02:45 25 März 2017
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    Syrische Soldaten in Aleppo

    Willy Wimmer zu Aleppo-Berichterstattung: „Man macht bei uns Perversion zum System“

    © AFP 2017/ George Ourfalian
    Politik
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    Willy Wimmer, früherer Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE und Ex-Staatssekretär beim Bundesverteidigungsminister, findet es nicht überraschend, dass die Uno, aber auch die westlichen Leitmedien Fake News über die Entwicklung in Aleppo verbreiten.

    Diese Medien seien längst darauf ausgerichtet, die Kriegspolitik der Nato zu unterstützen, meint er.

    Herr Wimmer, am Dienstag hat die UN einen Bericht veröffentlicht, in dem sie behauptet, in Ost-Aleppo würden massenhaft Zivilisten durch Regierungstruppen getötet, entführt und gefoltert werden. Woher die Information kommt, ist dabei nicht klar, im Bericht wird lediglich auf „vertrauenswürdige Quellen“ verwiesen. Wie ist ein solcher Bericht zu werten?

    Wir müssen leider seit vielen Jahren davon ausgehen, dass, beginnend bei der OSZE über das Rote Kreuz und bis zu den Vereinten Nationen, Berichte dieser Art im amerikanischen oder angelsächsischen Interesse geschrieben werden. Wir haben in den internationalen Organisationen gesehen, dass die ansonsten objektiven Berichte vor der Veröffentlichung dem amerikanischen Botschafter oder Chefdelegierten vorgelegt werden mussten, damit die amerikanische Sicht der Dinge der Welt präsentiert werden konnte.

    Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung muss man davon ausgehen, dass das ein durchgehendes Muster ist. Ich erwähne auch deshalb das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, weil es aus meiner Sicht nicht angeht, dass der Hauptfinancier dieser wichtigen Organisation die Vereinigten Staaten sind und europäische Staaten gerade einmal ein oder zwei Prozent dazu beitragen. Wenn man wirklich wissen müsste, was in unterschiedlichen Teilen der Welt passiert, müsste das staunende Publikum davon ausgehen können, dass diese Berichte fair sind. Die Erfahrung der letzten 20  Jahre zeigt aber, dass diese Erwartung in der Regel nicht gerechtfertigt ist.

    Was bezweckt die UN zum jetzigen Zeitpunkt damit?

    Die einzigen Staaten, die in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht in Syrien engagiert sind die legitime syrische Regierung selbst, die Russische Föderation und der Iran. Im Zusammenhang mit den Entwicklungen der letzten fünf Jahre sind sie aber auf keine nennenswerte Unterstützung der Vereinten Nationen gestoßen. Aus dem Jugoslawien-Krieg wissen wir ja, dass die Vereinten Nationen zum aggressiven Instrument der Nato geworden sind. Das zieht sich wie ein roter Faden durch alles durch und unterminiert das so notwendige Vertrauen der internationalen Staatengemeinschaft und der globalen Bevölkerung in so wichtige Einrichtungen wie Rotes Kreuz, OSZE und Vereinte Nationen. Hier wird im amerikanischen oder angelsächsischen Interesse Kriegspolitik betrieben und bei den vereinten Nationen gibt es genügend Kräfte, die sich nicht scheuen, auf diesem Klavier zu spielen.

    Der russische Außenminister Lawrow hat bereits auf den Bericht reagiert und gesagt, dass Hilfsorganisationen vor Ort die geschilderten Gräueltaten nicht bestätigen können. In den westlichen Medien wird der UN-Bericht aber ohne Hinterfragung weiter verbreitet. Was halten Sie davon?

    Das ist die Kriegsleier im Westen, die wir seit 1999 und dem Krieg gegen Belgrad haben. Die westlichen Leitmedien sind darauf ausgerichtet, die Kriegspolitik der Nato oder der Kriegsmächte Vereinigte Staaten, Großbritannien und Frankreich offensiv zu unterstützen. In den Blättern ist nicht der geringste Zweifel zu finden – ein Zweifel, der früher zwangsläufig da gewesen wäre, wenn man es mit solchen Erscheinungen zu tun gehabt hätte. Wir sehen auch an Organisationen, wie der Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die aus Großbritannien agiert, oder den Weißhelmen, die als Hilfsorganisation international gehandelt werden, aber selber dem größten Zweifel unterliegen, zu welchen Kapriolen sich inzwischen der Westen durchgerungen hat. Das macht natürlich das internationale Vertrauen zunichte und die eigenen Bevölkerungen glauben unseren Regierungen ja auch nichts mehr.

    Albrecht Müller, Herausgeber der NachDenkSeiten hat ebenfalls in einem detaillierten Artikel gezeigt, wie einseitig die westliche Medienberichterstattung ist. Beispielhaft dafür veröffentlichten Spiegel Online und andere Videos mit angeblichen Hilferufen von festsitzenden Menschen aus Aleppo, deren Echtheit nicht geklärt ist, während russische Beobachtungskameras in Echtzeit die Evakuierung von Zivilisten und Aufständischen zeigten. Wie kann man dieses Ungleichgewicht in den deutschen Medien vertreten?

    Das ist Regierungspolitik, das ist offensive Nato-Politik. Wir wissen ja, dass der Kommunikationsdirektor der Nato jener unglückliche Jamie Shea ist, der 1999 die Öffentlichkeit jeden Tag in den Krieg geprügelt hat und anschließend alles getan hat, um diese Kriegsbereitschaft aufrecht zu erhalten. In einer solchen Situation können Sie im Westen nicht davon ausgehen, dass nur im Ansatz eine faire Berichterstattung erfolgt. Spätestens seit dem zweiten Irakkrieg und den Dingen, die man uns im Zusammenhang mit Kuweit vorgelogen hat, dass sie im Wesentlichen von amerikanischen PR-Agenturen stammen.

    Wenn vor zwei Jahren zum ersten Mal in der modernen deutschen Geschichte im Bundeskanzleramt  Wert darauf gelegt wird, dass man sogenannte Spin-Doctores beschäftigt, dann weiß man, wohin die Reise geht. Wer glaubt denen hier noch was? Eigentlich niemand mehr, sie glauben sich doch selbst nichts mehr!

    Auf Sputnik-Anfrage wollten die Verantwortlichen des UN-Berichts Ihre Quellen nicht nennen, es hieß, aus Gründen des Quellenschutzes. Sollte bei so schweren Anschuldigungen die UN nicht verpflichtet werden, ihre Quellen transparent darzustellen?

    Die Vereinten Nationen müssen wieder ihren alten Charakter im Zusammenhang mit dem Dienst am internationalen Frieden zurückgewinnen. Solange sie als Hilfsorgan der Nato angesehen werden müssen, glaubt denen sowieso niemand. Und vor diesem Hintergrund ist es auch mehr als zwangsläufig, dass man Sputnik und anderen, die wissen wollen was Sache ist, solch fadenscheinigen Begründungen liefert. 

    Auf dem EU-Gipfel in Brüssel hat Kanzlerin Merkel Russland und Iran ganz offen Verbrechen vorgeworfen. Kann sie sich das zum jetzigen Zeitpunkt erlauben?

    Offensichtlich kann die Dame sich alles erlauben. Aber man muss ja nur in die deutsche Öffentlichkeit hineinhorchen, um festzustellen, dass das den Leuten zum einen Ohr rein geht und zum anderen Ohr wieder hinaus. Das hat auch damit zu tun, dass in Deutschland und anderen europäischen Staaten alle wissen, dass es die Amerikaner, die Briten und die Franzosen gewesen sind, die über Spezialkräfte die Entwicklung in Syrien so befeuert haben, dass es überhaupt erst zu einem fünfjährigen Konflikt dort gekommen ist. Wo ist eigentlich die Stimme der deutschen Bundeskanzlerin gewesen, als dies nachweislich durch unsere Bündnispartner geschehen ist? Wo hat Frau Merkel dazu aufgerufen, von diesem schändlichen Handeln abzulassen? Und dazu muss man noch sagen: Diejenigen, die völkerrechtswidrige Kriege zu verantworten haben, sind dann wie Tony Blair anschließend auch noch europäische Repräsentanten für genau den Raum im Nahen und Mittleren Osten geworden. Das heißt, man macht bei uns die Perversion zum System. Und da muss man sich natürlich fragen, wo hat denn damals Frau Merkel dazu beigetragen, den britischen Premierminister dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zuzuführen? Das ist doch der Ausgangspunkt der Entwicklung, mit der wir es jetzt zu tun haben. Und das sehen in Deutschland viele Menschen so. 

    Interview: Ilona Pfeffer

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    Tags:
    Medien, Willy Wimmer, Westen, Aleppo, Syrien
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    • Denk mit!
      Mit dem Idiotensatz "wir schaffen das" hat unsere westliche Wertegemeinschaft nur die Leute gemeint, die ihnen für ihre politischen Ziele hilfreich war und sind! Alle Andere können verrecken, siehe WEST und OST Aleppo und ganz Syrien!
      Diese Doppelmoral schreit zum Himmel. Was sind wir für eine Gauner-Gesellschaft, wenn es um Waffen und Freunde geht!
    • Germane
      Die Perfidität des Westen ist "alternativlos" !
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      viceman
      es ist schon bezeichnend, daß leute wie wimmer das auch erkennen. diese von propaganda triefende berichterstattung, diese krokodilstränen von leuten wie merkel- die ja am liebsten selbst in den irak-krieg gezogen wäre oder dem fetten franzmann , der keine propleme damit hat ,daß die französiche luftwaffe in libyen alles zusammenbombte... unfaßbar ! dazu diese unablässigen unterstellungen den russen gegenüber. der neue fein ist für diese leute russland und der neue satan dann putin- wie so etwas endet, haben wir von 100 jahren schonmal gesehen...
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      sergej
      Da das Handeln der westlichen Regierungen, der Nato und der UN erwiesenermaßen Verbrechen gegen das internationale Völkerrecht sind, von der Waffenlieferung bis hin zur Verleumdung, sollte schnellst möglich ein internationales Strafgericht die Prozesse gegen jene Verbrechen eröffnen. Die Kläger sind zigtausende. Auch wenn die Damen und Herren nicht vor Gericht erscheinen, sollte in ihrer Abwesenheit ein Urteil beschlossen werden, welches ihnen internationales Handeln unmöglich macht. In den vom Krieg betroffenen Ländern sollten Haftbefehl vorliegen.
    • Isnogud
      Mutti lügt wie gedruckt.
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      paulus
      Die westlichen regierungen, EU kommission und leitmedien sollten sich am besten gar nicht mehr öffentlich äussern und die führungsfiguren gehören ausgetauscht. Danke, Sputnik, für das gelungene kurzinterview.
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      info
      Der Embedded journalism, im III Weltkrieg, gegen Russland und der gesamten Freiheitlich und Demokratisch gesonnenen Menschheit.
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      fra4121
      Die letzten Tage vor dem Bürgerkrieg?! Teil 1: „Ich f*** Dich auf dem Rücken Deiner Mutter“

      So hat die Polizei auf höhere Weisung hin bereits in mehreren Migrationsvierteln das „Funktionieren“ von Schariagerichten zu akzeptieren. Als „Vertreter“ dieser Nebenjustiz in voller Uniform, mit weithin lesbarem Aufdruck „Schariapolizei“ Streife gingen, wurde das von Richtern als rechtskonform durchgewunken.

      www.compact-online.de/die-letzten-tage-vor-dem-buergerkrieg-teil-1-ich-f-dich-auf-dem-ruecken-deiner
    • WienerKarlAntwort anIsnogud(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Isnogud, Bitte diese Dame niemals mehr Mutti nennen, sie ist keine Mutter und hat es sich niemals verdient, mit Mutti angeredet zu werden. Das Wort Mutti aus dem Kindermund bedeutet ein besonderes, intimes Verhältnis. Und ein solches ist mit dieser Dame nicht vorstellbar.
    • IsnogudAntwort anWienerKarl(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      WienerKarl, ich gebe Ihnen Recht, außerdem hat sie ja keine Kinder.
    • Piero DoldiAntwort anWienerKarl(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      WienerKarl, mein Vorschlag wäre Sanktionstante oder Stiefmutter der sozialen Gerechtigkeit oder?
    • Piero DoldiAntwort anviceman(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      viceman, Sie fassen es rasch und richtig zusammen. Doch mittlerweile verheddern sich diese Antidemokratiedemokraten schon selbst in diesen von Ihnen forcierten Falschmeldungen und Fakes. Merkel und Co wissen, dass Ihre Zeit abläuft und sich einiges ändern wird. Vermutlich besprechen Sie hinter den Kulissen gerade eine gravierende Regieänderung, können aber wegen zu großer, auffälliger Glaubwürdigkeitsprobleme die ersten zaghaften Kontakte und Gesten nach Osten noch nicht ausführen. Ich bin gespannt wie verkrampft sich der US-Paradigmenwechsel in der deutschen Russlandpolitik darstellt?
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      lwAntwort ansergej(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      sergej, meine volle Zustimmung. Man muss diesen Leuten einen Spiegel vorhalten und den Menschen in der ganzen Welt zeigen, was diese Verbrecher getan haben. Es muss ein Tribunal geben.
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      palmakunkelAntwort anWienerKarl(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      WienerKarl, Eine Mutti hat zudem Kinder. Der Volksmund meint es eher spöttisch, wenn er Merkel als „Mutti“ bezeichnet. Ansonsten wird "Mutti" als eine Mutti inszeniert. Für das infantile Publikum.
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      flory
      Sehr gut Herr Wimmer!
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      Eugen
      Was wollen diese geistigen Elendsakrobaten von Politikern dieser levantinischen Bauernschläue entgegensetzen, wenn sie laufend über ihren induzierten und fremd- oktroyierten humanitären Nasenring stolpern, und das auch noch gut finden...?


      Geht alles noch besser, 36.000 Klagen von Flüchtlingen sind u.a. in Sachen „Familiennachzug“ bei deutschen Gerichten anhängig, ich fasse folglich kurz zusammen:

      Unser Land wird in jeder Hinsicht, ob im Alltag, in den Medien, in der Justiz, in den Gesprächen der Menschen untereinander usw. ausschließlich und nur noch von „Islam, Syrien und Terror“ beherrscht, alltägliche Dinge des öffentlichen Lebens, des Geschehens generell finden keinen Raum mehr.

      O-Ton RA Lutz Schaefer
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      a16348
      In diesem Zusammenhang frage ich mich immer, wie man die zahlreichen progressiven unabhängigen Kräfte so vereinen kann, dass sie ein ernsthaftes Gegengewicht zu den "Qualitätsmedien" darstellen. Die Nachdenkseiten sind sicher ein Schritt auf diesem Weg, erreichen aber nicht die Breite, die man sich wünschen sollte.
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      b.musowAntwort anWienerKarl(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      WienerKarl, genau so ist es. Sie ist das Sprachrohr der US-Eliten und williger Erfüllungsgehilfe. Das sie weiblichen Geschlechts ist ist eine Laune der Natur und reiner Zufall.
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      veritas2014
      Gegen die Lügenpropaganda des Westens kann man nur Aufklärung setzen im Westen. Den Anderen bleibt nur die konsequente Verteidigung.
      www.veteranstoday.com/2016/12/16/vladimir-putin-to-nwo-agents-and-barack-obama-so-you-want-to-get-in
    • Josef Kandl
      Zitat Wimmer: "Ich erwähne auch deshalb das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, weil es aus meiner Sicht nicht angeht, dass der Hauptfinancier dieser wichtigen Organisation die Vereinigten Staaten sind und europäische Staaten gerade einmal ein oder zwei Prozent dazu beitragen."
      Das war mir neu. Warum ist das so? Warum die USA als Hauptfinanzier?
      War es nicht der Schweizer Henry Dunant der das Rote Kreuz gegründet und die Genfer Konvention initiiert hat und dafür 1901 den Nobelpreis erhielt.
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