21:22 29 März 2020
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    Mit dem "Civil March for Aleppo" wollen junge Menschen aus ganz Europa ein Zeichen für den Frieden setzen. Am 26. Dezember ging es los: Rund 20 Kilometer marschieren die Teilnehmer am Tag. Am Montag erreichen sie die tschechische Grenze. Sputnik hat mit Mitorganisator Sebastian Olényi gesprochen.

    Wie ist die Idee für den Marsch entstanden?

    Eine Journalistin hatte die Idee, dass man im Sinne des Friedens mehr tun muss und kann als das, was man bisher getan hat. Sie hat mit der Idee ganz schnell ihre Freunde in Berlin angesteckt und die waren alle begeistert.

    Wer marschiert denn mit?

    Das sind ganz unterschiedliche Leute. Es gibt viele einfache Bürger, die unterwegs dazu stoßen – manchmal nur für ein paar Stunden. Am Start in Berlin waren wir mehrere Hundert. Natürlich kann sich das nicht jeder leisten. Und natürlich hat auch nicht jeder so viel Urlaub, um wirklich lange mitzulaufen. Darum sind viele nur für einen Tag oder ein Wochenende dabei. Der harte Kern besteht aus Freiberuflern. Es gibt auch einige, die sogar extra ihre Jobs gekündigt haben, um mit diesem Friedensmarsch ein Zeichen zu setzen.

    Ihr lauft jeden Tag etwa 20 Kilometer. Wann wollt ihr in Aleppo ankommen?
     
    Wir werden, wenn alles glatt geht, im April ankommen. Aber ob wir wirklich die letzte Grenze überqueren, hängt von ganz vielen Sicherheitsfragen ab. Für uns ist das Wichtigste der Weg.
     
    Wenn man sich das Wetter ansieht, dann ist es nicht gerade ideal zum Wandern. Wir haben einen stürmischen Wintereinbruch. Was waren die ersten Schwierigkeiten?

     
    Klar, es gibt immer Leute, die wegen Blasen an den Füßen und Beschwerden in den Beinen nicht weiterlaufen können. Das waren aber zum Glück nicht viele. Bis jetzt haben wir sehr, sehr viel Gastfreundschaft erlebt und hatten auch einfach Glück mit den lieben Menschen in Brandenburg. Ein Bauer brachte uns zum Beispiel selbstgemachtes Brot und Äpfel. Unterwegs bekommen wir von vielen Essensspenden. Zum Übernachten haben uns Bürgermeister Turnhallen aufgeschlossen oder wir sind in Kirchen untergekommen. Bis jetzt haben wir noch nicht draußen schlafen müssen. Das steht uns aber sicher noch bevor.

    Balkanroute dicht: Diese Umwege bleiben den Flüchtlingen nach Europa
    © Sputnik /
    Balkanroute dicht: Diese Umwege bleiben den Flüchtlingen nach Europa



    Wie plant ihr eure Route und wie werdet ihr an der Strecke unterstützt?
     
    Das ist ein angemeldeter Demonstrationszug, darum werden wir immer von der Polizei eskortiert. Außerdem kündigen wir uns von der Strecke aus per Telefon in den Städten an und versuchen auf uns aufmerksam zu machen, damit sich viele anschließen. Das wirkt: Viele Menschen sagen uns, dass sie durch die Begegnung mit uns gespendet haben. Uns ist wichtig, dass wir immer wieder auf den Krieg in Syrien hinweisen.

    Demnächst erreicht ihr die erste Landesgrenze. Wird sich etwas ändern?
     
    Am Montag laufen wir nach Tschechien rein. Wir haben in allen Ländern auf unserer Wanderroute ein lokales Unterstützerteam. Auch in Tschechien eilt uns ein sehr, sehr positives Echo voraus. Viele Leute sagen: Ja, wir werden mitmarschieren oder wir helfen mit Übernachtungsmöglichkeiten und Essensspenden.

    Wie viele Leute sind permanent unterwegs?
     

    Zum Start in Berlin waren wir 400, dann wurde es weniger. Das ändert sich jeden Tag, wir waren schon mal nur 55. Dann am nächsten Tag aber wieder bei 110. Es sind so knapp 100, die zum harten Kern des Marsches werden plus diejenigen, die zu uns stoßen. Dazu gibt es Leute, die uns auf der Strecke helfen. Ein Transporter begleitet uns. Da sind Kochgeräte drauf, Erste-Hilfe-Sets, ein paar Schlafsäcke für Notfälle. Aber ihr Gepäck und den Proviant müssen die Teilnehmer selber dabeihaben. Im Notfall müssen sie halt im Zelt schlafen.
     
    Was sind denn die Knackpunkte auf der Strecke?
     
    Die allerletzte Grenze ist natürlich die größte Frage, ob wir die überschreiten. Darüber machen wir uns aber keine Gedanken, weil in den nächsten Monaten noch sehr viel passieren kann. Wir haben auch inhaltliche Herausforderungen: Gleich am Anfang haben wir diskutiert, ob wir erlauben wollen, dass die Flagge der syrischen Rebellen gezeigt wird. Wir haben uns dann geeinigt, nur die weiße Friedensflagge zu zeigen, weil wir überparteilich und unabhängig sein wollen. Wir rufen alle Parteien zum Frieden in Syrien auf und dass es eine bessere Versorgung der Zivilbevölkerung geben muss.
     
    Der Marsch ist auch ein Symbol für die Flüchtlinge, die Syrer, diesen Weg wiederzurückzugehen. Begleiten euch auch Syrer?
     

    Nein, wir nehmen niemanden mit nach Syrien zurück. Das erlaubt der Aufenthaltsstatus fast aller Syrer auch gar nicht. Außerdem wäre es für die allermeisten ein Todesurteil zurückzugehen. Für die allermeisten hat sich die Situation in ihrer Heimat nicht geändert. Das gilt auch für die Zivilbevölkerung. Es sind immer noch ganz viele ohne Zugang zu Nahrung und zu medizinischer Versorgung. Das ist nach wie vor eine Katastrophe. Alle Parteien müssen sich mehr als bisher bemühen, diese Situation zu ändern. 
     
    Wie erwarten Ihr Aleppo vorzufinden, wenn Ihr in knapp drei Monaten da seid?
     
    Momentan denken wir fast nur bis zur Grenze. Wir wollen unterwegs viele Leute erreichen und Druck auf die Politiker ausüben. Wir haben ein Buch dabei, in das viele Geflüchtete Nachrichten geschrieben haben. Dieses wollen wir in Aleppo übergeben. Und wie die Stadt aussieht, naja, das kann man sich vorstellen. Die schrecklichen Bilder haben wir in den internationalen Medien gesehen. Da wird sich bis April nicht viel getan haben. Ob wir die Stadt wirklich erreichen, darüber können wir im März noch einmal sprechen.
     
    Wer den „Civil March for Aleppo“ unterstützen möchte, kann das tun. Alle Infos gibt es auf der Seite www.civilmarch.org.
     
    Das komplette Interview finden Sie hier:

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    Polizei, Europa, Berlin