SNA Radio
    Fake News

    „Trump-Panik“: Bedrohen Fake News die Demokratie? - Experten bei Digitale Agenda

    © Flickr / opposition24.de
    Politik
    Zum Kurzlink
    8647
    Abonnieren

    Der Ausschuss Digitale Agenda hat letzten Mittwoch zum öffentlichen Fachgespräch eingeladen: Experten aus Medien und Wissenschaft standen dem Ausschuss zu Fragen über Fake News, Social Bots, Hacks und Co. Rede und Antwort.

    Allgemein stehen die Experten regulatorischen Eingriffen im Kampf gegen Fake News, Social Bots, Hacks und Hate Speech eher skeptisch gegenüber. Sie wiesen darauf hin, dass es sich um relativ neue Probleme handle, die von Seiten der Wissenschaft noch nicht ausreichend untersucht worden seien.

     Als erster Experte in der Runde sprach Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik in München. Für ihn sei es wichtig, dass man vorsichtig bei solchen Sachen agiere:

    "Der eine Punkt ist: Diese ganzen drei Themen — Bots, Fake News und gezielte Propaganda — sind sehr schwierig empirisch zu erfassen und zu analysieren. Es ist sicherlich auch so, dass man jetzt nicht in eine Trump-Panik verfallen sollte. Ich glaube, dass wir in Deutschland schon eine ziemlich andere Situation haben als in den USA."

    Gleichzeitig glaubt er aber auch, dass im Prinzip jede politische Debatte, die in sozialen Netzwerken geführt wird, inzwischen manipuliert sei. Es gebe dort Beiträge, die darauf zielen, den Schein einer Quantität zu erzeugen, der eigentlich nicht den Tatsachen entspricht. Auf der einen Seite gebe es etwas, das Professor Hegelich low-quality-high-frequency Manipulation nennt:

    "Das heißt also, wir haben bestimmte Techniken, wie zum Beispiel Social Bots, die eigentlich vom Inhalt her ziemlich schnell zu durchschauen sind, die aber trotzdem ein gewisses Risiko bergen, weil sie in einer unglaublichen Frequenz Nachrichten senden können."

    Das Gegenstück davon, konnte man laut Professor Hegelich auch im US-Wahlkampf beobachten. Er nennt es: high-quality-low-frequency Manipulation:

    "Wo gewisse Fake News Stories über ganz lange Zeit über alle möglichen sozialen Netzwerke hinweg ausgebaut werden und zu ganz glaubwürdigen Geschichten entwickelt werden und ganz langsam eine größere Verbreitung finden." 

    Trotzdem meint der Münchener Politikwissenschaftler, dass das Thema noch weitgehend unerforscht sei. Er betont: 

    "Selbst wir als Wissenschaftler sind ja im Moment noch relativ blind. Es ist ziemlich aufwendig, man darf auch nicht vergessen, dass wir da wirklich über Big Data-Fragen reden, das macht man nicht mal eben am Nachmittag. Insofern ist das vielleicht auch ein Ansatzpunkt, wo man etwas tun kann."

    Er hält es für sehr gefährlich, die Inhalte politisch regeln zu wollen, anstatt sich für Strukturen einzusetzen, die eine offene und pluralistische Diskussionskultur fördern.

    Professor Christian Stöcker von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg glaubt, dass es gezielte Desinformation und Propagandaangriffe von interessierter Seite gebe, allerdings nicht nur einseitig, wie er darlegt:

    "Wir wissen zum Beispiel aus dem US-Wahlkampf, dass es natürlich Bots gab, die Werbung für Trump gemacht haben. Es gab aber auch Bots, die Werbung für Hillary Clinton gemacht haben. Es ist also nicht so, dass es eindeutig Gute und eindeutig Böse gibt und die Bösen setzen böse Methoden ein und die Guten machen garnichts."

    Trolle und Bots, so Stöcker, würden nur deshalb funktionieren, weil in Teilen der Bevölkerung das Vertrauen in traditionelle Medien und Institutionen gesunken sei. Der ehemalige Spiegel Online-Redakteur betont, dass man auf diese Problematik reagieren müsse, nicht aber primär und ausschließlich mit regulatorischen Maßnahmen, so Stöcker:

    "…weil das Konglomerat der Dinge, die da eine Rolle spielen, ist so komplex, da kommen Sie nicht mit einem Gesetz weiter. Sondern da spielt Bildung eine Rolle, da spielt die Art und Weise, wie öffentlich kommuniziert wird eine Rolle, da spielt auch tatsächlich die Selbsthygiene des deutschen Mediensystems eine Rolle. Stefan Niggemeier hat es heute noch einmal groß aufgeschrieben: Es gibt natürlich auch in Deutschland Medien, die Dinge berichten, die einfach Quatsch sind — auch klassische Mainstream-Medien. Solange das der Fall ist, ist es natürlich relativ schwierig zu sagen, da sind die bösen Propagandisten."

    Für Markus Reuter, Experte unter Anderem für Hate Speech, Zensur, Fake News und Social Bots bei Netzpolitik.org, sind am weitesten in Deutschland verbreitete Arten von Fake News fremdenfeindliche Gerüchte über angeblich kriminelle Ausländer und Geflüchtete. Hinter diesen Gerüchten und Fake News sieht Reuter nicht  böse Player, die dies steuern, sondern, wie er erläutert:

    "Da hat sich eine Praxis, oder auch eine rechte Strategie in sozialen Netzwerken eingebürgert. Was ich da zum Beispiel ganz schön finde, ist das hier Polizei, Medien und aufklärende Projekte bei der Enttarnung dieser Fake News sehr dagegen halten und auch zeigen, dass man die Sachen dekonstruieren, dementieren und auch bekämpfen kann, ohne dafür zu regulieren."

    Auch Reuter spricht sich für Vorsicht bei den Reaktionen auf Fake News aus:

    "Grundsätzlich sehe ich ein Problem, dass man bei vielen der Gegenmaßnahmen, die jetzt im Raum stehen gegen Social Bots und Fake News, dass man sehr schnell zu Einschränkungen von Grund- und Freiheitsrechten kommt. Gleichzeitig verschiebt sich bei vielen Vorschlägen, die ich gehört habe, die Entscheidung über Meinungsfreiheit dann hin von Gerichten, eher zu den Plattformen."

    Problematisch sieht er auch, wer eigentlich nach welchen Kriterien entscheiden soll, was wahr und falsch sei. Er erklärt:

    "Es gibt immer viele Sichten auf ein Thema, und wir alle tendieren ja dazu, dass wir Dinge, die uns nicht gefallen, als falsch wahrnehmen. Es lassen sich natürlich einfache Tatsachenbehauptungen mit ein bisschen journalistischem Handwerkszeug überprüfen und wiederlegen."

     Laut Reuter bekäme man ziemlich schnell ernste Probleme, wenn man versuchen würde, die eine Wahrheit zu finden. Er glaubt auch, dass man noch relativ wenig über Fake News und Bots weiß. Die Wissenschaft stecke da noch in den Anfängen. Es scheine klar, dass da etwas passiere, jedoch nicht immer nur auf politischer Ebene, wie er berichtet:

    "Mir sind in meinen Recherchen Netzwerke aufgefallen, wo auf einmal für Bauwirtschaft Bots aktiv waren — aus Suchmaschinenoptimierungsgründen, oder einfach um die Relevanz zu erhöhen. Es ist also generell ein Problem, was nicht nur in der politischen Sphäre aktiv ist. Ich finde aber, dass sich die Diskussion momentan ein bisschen anfühlt, als würden wir durch die Phänomene innerhalb der nächsten Monate  unsere Demokratie zerstört bekommen. Das halte ich für alarmistisch. Ich würde angesichts der noch relativ dünnen empirischen Grundlage dazu raten, sich ein bisschen zurück zu lehnen und zu schauen, wie man in dem Wahlkampfjahr diese Phänomene erforschen, und wie man funktionierende Abwehrmechanismen, die es ja auch schon gibt, einsetzen kann."

    Gesprochen hat auch Daniel Fiene, Leiter redaktionelle Digitalstrategie der Rheinischen Post. Er meinte, dass die aktuellen Entwicklungen durchaus Anlass zur Sorge geben würden. Christina Dinar von der Amadeu-Antonio-Stiftung fordert abschließend als Antwort auf Hate Speech eine digitale demokratische Debattenkultur, die auch überzeugende Gegenrede praktiziere und einen kommunikativen Klimawandel fördere.

    Bolle Selke

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Fake-News, Donald Trump, Hillary Clinton, Deutschland, USA