23:11 23 Oktober 2018
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    Trauerfeierlichkeiten für den getöteten russischen Botschafter Andrej Karlow im Flughafen von Ankara

    „Welle der Barbarei“ und Ankaras Fehlgriff im Nahen Osten: Experte klärt auf

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    Attentat auf Russlands Botschafter in Ankara (57)
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    Während die Nahost-Stabilität im Allgemeinen bröckelt, scheint die Türkei immer mehr mit Strukturproblemen konfrontiert zu werden, wie der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow in einem Kommentar feststellt.

    Lukjanow schreibt in einem Gastbeitrag für die „Rossijskaja Gaseta“: „Der Mordanschlag auf den russischen Botschafter in der Türkei ist eine ominöse Brücke, die die Finsternis der Vergangenheit mit der von Gegenwart und Zukunft zu verbinden scheint. Der individuelle Terrorakt lässt an die ‚klassischen‘ Zeiten des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückdenken. Bei seinen Drahtziehern gibt es Hinweise auf jene Kräfte, die am Anfang des 21. Jahrhunderts aufgewacht sind, um nicht bloß die Stabilität einzelner Staaten, sondern den eigentlichen Aufbau des Nahen Ostens herauszufordern.“

    Die Unantastbarkeit von Botschaftern geht laut Lukjanow auf die Logik der internationalen Beziehungen zurück – auf die Notwendigkeit also, die Türe für Gespräche immer offen zu halten: „Dass dies geleugnet wird, zeugt von einer aufsteigenden Welle der Barbarei und der Ablehnung jener grundlegenden Regeln, die eine Lenkbarkeit der Weltpolitik sicherten.“  

    Der Nahe Osten sei tief und für eine lange Zeit destabilisiert: „Die Eckpfeiler bröckeln. Die Staaten, die das Tragewerk des ganzen regionalen Systems ausmachten, sind nun von der Sicherheits- und Stabilitätskrise betroffen. Der Irak, Ägypten, Syrien – die maßgeblich wichtigen Nahostländer – sind in verschiedenen Phasen des Verfalls begriffen.“

    Auch die Türkei habe offenbar mit beginnenden Strukturproblemen zu tun. Der gravierende Mord am russischen Diplomaten sei eine Erscheinungsform des allgemeinen Ungleichgewichts, so der Kommentar.

    „Der Wunsch der Regierung in Ankara, an der Gestaltung des Nahen Ostens und besonders an der Aufteilung des ‚Erbes‘ von Baschar Assad aktiv teilzunehmen, hat das Gegenteil bewirkt: Anstatt einer Ausbreitung des türkischen Einflusses auf die Region hat sich die regionale Instabilität auf die Türkei ausgebreitet“, so Lukjanow.

    Das ohnehin angeschlagene innere System der Beziehungen werde in der Türkei erodiert: „Die Fähigkeit, den Staat effizient zu regieren, wird durch einen Komplex von Krisenerscheinungen reduziert (neben dem zunehmenden Radikalismus handelt es sich dabei um das Flüchtlingsproblem, die drastisch zugespitzte Kurden-Frage, die Instabilität der Beziehungen mit den wichtigsten Partnern im Ausland, die Entfremdung des westernisierten Teils der Bevölkerung sowie die Spannungen in der Armee und in den Sicherheitsbehörden). Nach dem gescheiterten Putschversuch im Sommer begann Präsident Erdogan dazu noch, seine Absicht umzusetzen, den politischen und Verfassungsausbau zu seinen eigenen Gunsten zu ändern. Dies katalysierte die Spannungen und den inneren Widerstand in verschiedenen Richtungen.“

    Die zentrale Frage zwischen Russland und der Türkei sei derzeit die Situation in Syrien: „Einerseits konnte die Regierung in Damaskus ihre Positionen festigen – niemand spricht nun ernsthaft von einem Regimewechsel bzw. von einem Regimesturz. Andererseits ist die Lage äußerst instabil und es ist völlig unklar, wie der politische Vorgang aussehen soll, mit dem alle gerechnet haben.“ 

    Syrien lenkt türkisches Feuer auf sich – Russland kann in Konflikt involviert werden

    Der türkische Präsident Tayyip Erdogan und Russlands Präsident Wladimir Putin (Archivbild)
    © AP Photo / Alexander Zemlianichenko
    Lukjanow erläutert: „Die Anhänger von Assad sind nun voller Zuversicht und haben kaum vor, Kompromisse einzugehen. Was die Gegenpartei betrifft, ist es nicht ganz klar, wer als Gesprächspartner auftreten soll. Diejenigen, die über reale militärische Möglichkeiten verfügen (die Provinz Idlib strotzt ja von radikalen Kräften) werden von niemandem als legitime Gesprächspartner betrachtet und sind praktisch alle als Terroristen eingestuft. Was die ‚moderate Opposition‘ betrifft, ist dieser Begriff derzeit noch ephemerer als vorher.“

    Vor diesem Hintergrund sei es grundsätzlich wichtig zu vermeiden, dass Russland und die Türkei ideologisch, politisch und militärisch auf verschiedenen Seiten der Barrikaden landen: „Ein ernstes Gespräch auf Ebene von Geheimdiensten sowie von politischen und Militärführungen soll die Syrien-bedingten Risiken für die beiden Länder so viel wie möglich reduzieren.“

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    Tags:
    Terrorismus, Fjodor Lukjanow, Syrien, Russland, Türkei, Ankara