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    Michail Gorbatschow, der erste und letzte Präsident der UdSSR

    Was Gorbis Perestroika einst und Europa heute zerstört – Experten-Interview

    © AP Photo / Boris Yurchenko
    Politik
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    Gorbatschows Vorschlag, eine Union aus Republiken mit mehr Autonomie, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu bilden, scheiterte an den Machtinteressen der jeweiligen lokalen Führer, wie Prof. Manfred Wilke, deutscher Zeithistoriker und DDR-Forscher, über den Rücktritt des ersten und letzten UdSSR-Präsidenten am 25. Dezember 1991 meint.

    „Entscheidend war der Kampf Jelzins gegen Gorbatschow um die Eigenständigkeit Russlands“, sagte Wilke im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin zum 25. Jahrestag des Zerfalls der Sowjetunion. „Die KP-Generalsekretäre in den Republiken – in der Ukraine und Weißrussland, in Kirgisien und Georgien usw. – machten das alles nach. Sie wollten plötzlich auch nationale Souveränität und Unabhängigkeit. Damals hat niemand gesagt: Stopp! In Jugoslawien führte dieser Prozess zu Zerfall und Krieg. Armenien und Aserbaidschan haben bis jetzt Karabach, und da ist auch Blut geflossen.“

    „Revolutionsjahr“ 1989 als Vorstufe des Zerfalls

    „Im ‚Satellitengürtel‘, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost- und Mitteleuropa für die Sowjetunion entstand, setzte im ‚Revolutionsjahr‘ 1989 ein Prozess der Renationalisierung und Selbstbestimmung ein, der nur einen Nenner hatte: weg von der Sowjetunion“, erläutert der Historiker den Anfang vom Ende der UdSSR.

    Die Transformation der sozialistischen Gesellschaft in Osteuropa 1989 sei eine Vorstufe des Zerfalls gewesen. „Parallel vollzog sich eine Abwendung von dem Bündnispartner Sowjetunion sowie der Abzug sowjetischer Truppen aus Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen“, so Wilke. „Diese ganzen Prozesse haben sich in einzelnen Staaten nacheinander vollzogen, beginnend mit Polen und Ungarn, dann übergreifend auf die DDR, dann kam Bulgarien und das Schlusslicht Rumänien, wo es blutig zuging.“

    Wie der Ostblock zerbrach

    Die Sowjetunion unter Gorbatschow selbst habe wichtige Voraussetzungen für diesen Prozess geschaffen, ergänzt Wilke. Gorbatschows Führung habe „endlich den Mut“ gehabt, „der ökonomischen Lage der Sowjetunion ins Gesicht zu sehen und sich klar zu machen, dass man sich angesichts des Zurückbleibens in der technologischen Entwicklung den eigenen Problemen zuwenden muss. Er hat den Bruderstaaten, wie es damals hieß, mitgeteilt:,Ihr könnt jetzt nicht mehr mit der großen Hilfe der Sowjetunion rechnen. Ihr müsst jetzt für euch selber sorgen‘.“ Gorbatschow selbst habe den Rückstand der UdSSR hinter dem Westen auf mindestens 20 Jahre beziffert.

    Der damalige Präsident habe die Vorstellung einer Gemeinschaft reformierter sozialistischer Staaten vertreten. „Womit er aber nicht gerechnet hatte, war, dass die Völker der Staaten der Meinung waren, genau jetzt Abstand zur Sowjetunion zu brauchen. Dies hat die Krise natürlich auch in der Sowjetunion selbst mentalitätsmäßig vertieft“, so der Historiker.

    Wilke führt das Beispiel eines sowjetischen Generals an, der sich über die erniedrigenden Bedingungen des Abzugs sowjetischer Truppen aus der Tschechoslowakei und Ungarn im Frühsommer 1990  empörte: „Der Abstieg der Weltmacht Sowjetunion hat das Klima im Land stark beeinflusst, aber das Selbstbestimmungsrecht der Völker Osteuropas wurde gewahrt.“

    Besinnung in der DDR…

    Der DDR-Forscher erinnert sich auch, wie sich diese Ereignisse auf die damals noch zwei Deutschlands auswirkte: „In Berlin kam die SED-Führung zu dem Schluss, dass sie noch 1986, als in der Sowjetunion die Perestroika begann, die Zäsur verpasst habe, die Umgestaltung und Reform auf die Tagesordnung zu setzen.“ Erich Honecker und „seine Garde“ hätten den Reformprozess vielmehr mit allen ihnen möglichen Mitteln bekämpft. Und in diesem Moment sei die Initiative verloren gewesen.  „Die Leute sahen und spürten den wirtschaftlichen Zerfall, der dazu geführt hat, dass sie der Meinung waren: Es reicht, genug. Er führte zur Massenflucht und anderen Dingen. Die Verweigerung der rechtzeitigen Reform war einer der Hauptgründe dafür, dass die Prozesse so abliefen, wie sie abgelaufen sind“, betont der Wissenschaftler.

    ….und Bedauern in Deutschland?

    Nach Ansicht des Forschers bedauern die Deutschen das schon darum nicht, „weil sich nach 25 Jahren die Leipziger und Dresdner, die Kölner und die Bonner wieder daran gewöhnt haben, dass es wieder einen deutschen Nationalstaat gibt. Und ich sehe keine politische Kraft, die den auflösen wird.“        

    Keine Chance für Gorbis Europa

    Aber auf europäischer Ebene sieht das etwas anders aus: Auch für die Gegenwart sieht Wilke keine realistische politische Chance für ein gemeinsames Haus Europa à la Gorbatschow, gegen das man am Schreibtisch keine vernünftige Einwände erheben könne. Dabei beachte er besonders die baltischen Staaten und Polen: Die Polen würden am liebsten amerikanische Atomraketen gegen eine mögliche ‚Bedrohung durch Russland‘ in Stellung bringen. Da sehe ich keine Chance, dass eine Neuordnung Europas im Sinne Gorbatschows auf den Weg gebracht werden könnte.“ Es sei die erneute Renationalisierung in Westeuropa, die aktuell zum Zerfall der Europäischen Union führe. „Dann kehren wir gewissermaßen ins 19. Jahrhundert der Nationalstaaten zurück, und die Karten werden wieder neu gemischt.“

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Michail Gorbatschow, Boris Jelzin, UdSSR, Deutschland