05:13 25 Februar 2020
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    Europas Sicherheitsbehörden sind noch nicht vorbereitet auf diese neue Art des Terrors, meint der Sicherheitsexperte Uwe Kranz im Zusammenhang mit dem jüngsten Anschlag in Berlin. Sicherheitsberater Kranz war in leitender Funktion bei Europol tätig und Chef der Polizei in Thüringen.

    Herr Kranz, inwieweit wissen die Sicherheitsbehörden inzwischen Bescheid über Terrortaktiken des IS bzw. des Daesh in Europa?

    Nun, es ist alles längst bekannt und längst auch lesbar gewesen, ob das jetzt in Fachliteratur oder in monatlichen Magazinen veröffentlicht worden ist, oder jetzt hier eventuell sogar im Daesh-Magazin „Dabiq“ oder „Dar al-Islam“. Wenn man da reinguckt, kann man das alles lesen, das ist alles nichts Unbekanntes. Die Zielrichtung ist klar: Man will den Krieg in das Herz Europas tragen – das hat man ja seit Monaten, seit Jahren auch schon getan. Bislang waren wir relativ davon nicht betroffen. Aber dass es uns treffen wird, war klar, und es war auch den Behörden klar.

    Gibt es inzwischen Terrorabteilungen bei den Sicherheitsbehörden und sind diese gut genug ausgebildet und im Thema drin? Es ist vieles auf Arabisch.

    Das ist das Problem, das man hat. Diese Spezialisten kann man nicht von den Bäumen schütteln, die müssen ausgebildet, herangebildet, ausgewählt werden. Und dann sind wir auch bei dem Thema der Auswahl. Die Geschichte des Sympathisanten beim Verfassungsschutz ist ja auch jedem bekannt. Man muss da vorsichtig vorgehen, langsam vorgehen, man hat also meines Erachtens zu viel Zeit verstreichen lassen. Man hätte sich früher, schneller und intensiver vorbereiten müssen und entsprechende personelle und materielle Vorsorge treffen müssen. Jetzt müssen wir aus dem Boden stampfen, was man jetzt aus dem Boden stampfen kann. 

    Inwieweit arbeiten die Sicherheitsbehörden in Europa zusammen?

    Meines Erachtens zu wenig. Das ist ja deutlich geworden in der jüngeren Vergangenheit, dass die Terroristen als Flüchtlinge quer durch die Balkan-Route kommen und mehrfach registriert werden mit verschiedenen Personalien. Es gab ja diesen Attentäter, der ein Jahr in Deutschland gelebt hatte, und der mit neun Nationalitäten und über 20 Identitäten kreuz und quer durch Europa gereist ist. Sie sehen daran, dass viele Abfragen durchgeführt worden sind, die zu keinem Treffer geführt haben, weil die Leute national nur ausgeschrieben waren. Die europäischen Sicherheitsbehörden müssen noch viel intensiver zusammenzuarbeiten.  

    Allerdings verfolgen Terroristen immer öfter die perfide Taktik des Einzeltäters. Kann man solche Taten überhaupt vermeiden?

    Da steckt ja auch der Daesh dahinter. Ich vermeide im Übrigen den Begriff IS. Es ist zwar ein zu tiefst islamisches Gebilde, aber es ist mit Sicherheit kein Staat. Deswegen verwende ich die arabische Abkürzung für Isis, der Islamische Staat im Irak und in Syrien, und vermeide den Begriff IS für eine Verbrecherbande, die es nicht verdient hat.

    Um auf Ihre Frage zurückzukommen, es ist tatsächlich so, dass der Daesh ganz gezielt diese Anschläge plant, und von langer Hand vorbereitet. Es sind ja schon seit Monaten Leute bewusst nach Europa geschickt worden, verborgen in den Flüchtlingsströmen, das ist alles bekannt. Man weiß aus international ermittelten Erkenntnissen, dass da eine regelrechte Fabrik existiert, die Mann für Mann über das Mittelmeer, über die Balkan-Route nach Europa schleust, und gezielt einsetzt. Diese Taktik ist von der al-Qaida erfunden worden, damals hieß sie noch die ‚Strategy of a Thousand Cuts‘, die Strategie der tausend Schnitte, dass man eben mit vielen kleinen Stichen den großen Gegner viel leichter nehmen und treffen kann, als mit einer einzigen großen Attacke wie 9/11.

    Die Hinwendung zu kleinen Anschlägen, zu mit Nano-Management agierenden Tätern, das ist viel, viel schwerer für die Sicherheitsbehörden zu orten und zu erkennen oder zu verhindern. Über Jahre hinweg haben wir uns in die Falle locken lassen, dass dieser Terrorismus militärisch über den Verfassungsschutz oder polizeilich zu bekämpfen ist. Wir müssen die jungen Menschen erreichen. Und wir müssen versuchen, mit Präventionsprogrammen gegenzusteuern, das ist sträflich vernachlässigt worden.  

    Ganz allein dürfte der Täter in Berlin aber wohl nicht gehandelt haben, Wie ist Ihr Eindruck von den ersten Fakten?

    Nein, ganz allein handelt keiner von denen. Wie Sie erkannt haben, bei den jüngeren Anschlägen sind die meisten sogar in direkten Chat-Kontakten oder Telefonkontakten mit Anleitern oder mit Ausbildern oder Führungsoffizieren, könnte man fast sagen. Die Personen agieren dann augenscheinlich alleine und völlig losgelöst von irgendwelchen größeren Strukturen oder Herrschaftsstrukturen, aber in Wirklichkeit ist das durchaus ein gezielter Einsatz von Einzeltätern. Und das ist mit Sicherheit auch in Berlin so der Fall.

    Was braucht es dazu? Es braucht einen großen Lastwagen, den hat er sich gewaltsam geraubt, und dann fährt er in die Menschenmenge hinein. Das ist ja auch nichts Neues, das hat es ja in Toulouse im Jahr 2015 schon gegeben, das wird dann immer abgetan als Einzeltat, als psychisch gestörter Täter. Auch das ist einer der großen Fehler der Vergangenheit, dass man das Gesamtbild nie gesehen hat, und auch nicht darüber gesprochen hat. In Wirklichkeit war das langfristig gesteuert und geplant.

    Ist Deutschland im europäischen Vergleich mehr oder weniger gefährdet als andere europäische Länder oder ist ganz Europa ein Ziel für Terroristen?

    Mit Sicherheit ist ganz Europa im Fadenkreuz der Terroristen, weil wir die westliche Welt darstellen. Da gibt es keine große Differenzierung. Dass Frankreich, auch Belgien, überproportional betroffen waren, hängt auch mit der französischen Sprache zusammen und mit der speziellen Terrorgruppe des Daesh, einer Spezialeinheit, die in Libyen sitzt, die auch bekannt geworden ist durch den Massenmord an 21 ägyptischen Kopten. Diese Gruppierung hat natürlich engen Kontakt zu Frankreich, über die Sprache und die erleichterte Kommunikation miteinander.

    Aber es war lange bekannt, dass Deutschland, Schweden und England ebenfalls im Fadenkreuz stehen, und dass da ebenfalls Anschläge begangen worden sind, und auch in der Schweiz und Österreich. Es ist ja nicht so, dass da irgendein Staat großartig davon ausgenommen ist. Wir müssen alle die Zeche bezahlen, für die Mitarbeit an der Bekämpfung des islamistischen Terrors.

    Interview: Armin Siebert

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    Weihnachtsmarkt, Lkw-Attacke, Terrormiliz Daesh, Berlin