffe schicken um ihn da raus zu holen. Das hat überhaupt nichts mit Recht zu tun, sondern mit Macht."

    Auch die Pläne zu einer Aufrüstung innerhalb der Europäischen Union sieht der Friedensforscher sehr skeptisch. Die These, dass man im 21. Jahrhundert  Probleme der Welt mit Gewalt lösen könnte, teilt er nicht. Das sehe man in Afghanistan, im Irak und in Libyen. Das sei alles verbrannte Erde.

    Das Nato-Budget betrage schon 900 Milliarden Dollar pro Jahr. Russland habe einen Verteidigungsetat von 90 Milliarden. Das Nato-Budget sei also zehnmal höher und der Anteil der USA daran sei 600 Milliarden Dollar. Dr. Ganser spricht da vom militärisch-industriellen Komplex. Er führt aus:

    „Der Begriff kommt von Präsident Eisenhower. Der hat da in seiner Abschiedsrede vor gewarnt. Dieser Komplex versucht immer wieder mehr Geld an sich zu ziehen. Ich finde es bedauerlich, dass Frau von der Leyen hier eigentlich in dasselbe Horn bläst. Der Leistungsnachweis, was man mit dem Geld gemacht hat, ist ja absolut jämmerlich. Wenn man die Länder beobachtet, wo der militärisch-industrielle Komplex gewütet hat, dann weiß man, da möchte man seine Kinder auf keinen Fall in die Schule schicken." 

    Auch die aktuelle Russland-Kritik, die aktuell in Medien und Politik vorherrscht, kann der Publizist nicht nachvollziehen. Dieses „Putin-Bashing“, das in Deutschland passiere, sei für ihn als Schweizer völlig unverständlich. Er beobachte die Sache ein bisschen aus der Distanz und er könne nur sagen, dass die Wiedervereinigung von Deutschland nur möglich gewesen sei, weil die Sowjetunion ihre Soldaten aus der DDR abgezogen habe — und zwar, wie Dr. Ganser betont, ohne einen Schuss zu feuern. Deutschland müsse Russland gegenüber dankbar sein. Es bringe auch der deutschen Wirtschaft überhaupt nichts, dass man Sanktionen gegen Russland fahre.  Er stellt fest:

    „Wenn man über den Teich nach Amerika blickt, dann sieht man, das Geostrategen wie George Friedman sagen, dass die Deutschen und die Russen sich gegenseitig töten sollten. Man sollte sie aufeinanderhetzen, damit sie viel eigenes Blut verlieren und dadurch schwächer werden. Es ist also nur im Interesse der USA, Deutschland und Russland zu spalten und gegeneinander zu hetzen. Deutschland sollte sich dem nicht unterwerfen, sondern man sollte die Achse Berlin-Moskau freundschaftlich gestalten. Natürlich sollte auch die Achse Berlin-Washington freundschaftlich sein. Die Achse Berlin-Bern sowieso. Das wird für alle einen größeren Gewinn abwerfen.“

    Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Sanktionen, NATO, Wladimir Putin, Russland