20:24 18 August 2017
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    Eine Kundgebung in Jordanien gegen Beteiligung Russlands an der Anti-Terror-Operation in Syrien und Aleppo - Archivbild

    Feindbild Russland in Aleppo: Experte über „jämmerlichen Zustand“ deutscher Medien

    © REUTERS/ Muhammad Hamed
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    Ost-Aleppo: Medien berufen sich vorwiegend nur auf rebellennahe (sprich: terroristennahe) Quellen. „Traut man uns nicht zu, differenziert und kritisch zu lesen und zu hören? Oder will man ungestört am Aufbau des Feindbildes Russland arbeiten?“, fragt Albrecht Müller, SPD-Urgestein sowie Herausgeber von NachDenkSeiten seine Leser.

    „Deutschlandfunk, ARD-Tagesthemen, ZDF-heute Journal, Spiegel online usw. – sie alle informieren und kommentieren total einseitig. Sie bedienen sich zweifelhafter Quellen und lassen weg, was nicht in das zu vermittelnde Bild passt“, so der Publizist.

    Als anschauliche Beispiele dafür zitiert der ehemalige Politiker weiter Berichte und Kommentare der renommiertesten deutschen Medien.

    „Die Rebellen stehen laut Beobachtern in Aleppo kurz vor der Niederlage: Journalisten und Zivilisten veröffentlichen Videos aus dem Krisengebiet – es sind Hilferufe an die Welt“, so Spiegel Online am 13. Dezember, nachdem die syrische Armee mit Unterstützung Russlands einen Großteil der Stadt befreit hatte.

    Westliche Medien am Haken der Terroristen…
    © Sputnik/ Vitaliy Podvitskiy

    In dem Artikel wird nicht erwähnt, dass die sogenannten Rebellen zu den Terrorgruppierungen Ahrar al-Scham und der Jabhat Fatah al-Sham (frühere Al-Nusra-Front) gehören und aktuellen UN-Angaben zufolge die Einwohner daran hinderten, aus dem Stadtteil abzuziehen und sich zudem selber als Zivilisten ausgaben. Auch nicht darüber, dass die Aufständischen dem russischen Verteidigungsministerium zufolge den Waffenstillstand für eine Umgruppierung sowie die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen ausnutzten.  Doch statt Echtzeit-Videos russischer Beobachtungskameras, die den Abzug der Zivilisten sowie der Aufständischen filmen, veröffentlicht Spiegel Online diverse Videos von „Aktivisten“.

    Ob es sich bei all den „Hilferufen aus Aleppo“, sprich Videos und Tweets, um authentische Aufnahmen handele, sei „nicht immer zweifelsfrei zu klären“, schreibt das Magazin weiter. „Nach unseren Recherchen“ (also den Recherchen von Spiegel-Online) gelten die im Artikel veröffentlichten aber als „glaubhaft“.  Die „Glaubhaftigkeit“ hängt dabei offenbar direkt von den Retweets ab: „Das Video wurde vielfach retweetet, etwa von der Hilfsorganisation der Syrischen Weißhelme, die in diesem Jahr den Alternativen Nobelpreis erhält“, so das Spiegel-Magazin. Und wieder kein Wort darüber, dass sich diese NGO, die große Spenden aus EU-Ländern und der USA bekommt, vor allem in den von Dschabhat al-Nusra kontrollierten Gebieten aufhält.

    Müller kommentiert dies wie folgt: „Es wird nur die eine Seite zitiert und nur in ihrem Sinne kommentiert. So werden die Weißhelme als neutrale Hilfsorganisation dargestellt und nicht als vom Westen inspirierte und finanzierte Organisation.“ 

    Es werde wiederum auch nicht erwähnt, dass die Weißhelme von einem britischen Geheimdienstler in der Türkei gegründet worden seien und dass Teile der Stimmen in den erwähnten Videos von Geheimdiensten und PR-Agenturen arrangiert sein könnten.

    „Der Missbrauch des Elends vieler Menschen in Aleppo und anderen Teilen des Nahen und mittleren Ostens für die westliche Propaganda ist grauenhaft“, betont der Ex-Politiker.

    Weiter prangert Müller eine Ausstrahlung der Sendung „Tagesthemen“ am 13.12.2016 mit der Moderatorin Caren Miosga an: „Die einseitige Indoktrination beginnt schon mit dem ersten Satz. Der lautete: ‘Sie fliehen aus Ost-Aleppo. Tausende verlassen ihre Stadt, denn dort hat nun Assads Armee die Kontrolle übernommen.‘ Da fehlt jeder differenzierende Ton. Sind die Menschen wegen Assads Armee geflohen oder weil es dort nichts mehr zu essen und vermutlich auch keine Wohnungen mehr gibt?“

    Die Moderatorin hätte laut Müller genauso gut sagen können, dass Tausende das zerstörte Ost-Aleppo nun verlassen könnten, nachdem dort die syrische Armee die Kontrolle übernommen habe. 

    „Warum indoktrinieren unsere öffentlich-rechtlichen Medien, das Heute journal genauso wie die Tagesthemen, ihre Zuschauer? Warum bringen sie nicht Nachrichten aus anderen Quellen? Nicht aus russischen, nicht aus syrischen, nur von den sogenannten Rebellen?“, fragt er.

    So zeichne zum Beispiel der (auf Sputnik und RT veröffentlichte) Bericht der kanadischen Journalistin Bartlett ein ganz anderes Bild der Entwicklung in Aleppo und hinterfrage die Glaubwürdigkeit der Quellen (darunter auch der Weißhelme), deren sich westliche Medien bedienen.

    „Wenn man so etwas in Deutschland sehen will, dann muss man in der Regel auf russische Medien zurückgreifen. Deshalb ist die Polemik gegen die von Moskau finanzierten Medien unangebracht. Sie wäre angebracht, wenn unsere deutschen Medien ihrer Aufgabe zur umfassenden Berichterstattung gerecht würden“, so der Publizist.

    Ein weiteres Beispiel alternativer Quellen sei ein Video von RT Deutsch, welches das US-Außenamt in Erklärungsnot zeigt: Erneut erwähnt dort der US-Außenamtssprecher John Kirby diverse „reputable Hilfsorganisationen“ (gemeint sind wohl die Weißhelme), die als Quelle für die solch düstere Berichterstattung über Ost-Aleppo dienen.

    „Unter den gegebenen Umständen müssen wir sogar froh sein, dass Russland über seine Medien im Westen – wie RT Deutsch oder Sputnik – ergänzende Informationen und Kommentierungen liefert“, schreibt Müller. „Das schmeckt den Offiziellen in der Politik und bei den Medien nicht. Warum nicht? Traut man uns nicht zu, differenziert und kritisch zu lesen und zu hören? Oder will man ungestört am Aufbau des Feindbildes Russland arbeiten?“

    Er stelle mit Erschrecken fest, dass die Indoktrination auch dann wirke, wenn sie ausgesprochen primitiv angelegt sei. So habe auch der Deutschlandfunk in seinen Kommentaren ein „Meisterstück der einseitigen Diffamierung Russlands“ abgeliefert. Dort werde unter anderem erwähnt, dass Russland  „Bomben werfe und zugleich Nebelkerzen zünde“ und sich hinsichtlich einer Waffenruhe mit seinem „mörderischen Vorgehen“ in Aleppo längst disqualifiziert habe.

    „Offenbar sind viele Menschen schon so abgestumpft und so vorgeprägt oder einfach nur müde, dass sie jede weitere antirussische Botschaft willig aufnehmen. Mit Ausnahmen natürlich. Aber man sollte sich keine Illusionen machen“, so der SPDler. 

    In diesen Tagen sei ihm klargeworden, wie das feindselige Hochschaukeln in Deutschland vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg betrieben worden sei: „Von den Tugenden und der friedlichen Grundeinstellung der Entspannungspolitik der sechziger und siebziger Jahre finden wir keine Spur mehr: Sich in die Lage des anderen versetzen, Vertrauen bilden, ein Volk der guten Nachbarn sein wollen, verständigen, versöhnen.“

    Indem das Wort „Lügenpresse“ zum Unwort erklärt worden sei, sei einer breiteren Öffentlichkeit sogleich vermittelt worden, dass die Mehrheit der Medien mit Lügen nichts zu tun habe. Zur selben Zeit sei die Behauptung, dass die Medien nur lügen würden, aber ebenfalls unangebracht:

    Man könnte und sollte sich aber nach Meinung des ehemaligen Politikers an solche „meisterhafte“ Verbreitung von Unwahrheiten erinnern, wie die von deutschen Medien für die Austeritätspolitik des deutschen Bundesfinanzministers und seiner Kanzlerin bekundete Bewunderung, die unkritische Begleitung der Agenda 2010 und ihre nachträgliche Rechtfertigung sowie die zustimmende Begleitung des Jugoslawienkonflikts 1999 und  das Verschweigen der illegalen Kriege des Westens und der USA vom Iran 1953 bis Syrien 2016.

    „Unsere Hauptmedien sind in einem jämmerlichen Zustand. Sie manipulieren schamlos. Aber sie glauben, sie seien die Speerspitze der Aufklärung“, so Müller.

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    Tags:
    Jabhat Fatah al-Sham, Ahrar al-Scham, Al-Nusra-Front, RT, Deutschlandfunk, Der Spiegel, ZDF, ARD, Sputnik, Albrecht Müller, John Kirby, Baschar al-Assad, Wladimir Putin, Aleppo, Syrien, Deutschland, Russland
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