04:52 27 März 2017
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    Flagge von Großbritannien in Moskau

    „Zynische Realisten“: Hintergründe für neue Töne gegenüber Moskau aus London

    © AFP 2017/ Pavel Zelensky
    Politik
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    Der britische Außenminister Boris Johnson, der als Befürworter der Sanktionen bekannt ist, warnt plötzlich vor einer Dämonisierung Russlands – die russische Onlinezeitung vz.ru beschäftigt sich mit den Hintergründen.

    Die Onlinezeitung zitiert Johnson, der soeben die USA besucht hat, mit den Worten: „Wir machten die neue US-Administration und den Kongress darauf aufmerksam, dass (…) es wahnsinnig wäre, Russland zu dämonisieren oder in die Enge zu treiben.“ 

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    Vz.ru kommentiert, es sehe ziemlich sonderbar aus, dass ausgerechnet Johnson den Teammitgliedern von Donald Trump solche Ratschläge gibt: „Es ist eben Trump, der sich für eine Normalisierung mit Moskau und gegen eine Dämonisierung von Putin ausspricht. Johnson, der seit einem halben Jahren als Außenminister fungiert, ist dagegen durch seine ziemlich scharfe antirussischen Äußerungen bekannt (…) Er warf Russland Verbrechen in Syrien vor, plädierte für Demonstrationen vor der russischen Botschaft und sagte, dass Großbritannien in Sachen Sanktionen ein Spitzenreiter sein müsste.“

    Es gebe aber eine simple Erklärung für die neuen Töne, die Johnson anschlägt: „Am 20. Januar soll Trump sein Amt antreten – und selbst die hartnäckigsten Anhänger der Eindämmungspolitik gegen Russland (…) bereiten sich auf eine neue Realität vor. Es ist klar, dass Trump die US-Politik gegenüber Russland wirklich ändern will. Die Juniorpartner in der atlantischen Allianz werden über ihre Linie entscheiden müssen. Was sollen sie nun tun?“

    „Falls Trump beginnt, die USA aus dem Konfrontations-Modus mit Russland aussteigen zu lassen, wird London beim besten Willen nicht in der Lage sein, als Organisator der Anti-Russland-Sanktionen für Washington einzuspringen“, so der Kommentar. 

    Das geopolitische Gewicht des Königreichs reiche dafür nicht aus, eine weitere Hürde sei die aktuelle Situation mit dem Brexit – Britannien werde ja im geeinten Europa nichts mehr beeinflussen können: „Für eine ernstzunehmende Macht wie Großbritannien wäre es deshalb dumm, weiter auf der Forderung nach einer ‚Eindämmung gegen Russland auch ohne die USA‘ zu beharren.“

    Die Regierung in London wolle sich also der neuen Realität anpassen. Aber auch in Stockholm sei man aufgewacht, schreibt vz.ru und zitiert den schwedischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven mit den Worten: „Schweden sollte sich auch aktiver darum bemühen, die notwendigen Kontakte mit Russland aufzunehmen. Ohne unsere kritische Meinung zu einigen wichtigen Fragen aufzugeben, wollen wir trotzdem Spannungen in den Beziehungen mit unserem östlichen Nachbarn abbauen.“ 

    Die russische Onlinezeitung kommentiert weiter: „Sowohl in Stockholm als auch in London sind zynische Realisten am Steuer, die den Kurs ändern, sobald es klar wird, dass die alte Linie keine Aussichten mehr hat. Zwar bedeutet dies nicht, dass Schweden und Großbritannien nun damit beginnen werden, den entgangenen Gewinn in ihren Beziehungen mit Russland auf Hochtouren aufzuholen (…) Doch jene Kräfte in diesen Ländern, die an gemeinsamen Wirtschafts- und Handelsprojekten mit Russland interessiert waren, werden die Möglichkeit bekommen, sie endlich umzusetzen.“

    „Weder die Engländer noch die Schweden wollen zugunsten ihrer deutschen oder französischen Konkurrenten auf mögliche Gewinne verzichten, während das geopolitische Barometer auf ein Ende des Sturmwetters in den Beziehungen zwischen Russland und der EU steht“, heißt es im Kommentar.

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    Tags:
    Brexit, EU, Boris Johnson, USA, Großbritannien, Russland