SNA Radio
    Antonio Tajani

    Sonneborn über Tajani: Bunga-Bunga im EU-Parlament

    © REUTERS / Christian Hartmann
    Politik
    Zum Kurzlink
    21142

    Der neue EU-Parlamentspräsident steht fest: Nachfolger von Martin Schulz wird der italienische Konservative Antonio Tajani. Erst in der 4. Wahlrunde setzte er sich gegen seinen Landsmann Gianni Pitella durch. Was kann man von dem Berlusconi-Gefährten erwarten?

    Seine Vorstellung davon hat Martin Sonneborn, Satiriker und Mitglied im Europäischen Parlament. Ein Interview.

    Herr Sonneborn, als Mitglied des Europaparlaments — wie haben Sie die Wahl gestern mitbekommen?

    Ich grüße erst einmal die Hörer draußen an den Geräten, hier aus dem Spa-Bereich meines Sternehotels in Strasbourg. Ich erhole mich hier gerade im Whirlpool von den anstrengenden Abstimmungen gestern. Wir mussten von morgens kurz vor neun bis abends um kurz vor neun abstimmen. Es war tatsächlich eine etwas schwer vorhersehbare und irritierend verwirrende Veranstaltung. Eine konservative Mehrheit im Parlament kann zwar auch einen konservativen Präsidenten durchsetzen, aber es gab ja noch Verhandlungen zwischen den Fraktionen und ich glaube, es wusste bis zum Schluss niemand wirklich sicher, wer Präsident wird.        

    Die US-Zeitung Politico titelt: „And the winner is… a backroom deal“,  also in etwa „Gewonnen hat der Hinterzimmer-Deal“. Was wurde da in den Hinterzimmern getrieben?

    Es wurde heftig verhandelt. In der konservativen EVP sitzen Merkels Partei und die CSU zusammen mit Forza Italia Leuten, Alessandra Mussolini und Leuten aus der ungarischen Fidesz Partei. Offensichtlich hat Manne Weber, der deutsche Vorsitzende, es nicht geschafft, diesen Haufen zu einen. Wenn es richtig ist, was ich gehört habe, haben die Deutschen es geschafft, ihre Vielzahl an Stimmen zu drei gleichen Teilen auf drei Kandidaten zu verteilen. So waren sie praktisch nicht das Zünglein an der Waage, oder konnten überhaupt eine entscheidende Rolle spielen. Deswegen ist Tajani, dieser etwas zwielichtige Italiener, dort in der EVP als Kandidat, als Sieger hervorgegangen. Obwohl Tajani unbeliebt war, selbst bei einigen Konservativen, aber noch viel mehr bei Sozialdemokraten, selbst bei Rechts- und auch bei Linksradikalen — also ich verstehe gar nicht wie man so unbeliebt sein kann.

    Die Liberalen haben ja auch einem Vorsitzenden mit Machtanspruch, Guy Verhofstadt, ich glaube er ist der Mann mit den höchsten Nebeneinkünften im EU-Parlament, deswegen hat er meinen Respekt. Er hat seine eigene Kandidatur zurückgezogen und hat sich von der EVP Posten versprechen lassen. Er hat deshalb den konservativen Kandidaten gestützt und damit konnte Tajani diese Wahl gewinnen.

    Wen hätten Sie gerne als Parlamentspräsidenten gehabt?

    Europäischen Parlament in Straßburg
    © Flickr / European Parliament

    Ich bin meinem Ja — Nein — Ja — Nein — Schema in diesen Abstimmungen weitgehend treu geblieben. Ich hätte gerne Pitella gesehen. Das ist ein Italiener, dessen süditalienischen Akzent ich sehr gerne mag. In seinen Reden regt er sich immer so schön auf. Der hat die große Koalition im Europaparlament aufgekündigt. So eine große Koalition ist, glaube ich, immer eine der schädlichsten Eigenschaften dieser Institution. Da wird über alles abgestimmt und die kleineren Parteien können keine korrektiven Fähigkeiten mehr ausüben. Ich habe einfach auf mehr Krawall und auf mehr Auseinandersetzung der politischen Strömungen gesetzt und deswegen habe ich Gianni Pitella gewählt.

    Was erwarten Sie von Tajani?

    Ich glaube, dass es problematisch ist, dass ein Parlamentspräsident derart mit der Kommission verknüpft ist, das sind ja eigentlich Widerparte in einem Spiel des Ausgleichs und der Auseinandersetzung. Problematisch ist auch, dass er seine langjährigen Erfahrungen nicht nur im Europaparlament, sondern auch in Berlusconis Partei gesammelt hat. Er ist Mitbegründer von Forza Italia, Berlusconis Freund, lange Zeit sein Sprecher gewesen, also ein guter Bunga-Bunga-Mann und insofern sehe ich den gar nicht gerne an exponierter Stelle in Europa.

    Wird sich der ehemalige Pressesprecher von Silvio Berlusconi, Antonio Tajani mit dem US-Präsidenten Trump gut verstehen?

    Das kann ich ihnen überhaupt nicht sagen, aber er versteht sich mit jedem bisher ausgezeichnet und sehr gut. Das wird immer wieder betont, also wahrscheinlich auch mit Trump. Ich hoffe, dass er sich auch mit Putin ausgezeichnet versteht — mit Trump und Putin. Das wäre natürlich eine Herausforderung.

    Interview: Bolle Selke

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Raus aus EU, rein in Demokratie - Wahlbetrug um EU-Parlamentspräsident aufgeflogen
    EU in Krise: „Zeit zum Aufwachen für die Brüsseler Bürokratie“
    Darum ist liberale Demokratie in Europa vom Verfall bedroht: Experte klärt auf
    Tags:
    EU-Parlament, Martin Sonneborn